Wenn nur dieser rheinische Singsang nicht wäre. Wie soll man Abu Adam ernst nehmen, wenn er sich ständig über Menschen aufregt, die er »Jötzendiener« nennt? Abu Adam trägt eine weiße Häkelmütze und ein arabisches Gewand. Sein dunkelblonder Rauschebart kommt so besonders gut zur Geltung. Er hat sich in Rage geredet. Die rechte Hand schnellt in die Höhe, der Zeigefinger peitscht die Luft. Er hält das Freitagsgebet in der Mönchengladbacher Moschee Masjid As-Sunnah, einem schäbigen Haus, in dem früher ein Ladenlokal war. Hier trifft er sich mit seinen 50 Glaubensbrüdern, den Salafisten vom Niederrhein. Er ruft ihnen zu: »Überall werden wir fertiggemacht. Terroristen, Verrückte, Wahhabiten! Die lachen, wenn sie unsere Bärte sehen. Die lachen, wenn sie unsere Gewänder sehen. Die lachen dich aus. Dabei musst du stolz sein, weil das eine Bestätigung ist. Eine Bestätigung, dass du dem Gesandten Allahs folgen darfst. Aber du, statt stolz zu sein, Muslim sein zu dürfen, du duckst den Kopf.« Abu Adam ballt seine Faust. Er brüllt.

Abu Adam ist ein Junge aus Mönchengladbach, auch wenn er sich wie ein saudischer Scheich kleidet. Sein bürgerlicher Name ist Sven Lau (die Namensgleichheit mit dem Dossier-Autor ist zufällig). Er ist 25 Jahre alt. Viele hier im Viertel kennen ihn seit seiner Kindheit. Seitdem sich aber »der Sven«, wie ihn Nachbarn nennen, in Abu Adam verwandelt hat, ist hier nichts mehr, wie es war. Polizisten sind gekommen, Leute vom Verfassungsschutz, Politiker aller Parteien. Sven Lau hat versucht, den unauffälligen Stadtteil Eicken zum Hauptquartier des fundamentalistischen Islams zu machen, das war der Beginn einer komplizierten Schlacht.

Salafisten sind extreme Islamisten, die seit Kurzem in Deutschland stärker in Erscheinung treten . Sie lesen aus dem Koran die radikalen Botschaften heraus, sie stellen die Scharia, das islamische Recht, über das Grundgesetz und predigen, den Ungläubigen drohe die Hölle. Der Salafismus war die ideologische Grundlage des Terroristen Osama bin Laden. Verfassungsschützer haben festgestellt, dass nicht alle Salafisten Terroristen sind, aber alle jungen Männer, die in den letzten Jahren von Deutschland aus in den sogenannten Heiligen Krieg gezogen sind, Kontakt zu Salafisten hatten.

Im September wurde in Köln Anklage gegen einen dieser Hassprediger erhoben, den Kopf eines salafistischen Netzwerkes . Im selben Monat wurden in Berlin zwei Männer verhaftet, die versucht haben sollen, Sprengstoff zu beschaffen, und die Kontakt zu Salafisten hatten. Im März dieses Jahres erschoss ein 21-jähriger Islamist am Frankfurter Flughafen zwei amerikanische Soldaten, auch er stand mit Salafisten in Verbindung.

Es war Anfang August vergangenen Jahres, als bekannt wurde, dass eine »Islamschule« der Salafisten auf dem Gelände der As-Sunnah-Moschee in Mönchengladbach entstehen soll. Ein Braunschweiger Verein mit dem Namen »Einladung zum Paradies« wolle nach Mönchengladbach umziehen, hieß es in der Rheinischen Post, der Verein werde sich mit Sven Laus Moschee zusammenschließen. Mehrere Nachbargrundstücke der Moschee waren bereits gekauft worden. Aus einem bescheidenen Bethaus sollte ein um 1000 Quadratmeter erweitertes, 300 Menschen fassendes Schulungszentrum mit Moschee und Kindergarten werden. Sven Lau stellte sich an die Spitze dieses Vorhabens, und schnell wurde klar, dass er den Bürgermeister gegen sich aufbringen würde. Ein nationaler Anziehungspunkt für Salafisten in Mönchengladbach? Er werde »mit allen mir zur Verfügung stehenden rechtlichen Möglichkeiten dafür eintreten, dass die Aktivitäten des Vereins Einladung zum Paradies verfolgt werden und rechtswidriges Handeln geahndet wird«, erklärte der Bürgermeister.

Vieles in diesem Kampf, den Sven Lau begonnen hatte, wäre anders gelaufen, reibungsloser, wenn nicht plötzlich Wilfried Schultz aufgetreten wäre, ein Unternehmensberater, kein Politiker, ein gebürtiger Ostfriese, kein Einheimischer, im Grunde ein Fremder. Wilfried Schultz ist vor Kurzem 61 Jahre alt geworden, erst seit 2003 lebt er am Niederrhein. Schultz hat Theologie und Jura studiert, er ist Freiberufler, seine Frau Lehrerin. Er hat lange Zeit Unternehmen abgewickelt, das heißt: Er hat Firmen bestattet. Heute hilft er jungen Unternehmern in der IT-Branche, Businesspläne aufzustellen und an Wagniskapital zu kommen. Schultz hat vor ein paar Jahren ein Haus gekauft, nur wenige Hundert Meter entfernt von der Stelle, an der die Salafisten ihr neues Zentrum planen. Er weiß nicht viel über den Salafismus, aber er weiß, dass er dieses Zentrum verhindern will. Er sagt: »Dieses Viertel wäre am Ende, wenn die Bärtigen mit ihren voll verschleierten Frauen das Ruder übernehmen würden.«

Bis vor einem Jahr lebte Schultz mit seiner Frau, seiner 12-jährigen Tochter und einem Jack Russell Terrier abgeschieden in Mönchengladbach. Schultz war von Berlin hierhergezogen, weil er es wieder etwas ruhiger haben wollte. Er ist auf einem Bauernhof in Ostfriesland groß geworden. Er hat ein rundes Gesicht, trägt eine Nickelbrille. In seinem Wohnzimmerregal stehen viele Bücher. Wilfried Schultz sieht nicht aus wie jemand, der sich in einen Kampf stürzen will. Er hätte nie gedacht, dass er einmal eine Figur des öffentlichen Lebens werden würde, jemand, der in Fronten denken muss, die zwischen Islamisten, Rechtsradikalen, Linken, Staatsschützern und Lokalpolitikern verlaufen.

Schultz erfährt zuerst aus der Zeitung von den Plänen der Salafisten. Beamte des niedersächsischen Verfassungsschutzes haben durchsickern lassen, dass eine Braunschweiger Salafistengruppe des deutsch-türkischen Predigers Muhamed Seyfudin Ciftci nach Mönchengladbach umziehen wolle. Der Chef des Verfassungsschutzes in Niedersachsen, so war zu lesen, sah es offenbar mit Genugtuung, dass sich jetzt Nordrhein-Westfalen mit den Extremisten herumschlagen müsse. Es gilt als Erfolg, wenn sich Radikale außerhalb Niedersachsens ansiedeln? In Wilfried Schultz wächst von diesem Tag an die Wut.

Schultz trat 1967 in die SPD ein – in einer Zeit, als der Slogan »Willy wählen« eine Euphorie auslöste. Er war ein treuer Sozialdemokrat, doch nach der deutschen Einheit verließ er die Partei, weil er nicht mehr erkannte, wohin die SPD steuerte. Er selbst wurde von Jahr zu Jahr konservativer, wie viele Menschen seiner Generation. Heute ist er ein heimatloser Liberaler, der sich nach einer bürgerrechtlich-sozialen FDP sehnt, einer Partei, die es nicht mehr gibt. Schultz ging auf Abstand zur Politik, aber er fühlte sich nie als ihr Opfer. Das ändert sich an dem Tag, als er von den Salafisten erfährt. Wilfried Schultz fühlt sich von der Politik verraten, und er beginnt damit, sich kritisch mit dem Salafismus zu beschäftigen. Er liest Verfassungsschutzberichte, in denen Salafisten als gefährlichste Gruppe der Islamisten gehandelt werden.