WirtschaftsprüferLäuft es wie geschmiert?

Compliance-Berater Mathias Nell hilft Behörden, Unternehmen und Gesellschaften dabei, Bestechung und Betrug aufzudecken – und dagegen vorzubeugen. von Kati Thielitz

Wenn Mathias Nell seine Mission verkündet, zeigen ihm manche Leute den Vogel. »Verlogener Quatsch!«, schimpfen sie. Nell hilft international tätigen Firmen und Banken dabei, betriebsinterne Betrugs- und Bestechungsdelikte aufzuklären und, noch wichtiger, für die Zukunft möglichst zu verhindern. Das aber halten gerade erfahrene Mitarbeiter, deren Chefs Nell gerufen haben, oft für wirklichkeitsfremd. Ohne Schmiergelder, sagen sie, ließen sich in Ländern wie China oder Russland doch keine Geschäfte machen. Mathias Nell, polierte Schuhe, schwarzer Anzug, ein Rest Wiener Akzent, schmunzelt, wenn er so etwas hört. »In meinem Beruf braucht man Durchsetzungsgeschick und Kreativität.«

Der 31-Jährige arbeitet als Compliance-Berater ; sein Auftrag ist es, Korruption auszumerzen. Damit ist er eine Art Don Quijote der Geschäftswelt: Wie Unkraut sprießt Korruption in Wirtschaft und Politik, Gesundheitsindustrie, Hochschulwesen und Sport. Da ist der Pharmavertreter, der den Arzt besticht, um dessen Verschreibungsverhalten zu beeinflussen. Oder der Bankangestellte, der Insiderinformationen preisgibt und dafür Bares kassiert. Der Kampf gegen unsaubere Umtriebe ist das Geschäft von Compliance-Experten wie Nell.

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Compliance – die Selbstverpflichtung von Unternehmen zur Gesetzes- und Regeltreue – erlebt einen Boom. Nach den Skandalen der vergangenen Jahre, Schmiergeldzahlungen bei Siemens und MAN, Spitzelaffäre bei der Telekom, Lustreisen auf Firmenkosten bei VW, rüsten Unternehmen auf: Sie bauen ihre Compliance-Abteilungen aus, schulen ihre Angestellten, überarbeiten ihre Verhaltenskodizes. Dazu holen sie sich Spezialisten von außen ins Haus, die mit neutralem Blick die Lage beurteilen. Mathias Nell hat Korruptionsbekämpfer in Ministerien trainiert, Betrugsrisiken für Banken untersucht und korrupte Machenschaften in einer Gesundheitsstiftung enthüllt.

Don Quijote der Geschäftswelt

Es gefällt ihm, zwischen den Branchen hin und her zu springen, heute in Berlin, morgen in Düsseldorf oder Hamburg zu arbeiten. Seine Geschäftspost landet in der Münchner Zweigstelle der Steria Mummert Consulting AG, seines Arbeitgebers, aber ein festes Büro hat Nell dort nicht. »Für mich ist es wichtig, meine Kunden bestmöglich kennenzulernen«, sagt er. »Nur so kann ich vermeiden helfen, dass das Kind in den Brunnen fällt.« Also arbeitet Nell meist direkt bei den Kunden. Deren Namen nennt er nicht, Diskretion gehört zum Ehrenkodex seiner Zunft. Nächste Woche hat er in einem Frankfurter Kreditinstitut zu tun, Auftragsflauten kennt der Korruptionsjäger nicht.

»Gute Fachleute sind derzeit sehr gefragt«, bestätigt Jürgen Pauthner von der Frankfurt School of Finance & Management, der auch geschäftsführender Partner einer Compliance-Beratung ist. Schärfere Gesetze, wachsende Bußgeldsummen und damit verbundene Ängste der Vorstände schüren den Bedarf an Fachpersonal für regelkonformes Verhalten: Der ehemalige Siemens-Chef Heinrich von Pierer zahlte fünf Millionen Euro Schadensersatz an den Konzern; MAN verlangt von Ex-Vorstandschef Håkan Samuelsson exorbitante 237 Millionen Euro. Weil Unternehmensleiter Aufsichts- und Kontrollpflichten unterliegen, haften sie, wenn kriminelle Geschäfte von Mitarbeitern auffliegen – absichern können sie sich nur, indem sie nachweislich vorbeugen.

Jürgen Pauthner, 43 Jahre alt, hat Jura und BWL studiert, er wollte einen Beruf, der beides verbindet. Eher zufällig kam er 2000 zu einer Londoner Antikorruptionsberatung; seither lässt ihn die Verquickung von Recht, Geld und Moral nicht mehr los. »Gesetze basieren auch auf ethischen Erwägungen. Sie umsetzen zu können in der Wirtschaft, wo ihre Nichtbefolgung massive Auswirkungen hat«, sagt Pauthner, »das ist bis heute mein Traumberuf.«

Leserkommentare
  1. Dass Deutschland im Korruptionsranking auf Platz 15 landet, liegt sicher nicht an der Lauterkeit hierzulande, sondern an der fehlenden Korruptionsbekämpfung.

    Wer sich beispielsweise etwas intensiver mit der Vergabe öffentlicher Aufträge befasst, kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. Der Kreativität sind hier anscheinend keine Grenzen gesetzt.

  2. Wenn sie in Afrika zu einem Geschäftstermin ohne Bakschisch auftauchen, brauchen sie gar nicht erst die Koffer auszupacken. Selbst wenn es sich um Projekte handelt, die gar nicht von den Ländern finanziert werden !
    Der Entscheider will seinen Anteil, bekommt er ihn nicht, hat sich das Geschäft erledigt. Ich habe das selbst in den 90ern erlebt und durchgezogen !

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