ZEITmagazin: Björk, wann haben Sie zuletzt einen Brief geschrieben?

Björk: Einen echten Brief? Sie meinen mit Füller, Papier und Briefmarke? Vor zwanzig Jahren vielleicht. Es ist jedenfalls so lange her, dass ich mich nicht mehr erinnern kann.

ZEITmagazin: Sie gelten als technikbegeisterte Künstlerin. Wie lange halten Sie es offline aus?

Björk: Unser Gespräch ist für mich schon eine Geduldsprobe. Am liebsten würde ich, während wir hier sitzen, meine Mails checken, meine Voicemail abhören und noch einige SMS verschicken. Das liegt vor allem an meinem neuen Album. Sie können sich gar nicht vorstellen, was für irrwitzige Kleinigkeiten da von mir geplant und abgestimmt werden müssen.

ZEITmagazin: Zum Beispiel?

Björk: Zum Beispiel muss heute noch entschieden werden, ob die Aufkleber auf der japanischen CD schwarz oder grün sein sollen. Da gehen viele Mails und SMS hin und her.

ZEITmagazin: Und wie lange halten Sie es ohne Internet aus, wenn Sie mal nicht arbeiten?

Björk: Zuletzt war ich im August zwei Wochen im Urlaub und vollkommen offline. Wir waren auf dem Land, und es war himmlisch ohne den ganzen Irrsinn. Ich brauche diese komplette Vernetzung gar nicht so zwingend, wie Sie vielleicht annehmen. Na gut, ich will ehrlich sein: Einmal bin ich heimlich in das nächste Dorf gefahren, um in einem Internetcafé meine Mails zu checken.

ZEITmagazin: Machen Sie nie Pause?

Björk: Zwischen meinen Alben lasse ich es immer zwei bis drei Jahre lang ruhiger angehen. Da gibt es durchaus mal vier Wochen, in denen ich meinen Computer nicht anschalte.

ZEITmagazin: Kaum zu glauben.

Björk: Doch! Fragen Sie meine Freunde, die haben sich daran gewöhnt, dass sogar ich manchmal nicht zu erreichen bin. Der Großteil meines Lebens ist leider von extremen Umständen geprägt: Ich verbringe auf Tourneen Monate allein in Hotelzimmern, stehe ständig unter Strom. Und dann – wumms – ist die Tour vorbei, ich muss wieder runterkommen vom Adrenalinrausch und mich im Alltag zurechtfinden. Wenn ich zu Hause bei meiner Familie bin, versuche ich mit aller Kraft, der häuslichste Mensch im Universum zu sein. Und wenn ich es mir leisten könnte, würde ich jahrelang keine E-Mails beantworten.

ZEITmagazin: Für jeden Song auf Ihrem neuen Album »Biophilia« gibt es eine aufwendige iPad-App. Man kann da mit Melodien spielen, sie grafisch sichtbar machen oder zerlegen, etwas lernen oder einfach nur staunen. »Biophilia« ist das erste iPad-Album. Ich besitze allerdings kein iPad. Gehöre ich damit nicht zu Ihrer Zielgruppe?

Björk: Das ist ein Missverständnis. Es gibt zwei Arten des Musikhörens, die aktive und die passive. Bei Biophilia kommen Sie sehr gut ohne die Apps zurecht, die Musik besteht auch allein. Alles darüber hinaus hängt davon ab, wie weit Ihr Interesse an Kunst geht. Wenn mir ein Film gefällt, will ich immer mehr über ihn wissen und google ihn. Das ist natürlich nicht immer erhellend, manchmal verschwende ich so viel Zeit mit Unsinn. Aber es gibt dabei immer wieder die Chance, in faszinierende Dimensionen vorzustoßen. Die Kunst einer tollen App besteht in der Balance zwischen Nichtigkeit und Erhellung. Außerdem kann jeder für sich entscheiden, ob er Musik auf dem iPad hören möchte oder auf Vinyl.

ZEITmagazin: Mit Ihren Apps wollen Sie zu musikalischen Experimenten ermuntern. Wie war Ihr Musikunterricht in der Schule?

Björk: Schrecklich, obwohl ich an Musik schon immer sehr interessiert war. Seit ich denken kann, habe ich gesungen und in Bands gespielt. Der Schulchor hat mir damals am besten gefallen, es hat mich berauscht, als wir mit vier anderen Chören drei Monate lang Bachs Matthäus-Passion übten.

"Leider sind meine Englischkenntnisse nur mittelmäßig"


ZEITmagazin:
Haben Sie nicht mal behauptet, dass die Beschäftigung mit den jahrhundertealten Werken deutscher Komponisten Ihre musikalische Ausbildung ruiniert hätte?

Björk: Das war auch so. Aber ich habe gar nichts gegen diese deutschen Klassiker. Was ich für falsch halte, ist die Idee, Kinder uralte Musik nachleiern zu lassen, ohne ihnen Raum zur freien Entfaltung zu gewähren. Ich wollte schon mit fünf selber Musik machen und Dinge ausprobieren. Aber in der Schule wollten sie einen Roboter für ein Symphonieorchester aus mir machen, der perfekt funktioniert. Dagegen habe ich mich gewehrt. Außerdem wollte ich frische isländische Mädchenmusik machen und keine steinalten Melodien aus Deutschland nachspielen.

ZEITmagazin: Sie haben mit elf Ihr erstes Album veröffentlicht. Sie singen darauf Kinderlieder und auch den Beatles-Song »Fool on the Hill« auf Isländisch. Wie kam es dazu?

Björk: Ich fiel auf, weil ich immer und überall gesungen habe. Ein Lehrer machte eine Plattenfirma auf mich aufmerksam, und ich bekam das Angebot, eine Platte zu machen. Spannend daran fand ich vor allem das Tonstudio, die Ingenieure zeigten mir, wie die Maschinen funktionierten. Ich habe nicht alles verstanden, aber die Magie des Studios hat mich gepackt. Ohne meine Sehnsucht danach wäre Biophilia nicht entstanden.

ZEITmagazin: Was bedeutet »Biophilia« eigentlich?

Björk: Als ich den Namen auswählte, dachte ich, er bedeutet »Nähe zur Natur«. Mittlerweile musste ich mir aber erklären lassen, dass das Quatsch ist. Leider sind meine Englischkenntnisse nur mittelmäßig. Korrekt übersetzt heißt Biophilia so etwas wie »Liebe zum Leben«. Was mir zu kitschig klingt, aber nun ist es zu spät. Die meisten Menschen, die Englisch nur so halb gut sprechen wie ich, werden hoffentlich verstehen, was ich meine.

ZEITmagazin: Wir sitzen hier in Reykjavík in einem sturmumtosten Holzhaus am Wasser. Wie halten Sie es als leidenschaftlicher Fan isländischer Naturgewalten eigentlich in Ihrem Zweitwohnsitz New York aus?

Björk: Da wohnt nun mal Matthew Barney, mein Lebensgefährte. Aber ich brauchte tatsächlich zwei Jahre, um mich an New York zu gewöhnen. In Brooklyn habe ich ein Haus gefunden, das dicht am Wasser liegt, in einer Gegend, in der man den Himmel sehen kann.

ZEITmagazin: Wenn man wie Sie in Island aufgewachsen ist: Hat man dann eine besonders innige Beziehung zur Natur, oder ist das nur ein schönes Klischee?

Björk: Nein, das kommt schon hin. Aus dem einfachen Grund, weil die Natur hier im Alltag eine tragende Rolle spielt. Reykjavík ist nicht so ein utopischer High-Tech-Disney-Ort wie Manhattan oder andere moderne Ballungszentren. In New York sieht man Natur nur, wenn man in einem Zeitschriftenladen ein Magazin wie National Geographic aufschlägt. Ich könnte nie ein ganzes Jahr in einer Stadt wie New York überstehen. Dieses Lebensmodell: fünfzig Arbeitswochen zwischen Stahl und Beton und dann zwei Wochen Ferien am Strand? Unvorstellbar!

ZEITmagazin: Wo haben Sie »Biophilia« aufgenommen?

Björk: In Reykjavík, Brooklyn, aber auch in Puerto Rico und Guatemala und auf diversen kleinen Inseln.

ZEITmagazin: Haben Orte Einfluss auf die Musik, die dort entsteht?

Björk: Auf jeden Fall, aber eher indirekt. Songs, die ich in Spanien einspiele, haben keinen Flamenco-Touch. Man kann aber das Gefühl eines Ortes, seine Weite oder Enge, musikalisch umsetzen und spürbar machen. In Puerto Rico bin ich viel im Meer geschwommen und habe dann am Strand gesungen. In New York hätte das nicht funktioniert. In meinem neuen Song Virus rauscht also das Karibische Meer aus meiner Stimme.

ZEITmagazin: Bedeutet es auf die Dauer nicht einen großen Druck, Björk zu sein? Mit jeder Platte müssen Sie aufs Neue besonders raffiniert sein, Maßstäbe setzen, neue Dimensionen erforschen.

Björk: Als Künstler muss man die Routine vermeiden, die Stagnation. Mein Problem beginnt damit, dass meine Songs immer auf dieselbe Art entstehen, nämlich wenn ich in der freien Natur spazieren gehe. Ich wandere an einem stürmischen Tag hier in Reykjavík am Meer entlang und summe eine Melodie. Eine Melodie, die ich nach so einem Spaziergang wieder vergessen habe, kann nicht wirklich brauchbar sein.

"Wer sich für Werbung hergibt, dem glaube ich nie wieder, was er singt"

ZEITmagazin: In einigen der »Biophilia«-Apps können Ihre Songs verändert werden. Wird damit nicht die Idee von der endgültigen Version eines Liedes zu Grabe getragen?

Björk: Das finde ich nicht. Letztlich sind es meine Songversionen, mit denen hier gespielt wird. Jeder kann sich zwar seine individuellen Variationen basteln, aber die Vorlagen sind immer noch von mir. Die Freiheit ist also sehr relativ, weil ich ja die Grenzen setze.

ZEITmagazin: Hat Musik in den vergangenen Jahren an Bedeutung verloren? Sie ist überall im Netz umsonst zu finden und wird von vielen Menschen nur noch als großes Hintergrundrauschen wahrgenommen. Überfordern Sie mit Ihren zeitintensiven Apps nicht Ihre Hörer?

Björk: Ich behaupte das Gegenteil. Viele Menschen wollen heutzutage viel mehr über Musik wissen als je zuvor. Dadurch, dass so viel Musik im Netz zu haben ist, wird doch das Interesse daran drastisch erhöht. Vielleicht kenne ich ja die falschen Leute, aber ich nehme um mich herum ein steigendes Interesse an Musik war. Die Berieselung durch Musik in Supermärkten und Restaurants geht mir auch auf die Nerven. Das Gegenteil ist aber auch nicht toll: Vor hundertfünfzig Jahren lief nirgends Musik. Manche Komponisten hörten ihre Werke vielleicht nur einmal in ihrem Leben.

ZEITmagazin: »Biophilia« ist offenbar exklusiv auf ein Apple-Produkt hin produziert worden. Hatte sich eigentlich jemals Steve Jobs bei Ihnen gemeldet?

Björk: Ich habe Steve Jobs zwar einige Male getroffen, weil er mich immer wieder überreden wollte, Werbung für seine Firma zu machen. Das musste ich aber leider jedes Mal dankend ablehnen.

ZEITmagazin: Viele Ihrer Kollegen, von Bob Dylan bis Madonna, haben mit Werbung keine Probleme. Was hält Sie davon ab?

Björk: Ich bin eben ein alter Punk. Ich lasse mir ja nicht mal meine Tourneen von Sponsoren finanzieren. Dabei bin ich mir nicht mal sicher, ob das besonders clever ist. Aber mir geht es auch um Integrität. Da bin ich ganz altmodisch. Ich finde es irgendwie beschämend, wenn ich Musiker, die ich bewundere, in Werbeclips sehe.

ZEITmagazin: Mögen Sie dann deren Musik weniger?

Björk: Genau da liegt das Dilemma. Von mir aus sollen alle Werbung machen, aber das nächste Mal, wenn ich ihre Musik höre, habe ich ein Problem. Wer sich für Werbung hergibt, dem glaube ich nie wieder, was er singt.

ZEITmagazin:Was führte Sie denn zur Firma Apple?

Björk: Ich war neugierig, ob sie uns bei der Umsetzung unserer Ideen helfen könnte. Ich kam auf keine andere Firma, die dazu in der Lage gewesen wäre. Ich will hier kein Loblied auf einen börsennotierten Milliardenkonzern singen, aber der Enthusiasmus der Leute dort für technische Möglichkeiten ist einzigartig.

ZEITmagazin: Die waren sicher froh, nun doch mit Ihnen ins Geschäft zu kommen, oder?

Björk: Ich weiß auch, dass das kein Idealistenladen ist. Apps sind ein Geschäftsmodell. Aber Musiker sollten sich bei solchen Entwicklungen trotzdem viel mehr einbringen. Sie müssen zeigen, wie weit die Möglichkeiten reichen. Wir leben in einer aufregenden Zeit, die Weichen für die Zukunft werden jetzt gestellt. Ich will mit diesen Apps nicht reich werden. Ich will nur dabei sein, wenn die Formate der Zukunft entwickelt werden.

"Ich bin apolitisch"

ZEITmagazin: Zu Geld scheinen Sie ein besonderes Verhältnis zu haben. Als Island vor einigen Jahren in wirtschaftliche Turbulenzen geriet, gründeten Sie einen millionenschweren Investmentfonds namens Björk. Mit welchem Ziel?

Björk: Das war nicht meine Idee. Während der Finanzkrise schienen große Aluminiumwerke vielen Isländern als einzige Chance, die Wirtschaft hier wieder in Schwung zu bringen. Die ökologischen Veränderungen, die mit solchen Werken einhergehen, sind aber fürchterlich. Flüsse und Wasserfälle sollten gestaut, große Flächen geflutet werden und vieles mehr. Viele Menschen in Island waren vehement dagegen. Aber die Wirtschaft hier brauchte dringend Investitionen.

ZEITmagazin: Und wie passten Sie als Popmusikerin da rein?

Björk: Es gab da ein paar Frauen, die hier in Island besondere Investmentfirmen betrieben, darunter einige alte Freundinnen von mir. Ihre Idee war, auf grüne Industrien zu setzen und dafür Geld zu sammeln. Diese Frauen baten mich darum, meinen Namen für ihren Fonds zur Verfügung zu stellen, einfach nur, um Aufmerksamkeit zu erzeugen. Das alles erschien mir sinnvoll, und ich willigte ein. Meine einzige Bedingung war, dass das eingesammelte Kapital ausschließlich dafür verwendet wird, wirklich grünen Firmen zu helfen. Mit den Alltagsgeschäften dieses Fonds habe ich ansonsten nichts zu tun.

ZEITmagazin: Die Krise traf Ihr Land mit voller Wucht. Haben Sie Überlebenstipps für gebeutelte europäische Regierungschefs?

Björk: Für Frau Merkel habe ich ganz sicher keine Ratschläge, dafür ist diese Situation viel zu komplex. Man kann auch Island und Griechenland nicht vergleichen. Die isländischen Renten waren zum Beispiel nie in Gefahr. Damit kenne ich mich zufällig aus, dank meines Vaters. Er war zwanzig Jahre lang Chef der isländischen Elektriker-Gewerkschaft und kümmert sich nun in der Regierung um die Pensionen hierzulande.

ZEITmagazin: Fühlen Sie sich als politischer Mensch?

Björk: Ich bin apolitisch. Aber gerade als apolitischer Mensch verstehe ich, dass die alten Lager von rechts und links aufgehoben sind. In diesem Jahrtausend muss Politik aus einer neuen Perspektive betrachtet werden. Das ist auch eine Generationenfrage. Schauen Sie sich die Umweltpolitik der Industrienationen an. Barack Obama gehört gerade noch zu meiner Generation, aber es ist klar für ihn, dass die ökologischen Herausforderungen der Gegenwart dringend angegangen werden müssen. Die Generation davor versteht das nicht, das ist auch in Island so. Für die waren und sind naturbewusste Politiker realitätsfremde Hippies.

ZEITmagazin: Sie schirmen Ihr Privatleben ab, so gut es geht. Sie haben schon Fotografen, die Bilder von Ihren Kinder machten, tätlich angegriffen. Ist die rasante technische Entwicklung, die aus jedem Smartphone eine Kamera macht, nicht eine Plage für Sie?

Björk: Es ist schon einige Jahre her, dass ich Fotografen attackiert habe, und seitdem habe ich ein paar Konsequenzen gezogen. Ich habe akzeptiert, dass ich bestimmte Orte nicht mehr aufsuchen kann. Ich würde zum Beispiel niemals einen Plattenladen betreten, weil mich da jeder sofort erkennt. Ich würde auch nie am Freitagabend in Reykjavík ausgehen.

ZEITmagazin: Und so koexistieren Sie friedlich mit all den Handykameras?

Björk: Ich bin psychologisch besser gewappnet als früher, aber es nervt mich noch immer. Wenn ich im Schwimmbad aus der Umkleidekabine komme, will ich nicht mit einem Handy gefilmt werden und auch nicht in einem Restaurant beim Essen mit Freunden. Das ist ein dreister Eingriff in meine Privatsphäre. Technik ist toll, aber man sollte es mit ihr auch nicht übertreiben.