In diesem Wahlherbst verwandeln sich Karotten in Schweizer Rüebli, Fußmatten in Heimatfußmatten und Vuvuzelas in Alphorn-Vuvuzelas. Alles existiert nur noch »der Schweiz zuliebe«. Wie in einem Spiegelkabinett leuchtet mir von den Werbe- und Wahlplakaten die beste aller Marken entgegen: die Schweiz. Und je lauter es ruft, desto mehr verfalle ich ins Grübeln, ob hinter so viel Anrufung nicht pure Verzweiflung steht.

Das Bild der Schweiz wird auf eine landwirtschaftliche Folklorezone reduziert, aus der Sägemehldüfte steigen, Jodel erklingt und die Heidimär von der Gesundung der Seele in der Bergluft nacherzählt wird. Hier entwirft sich ein Land zurück in die Vergangenheit. Ins Uralte, in den trüben Bodensatz einer Gotthelfschweiz, wie sie Mitte des letzten Jahrhunderts als Folge der Einigelung entstand.

Mit der Ausweitung der Folklorezone wächst Gras über andere schweizerische Machenschaften wie den Amoklauf der UBS, die zwielichtige Steuerpolitik gegenüber der EU, aber auch unter den Kantonen, das Abbröckeln des Generationenvertrags und die allmähliche Verwandlung von Schweizer Firmen in internationale Trusts. Folklore heilt die wunde Seele, und wenn zwischen den von russischen Magnaten aufgekauften und vor sich hin bröckelnden Hotels und Liegenschaften am Vierwaldstättersee, den gated communities steuerprivilegierter expats am Zürich- oder Genfersee noch eine Wiese nach heimatlichem Kuhmist dampft, schlägt das patriotische Herz mit doppelter Inbrunst.

Die Schweizer fühlen sich fremd im eigenen Land. Sie erkennen es nicht wieder. Und greifen nostalgisch zurück zu einer ruralen, alpinen Schweiz, deren Anfänge im 18. Jahrhundert liegen. Die erhabene Bergwelt war aber keineswegs nur einheimischen Ursprungs, erzeugt in Albrecht von Hallers Großgedicht Die Alpen oder in Gessners Idyllen. Mitgeholfen haben ebenso unsere nördlichen Nachbarn, Schiller beispielsweise, der mit seinem Tell die Ureinwohner der Alpen als wortkarg, einfach und aufrecht zeichnete. Die allmähliche Verwandlung von Grünflächen an unergiebiger Hanglage in ästhetischen Erholungsraum mit mythischem Untergrund schuldet sich auch den englischen Reisenden, die die Schönheiten des Gebirges priesen – und dieses erst für die Einheimischen entdeckten.

Diese Übertragung eines touristischen Blicks auf die Sichtweise für Einheimische erfolgt auch heute. Als ich kürzlich auf dem Titlis war, konnte ich die Berge nur noch mit dem verzückten Blick von Indern und Chinesen sehen. Wie ein Werbetext über die eigenen Gedanken, so schieben sich die Hochglanzbilder der Reiseprospekte vor den eigenen Blick. Die Swissness ist die Übernahme eines fremden Blicks, um das Eigene zu adeln, weil dieses nicht mehr fraglos ist.

Schweizerinnen und Schweizer werden zurzeit so beworben, als seien sie Touristen im eigenen Land. Sie werden geprägt von einem Bild der Schweiz, das der Lebenspraxis nicht entspricht. Der Rückgriff auf urige und ländliche Traditionen profitiert vom Manko, dass die Schweiz keine emotionalen Bilder des Urbanen hat erzeugen können. Schon 1970 wies Paul Nizon in seinem Diskurs in der Enge darauf hin, dass die Landschaften in der Geschichte eine allzu dominante Rolle spielten. Urbane Zentren fehlten. »In der Schweiz hat das künstlerische Leben keine Hauptstadt...« Im neualten Selbstbild der Schweiz spielen noch immer weder Zürich noch Basel oder Genf eine Rolle!

Die Folkloreschweiz, die Gotthelfschweiz, die mit großer Energie soziale Konflikte ausblendet, birgt in sich auch kein Angebot an Zugewanderte oder Einheimische mit weltläufigen Wurzeln. Seit meiner Kindheit und Jugend im Aargau, als Sohn eines Arztes aus der Karibik und einer Schweizerin, habe ich einheimische Riten wie Schwingen, Jodelfeste oder Volksmusikanlässe nie als Einladungen erlebt. Im Gegenteil verdichtete sich die xenophobe Energie, je urchiger, bodenständiger und patriotischer die Szenerie wurde. Aus diesem Grund habe ich die Folklore immer gemieden; sie funktioniert vorab als Selbstbestätigungsritual für Einheimische.