Die Vorwürfe, dass zu wenig in Sachen Aufarbeitung getan werde, will die LEH so nicht stehen lassen. »Wir hatten das Thema seither bei jedem Leitertreffen auf der Tagesordnung«, sagt Erika Risse, die Vorsitzende. Auch bei einer zweitägigen Konferenz im Juni in Bad Boll am Fuße der Schwäbischen Alb habe man die »Sexuelle Gewalt an Schulen« thematisiert. Das Internat Salem sei bei dieser Debatte gar nicht vertreten gewesen.

Was sich an den einzelnen Schulen nun aber konkret verändert hat, wie gut man die Schüler gegen sexuelle Übergriffe schützt, darüber hört man auch anderthalb Jahre nach dem Missbrauchskandal wenig.

Früher sei die LEH eine progressive Institution gewesen. Mit viel Raum für Diskussion, für kritische Gespräche, erzählen damalige Mitglieder. Heute sei sie ein loser Verbund, der ab und zu Werbeanzeigen schalte, um neue Schüler anzulocken. Was die Odenwaldschule betreffe, so habe der Verband im vergangenen Jahr kaum Neuzugänge vermitteln können, bemängelt die Schulleitung, ohne zuzugeben, wie groß der Imageschaden tatsächlich ist, den die Missbrauchsfälle ausgelöst haben.

Den LEH-Mitgliedsbeitrag von etwa 50.000 Euro pro Jahr will die Odenwaldschule nun in die Entschädigung der Opfer investieren. Die von der Schulleitung ins Leben gerufene Stiftung »Brücken bauen« soll zusätzlich Geld einwerben, hat bei den Betroffenen selbst aber keinen guten Ruf. Ein »Tarnkappenverein«, sagt Adrian Koerfer vom Betroffenenverband »Glasbrechen«. Die Stiftung sei für die Opfer bislang kaum erreichbar gewesen. Auch die Schulleitung der Odenwaldschule hat laut Koerfer den Kontakt zu den Opfern noch nicht gesucht. »Wir wollen nicht mehr darum bitten, dass jemand mit uns spricht«, sagt Koerfer. »Wir wollen nicht mehr betteln.«

Ob sich die Vereinigung der Landerziehungsheime nach dem Austritt der Odenwaldschule nun neu ausrichten wird, wird zunächst eine Klausurtagung Ende Oktober in Bozen zeigen. Zwei der bekanntesten Mitgliedsschulen sind dann nicht mehr dabei. »Ich bin der Meinung, dass die LEH auch weiterhin lebensfähig und sinnvoll sein kann«, sagt Birklehof-Schulleiter Christof Laumont. Es möge aber Stimmen geben, die das nicht so sähen. Wenn es schlecht läuft für Risse, werden weitere der verbleibenden 19 Internate austreten, und die Vereinigung steht möglicherweise vor dem Aus.

Die Zahl der Opfer, die ihr Schweigen brechen, steigt unterdessen beständig weiter.