Es gibt Momente auf Reisen, die vergisst man nie. Vor einigen Jahren war ich im Oman und lief nachts ins Meer, das so schwarz war wie der Himmel. Ich schwamm hinaus, legte mich auf den Rücken und blickte in Millionen von Sternen. Ähnlich spektakulär ist es im Pool auf der Dachterrasse des Grand Hotel Central. Diesmal blicke ich nicht hoch, sondern hinab auf El Born, das Dorf in dieser Stadt. Seine Sterne sind die kleinen Modeläden und Designshops in den schmalen Gassen, durch die Passanten hin und her wuseln, und die Straßencafés unter ausladenden Platanen. Schattig ist es dort unten, während die Sonne hier oben gerade ein bronzefarbenes Tuch über die Dächer legt. Geradeaus, in Richtung Meer, liegt die Kirche Santa Maria del Mar , die Designinteressierte sehen sollten: Die grazilen Säulen im östlichen Kirchenschiff erinnern an den Kühlergrill eines Rolls-Royce. Weiter rechts schaue ich auf die Fassade des gegenüberliegenden Gebäudes. Sie ist mit Segelbooten bemalt – ein Kunstwerk aus einer Zeit, als man noch Spleen und Exzentrik zeigte: Damals, in den dreißiger Jahren, war das Hotel ein Büro mit Barcelonas erstem Penthouse auf dem Dach. Da dem Besitzer die Aussicht aufs Meer nicht reichte, beauftragte er einen Maler, die Fassade des Nachbarhauses maritim zu gestalten.

Barcelona ist die Stadt der Designhotels. Sie alle machen viel Tamtam um die Einrichtung und den besten Blick von oben. Das Grand Hotel Central spielt seine Mitstreiter lässig aus. Nicht einmal mein heimliches Lieblingshotel in Barcelona hat einen cooleren Pool auf dem Dach, das Casa Fuster, in dem man mit dem Honorar eines Journalisten besser nicht logiert. Im Grand Hotel Central ist alles unmittelbarer: Nur eine handbreite Glasscheibe trennt mich beim Schwimmen vom Abgrund, und hinter dem Pool ist die Lounge wie ein Amphitheater angelegt, mit stufenweisen Sitzreihen aus Holz – keinem Gast soll die grandiose Aussicht entgehen. Dazu haucht Melody Gardot aus den Boxen, und eine Kellnerin serviert lächelnd Gin Tonic.

Wie ein schrilles Hütchen sitzt diese Dachterrasse über einem eleganten Kleid aus den zwanziger Jahren. Es sticht gleich bei der Ankunft ins Auge. Schlichte achteckige Leuchter werfen in der Lobby ein dezentes Licht auf den moosgrünen und den grauen Samt der Sessel und Sofas, auf das Holz der Tische und den hellen, leicht rauen Steinboden. Im gläsernen Aufzug fährt man hoch, läuft durch fast schwarze Flure zu seinem Zimmer. Mein Zimmer geht nach hinten raus, hat einen Holzboden und einen fast transparenten Glaskörper als Bad. Zeitloses Design, nichts Überkandideltes. Und wenn ich das Fenster öffne, höre ich El Born: mal das Klappern eines Topfes, mal eine Mutter, die ihren Jungen zurückpfeift, mal das Knattern eines Mofas.

Ja, auch deshalb mag ich dieses Hotel: Es schmeichelt dem Besucher mit seiner Ästhetik und ist gleichzeitig mitten im Geschehen der Stadt. Selbst im Avalon ist das so, dem Restaurant des Grand Hotel Central, das unter der Regie des Sternekoches Ramón Freixa geführt wird. Da sitzt man auf Holzstühlen, die hell sind wie Milchkaffee, schicke Industrieleuchten werfen ein warmes Licht auf die Tische und die orangefarbenen Wassergläser, und man blickt hinaus in eine nicht enden wollende, schummerig beleuchtete Gasse. Auf dem Balkon des Nachbargebäudes hängt ein rosenroter Rock zum Trocknen. Darunter steht ein alter Mann mit Kappe auf dem Kopf und Kippe zwischen den Fingern. Er sieht aus, als hätte er die Seebrasse gefangen, die der Ober mir jetzt mit einem Gurkengazpacho serviert. Ein schöner Moment auch das.

Grand Hotel Central, Via Laietana 30, 08003 Barcelona, Tel. 0034-93/2957900,www.grandhotelcentral.com. DZ ab 177 Euro. Hauptgerichte wie die Seebrasse mit Gurken-Gazpacho ab 12,50 Euro