DIE ZEIT: Wie viel deutsches Schwarzgeld liegt heute noch bei Liechtensteiner Banken?

Klaus Tschütscher: Das kann ich Ihnen nicht sagen. Das können auch die Banken nicht sagen. Weil das nicht separat erhoben wird. Richtig ist: Die deutsche Kundschaft ist bei unseren Banken stark vertreten. Darunter sind aber sehr viele, die ihr Geld nicht aus steuerlichen Gründen in Liechtenstein haben, sondern weil sie unsere Stabilität schätzen.

ZEIT: Haben das Fürstentum Liechtenstein und seine Finanzbranche nicht jahrelang auf Kosten des deutschen Fiskus gelebt?

Tschütscher: Liechtenstein hat die Rahmenbedingungen, die es lange Zeit hatte, nicht deshalb geschaffen, damit Bankkunden die Steueransprüche ihrer Heimatländer umgehen können. Auch das Bankgeheimnis, das wir seit 80 Jahren haben, wurde nicht deswegen eingeführt.

ZEIT: Warum denn dann?

Tschütscher: Es sollte allen Bankkunden einfach in finanzieller Hinsicht einen Schutz bieten, zum Beispiel davor, dass die Banker ausplaudern, was einer auf dem Konto hat oder wie er sein Vermögen anlegt. Wenn es Missbräuche gibt, bietet das Bankgeheimnis heute aber keinen Schutz mehr, auch nicht im Steuerbereich.

ZEIT: In Liechtenstein gab es Stiftungen, bei denen nur der Treuhänder wusste, wem das Geld gehörte. Das Ganze diente doch der Verschleierung.

Tschütscher: Das ist eine Geschichte aus der Vergangenheit. Die Anonymität bei Stiftungen ist seit zehn Jahren abgeschafft. Wir haben strenge Regeln der Sorgfaltspflicht geschaffen. Mit Deutschland haben wir seit dem Jahr 2009 ein Abkommen über den Austausch von Steuerinformationen. Dabei sind die Stiftungen nicht ausgenommen.

ZEIT: Das Abkommen ist eine Folge davon, dass deutsche Finanzbehörden mit Unterstützung des Bundesnachrichtendiensts Liechtensteiner Bankdaten angekauft haben. Einer, der dadurch Anfang 2008 als Steuerhinterzieher enttarnt wurde, war der frühere Postchef Klaus Zumwinkel . Erinnern Sie sich?

Tschütscher: Im Februar 2008 war ich unter anderem Justizminister meines Landes. Als solcher hat es mich sehr befremdet, dass sich ein europäischer Staat mit einem Dieb und Rechtsbrecher einlässt und ihm auch noch Geld bezahlt. Damals haben wir ein Rechtshilfeersuchen an Deutschland gestellt, um zu ergründen, wo sich der Informant Heinrich Kieber aufhält und wie es zu diesem Geschäft kommen konnte. Die Anfrage wurde bis heute nicht beantwortet.

ZEIT: Ist Kieber, der heute wohl eine andere Identität hat, für Liechtenstein noch der Staatsfeind Nummer eins?

Tschütscher: Wir beschäftigen uns mit Herrn Kieber nicht mehr. Das wäre Zeitverschwendung und Ressourcenverschleiß.

ZEIT: Liechtenstein hat politische und rechtliche Konsequenzen aus der Affäre gezogen. Heute wird es von der Industrieländerorganisation OECD nicht mehr als Steueroase eingestuft.

Tschütscher: Unsere Politik hat sich dramatisch geändert. Wir haben außer mit Deutschland noch mit 24 weiteren Staaten Abkommen über steuerliche Kooperation geschlossen.