Wer mit Charlotte Rampling in Paris essen gehen will, sollte sie in ihr bevorzugtes Restaurant, Le Dôme, am Montparnasse einladen. Dort blickt der grau melierte Oberkellner schon bei der Nennung ihres Nachnamens freudestrahlend von seinem Reservierungsbuch auf: "Oh Charlotte! Wir werden dafür sorgen, dass ihr Lieblingstisch frei ist!"

Am nächsten Mittag, um kurz vor zwei, ist Charlotte Rampling schon im Restaurant. Genauer: Mit ihrem brünetten Haar und ihrer dunklen Jacke scheint sie in der mit alten Filmfotos dekorierten Mahagoni-Nische zu verschwinden. Aber der Glamour ist da. Er blitzt aus ihren Jadeaugen, sitzt in den katzenhaften Zügen, in diesem Gesicht, dessen Erotik in vierzig Jahren Filmgeschichte immer rätselhafter und verstörender wurde. Tatsächlich gelingt Rampling das wandelnde Paradox unauffälliger Auffälligkeit. Oder unsichtbarer Präsenz, wie sie da in ihrer Handtasche nach ihrem Handyladegerät wühlt und dann seufzend aufgibt. Rampling schiebt einen riesigen Blumenstrauß aus dem Blickfeld. "Denken Sie bloß nicht, das machen die nur für mich", sagt sie, und reicht ein Schälchen Krevetten über den Tisch.


Da sitzt sie also. Die Frau, die in so vieler Hinsicht nicht zu fassen ist. Die als Tabubrecherin gilt, obwohl sie sagt, dass jemand, der keine Tabus habe, auch keine brechen könne. Die als achtzehnjähriges Model im Minirock zur sogenannten Sex-Ikone des Swinging London wurde. Die in Liliana Cavanis Skandalfilm Der Nachtportier ein KZ-Opfer spielte, das eine sadomasochistische Affäre mit seinem früheren Peiniger (Dirk Bogarde) eingeht. Nie wird man die Szene vergessen, in der Bogarde im KZ seine Pistole abfeuert, während sie, nackt und schrecklich dünn, Schutz sucht, wo keiner ist. Charlotte Rampling, die in Nagisa Oshimas Max, mon amour eine absolut glaubhaft gespielte erotische Affäre mit einem Schimpansen hat. Und der Woody Allen in seinem Film Stardust Memories die Definition des magic moment schenkte: Glück ist, an einem warmen New Yorker Nachmittag eine Louis-Armstrong-Platte aufzulegen und Charlotte Rampling zu betrachten.

"Wir verschmelzen mit dem Blick, mit dem der Regisseur uns sehen will"

In ihrer Nische im Dôme wirkt Rampling zunächst einmal sehr britisch. Mit leicht sarkastischem Humor. Als sie auf den Zettel mit den Interviewfragen schielt, sagt sie: "Oh, nur ein knappes Seitchen! Das reicht ja auch. Danach können wir uns dann einfach unterhalten." Ihre Stimme ist noch tiefer, als man sie von der Leinwand in Erinnerung hat. Beim französischen Geplänkel mit den Kellnern vernimmt man ihren englischen Akzent. Der Fisch sei exzellent, sagt Rampling, als sie das Menü studiert. Es ist die Gelegenheit, sie für einen kurzen Moment über den Rand der Speisekarte hinweg zu betrachten. Sie verströmt eine merkwürdige Mischung aus Verletzlichkeit, sophistication und vor allem: Verwegenheit.

Dieser Verwegenheit, die manchmal wie eine Art Flucht nach vorn aus der Verzweiflung wirkt, begegnet man auch in The Look, Angelina Maccarones Dokumentarfilm über Rampling. Man sieht sie dort beim Gespräch mit Freunden und Vertrauten in London, Paris, New York. Die Fotografen Peter Lindbergh und Jürgen Teller, der Schriftsteller Paul Auster oder auch Ramplings Sohn, der Regisseur Barnaby Southcombe, unterhalten sich mit ihr in neun Kapiteln über neun Themen: Ausgestelltsein, Alter, Schönheit, Resonanz, Tabu, Dämonen, Begehren, Tod, Liebe. Der Film wird zu einer Reise in die Abgründe und Zerrissenheiten der Person, deren Kinorollen plötzlich als Spiegel einer Innenwelt erscheinen.

Rampling meint, sie habe einen Dokumentarfilm über sich selbst immer abgelehnt: "Ich konnte mir überhaupt nicht vorstellen, dass so was in irgendeiner Weise interessant sein könnte." Es sei Angelina Maccarones sanfter Beharrlichkeit zu verdanken, dass dieser Film dennoch entstehen konnte. "Sie hat es irgendwie verstanden, mich aus meiner Zurückhaltung zu locken und damit zu spielen. Vielleicht ist es ihr gelungen, weil sie ein genauso merkwürdiges Wesen ist wie ich. Im Grunde sind wir zwei Igel."