Klaus Wowereit "Eine verheerende Phase"

Was Bürgermeister Klaus Wowereit über Große Koalitionen in Berlin wirklich denkt – oder vor nicht allzu langer Zeit mal dachte

Klaus Wowereit

Klaus Wowereit

»Gebt uns ein Jahr!«, hat der Berliner SPD-Fraktionsvorsitzende Michael Müller die empörte Parteibasis am vergangenen Wochenende angefleht. Die meisten hätten lieber Rot-Grün gehabt. »Seht doch, was mit der CDU möglich ist!« Wer das wissen will, wer wissen will, was eine Große Koalition für Berlin bedeutet, hat mit den Lebenserinnerungen des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit eine exzellente Quelle zur Hand. Er war nicht irgendein Zeuge. Als Fraktionsvize war er damals, 1995–99, einer der zentralen Spieler.

»Es war eine verheerende Phase, für die Hauptstadt und für die Berliner Sozialdemokratie«, heißt es über jene Jahre in Wowereits Autobiografie "...und das ist auch gut so. Mein Leben für die Politik." Habe eine Partei der anderen beim Geldausgeben in die Quere kommen wollen, habe die sich gerächt – also sei man sich halt nicht in die Quere gekommen. Auf diese Weise seien die Beharrungskräfte »ungeheuer stark« gewesen. »Die ganze Stadt funktionierte nach diesem Prinzip des aufgeregten Stillstands, die IHK, die Sportverbände, die Kulturszene, die Wohlfahrt. Überall sorgte der Proporz der beiden Parteien für Lähmung.« Und Klaus Wowereit saß in den Haushaltsberatungen und sollte den ganzen Spaß finanzieren. Er hat es nicht gern getan.

Anzeige

Obendrein habe die CDU unter dem Regierenden Eberhard Diepgen und Fraktionschef Klaus Landowsky versucht, sozialdemokratischer als die SPD zu sein. Arbeiterführer Landowsky habe sich bei jeder Gelegenheit im Blaumann vor die Werkstore gestellt. Nicht dass mit Landowsky kein Auskommen gewesen wäre. Die Einstellung »Erst ein Bier gegen den Durst, dann ein schönes Fläschchen Wein«, die sie gemeinsam im Berliner Restaurant Borchardt pflegten, war ja durchaus anschlussfähig.

Über seine eigene Partei, die SPD, fällt das Urteil weniger mild aus. »Die Berliner SPD war schon lange nicht mehr die Kleine-Leute-Partei; ihre Werte Freiheit, Solidarität und Gerechtigkeit dienten nur mehr zur Parteitagsfolklore.« In den »fetten und verantwortungslosen achtziger Jahren« habe die SPD ihren Kredit verspielt; als das »Geld aus Westdeutschland in Strömen floss«, hat eben niemand so genau hingeguckt, wo es versickerte. Kurzum: Die Große Koalition war, so sieht es Wowereit, ein Notbehelf: »Hier klammerten sich zwei Verzweifelte aneinander – mit dem Ergebnis, dass es beide in den Abgrund zog.«

Beim nächsten Mal wird alles anders? Keine Frage, die SPD ist – nicht zuletzt dank sparfreudiger und unerschrockener Senatoren wie Annette Fugmann-Heesing (von ihrer Partei verstoßen) und Thilo Sarrazin – heute eine andere als die jener unseligen Jahre. Auch die CDU ist nicht mehr die des 2001 im Bankenskandal gestürzten Klaus-Rüdiger Landowsky, selbst wenn noch alte Seilschaften bestehen und viele Genossen hinter dem CDU-Spitzenkandidaten Frank Henkel »die Nebel des Grauens« und der Vergangenheit aufziehen sehen.

Die Frage ist, wie viel Frischluft der Regierende Bürgermeister in seine Amtsstube hereinzulassen bereit ist. Schon bevor es losgegangen war, damals mit der CDU, hatte Klaus Wowereit über Politikverdrossenheit geklagt. Ein paar Mal hatte er die Brocken eigentlich hinwerfen wollen – so wie ihm auch jetzt wieder nachgesagt wird, er habe die Nase voll von der Landespolitik. Man wird sehen. Die Berliner, die interessiert zur Kenntnis genommen haben, dass die SPD die Partei der modernen Infrastruktur ist, freuen sich derweilen auf einen weiteren Winter mit Glatteis und auf die Abenteuer mit der guten alten S-Bahn.

 
Leser-Kommentare
  1. Die große Koalition unter der Führung Diepgen hat fürwahr einen Maßstab gesetzt, an den Anzuknüpfen sich nicht lohnt.

    Alleine der Preis für Landowskys Unfähigkeit lässt sich ja relativ präzise beziffern - eine Kleinigkeit von 21 Mrd. Euro, um die potentiell Berlins Schuldenlast seit dem Bankenskandal um die LBB schwerer drückt. Wowereit hat sich Aussetzer diesen Kalibers zumindest bisher nicht geleistet. Und hoffentlich bleibt der Finanzsenator auch in Zukunft bei der SPD. Sicher ist sicher.

    • Gafra
    • 14.10.2011 um 18:12 Uhr
  2. früher war nicht alles besser?

    Eine Leser-Empfehlung
    • Voce
    • 17.10.2011 um 11:57 Uhr

    anders sein, als seine Politikerkollegen, denn auch diese zeichnen sich überwiegend durch Umsetzung des bekannten Spruches, "Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern ", aus. Dass er diese Handlungsmaxime einst in seinem Buch schriftlich fixiert hat, ficht ihn sicherlich nicht an. Da wird er sich wieder locker herauswinden, denn an Eloquenz mangelt es ihm bekanntlich nicht und darüberhinaus lernt man im Leben ja auch manchmal noch dazu.

  3. Wenn die meisten das lieber gehabt hätten!
    Oder zählt er die Nichtwähler für sich u.Grün

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service