Die großen Schiffswerften in Shanghai haben international längst eine Spitzenposition erreicht, nun aber sind sie mit einem unerwarteten Engpass konfrontiert: Gut ausgebildete Schweißer, die den hohen Qualifikationsanforderungen des Schiffbaus genügen, sind rar.

Mit hohen Löhnen versucht die Schiffsbranche gegenzusteuern. Schweißer zählen heute zu den Spitzenverdienern unter den chinesischen Facharbeitern. Ihr Einkommen übersteigt mittlerweile das von Hochschulabsolventen bei Weitem. Das schon deshalb, da viele Akademiker keine Beschäftigung finden, die ihrer Qualifikation entspricht.

In den letzten zwei Jahrzehnten hat der internationale Trend der Akademisierung der Bildung auch China erreicht. 70 Prozent eines Altersjahrgangs in Shanghai beginnen ein Hochschulstudium – in einem Land, das durch die Produktion gewachsen sei und in Zukunft durch Qualitätsproduktion wachsen solle, wie Premierminister Wen Jiabao verlauten lässt. Nur dürften dafür in den Zentren bald die Fachkräfte fehlen. Die Akademisierung der Bildung in den Ballungszentren mit Studienanfängerquoten von 70 und mehr Prozent kann man daher als eine Fehlentwicklung betrachten.

Doch das Streben nach einer universitären Bildung trifft in China auf einen besonders fruchtbaren Boden: Die chinesische Bildungskultur ist geprägt durch die Philosophie von Konfuzius, wonach wahre Bildung sich der Entfaltung der Geisteskräfte widmet. Gesellschaftliche Anerkennung und berufliche Karrieren sind heute wie kaum in einem anderen Land verbunden mit einem akademischen Bildungsabschluss. Die chinesischen Eltern der Ein-Kind-Familien betrachten es als ihre wichtigste Aufgabe, ihrem einzigen Kind mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln den Zugang zu einem Hochschulstudium zu verschaffen.

Vor allem zwei Hürden müssen dabei überwunden werden: Beim Übergang von der Sekundarstufe I zur Sekundarstufe II, mit 16 Jahren, entscheidet ein landesweiter Test in den Provinzen darüber, ob die allgemeinbildende Schule besucht und damit die Hochschulreife erworben werden kann. Wer diese Hürde nicht schafft, gilt als Verlierer. Er macht eine zweijährige schulische Berufsausbildung und anschließend ein betriebliches Praxisjahr. Die zweite Hürde ist die Zulassungsprüfung zur Universität, die Gaukao.

Wer sie nicht schafft, landet im beruflichen Bildungssystem und bekommt nur in seltenen Ausnahmefällen die Chance, ein Hochschulstudium anzuschließen. Der berufliche Bildungsweg ist eine Sackgasse und gilt daher als ein Karriererisiko.

Warum einer so großen Zahl von chinesischen Schülern der Zugang zu einem Hochschulstudium gelingt, hat Pisa 2010 gezeigt. Chinesische Schüler nahmen zum ersten Mal teil und belegten in allen drei Fächern – Mathematik, naturwissenschaftliche Grundbildung und Lesen – die Spitzenplätze. Umso seltsamer erschien dagegen ein anderes Ergebnis: Bei einem vergleichenden »Berufsbildungs-Pisa« für Elektroniker und Mechatroniker, an dem je etwa 1.500 deutsche und chinesische Auszubildende und Fachschulstudierende teilnahmen, erreichte nur ein kleiner Teil der chinesischen Testteilnehmer das Niveau der deutschen Auszubildenden.