BioprodukteGefühlt gutes Essen

Wissenschaftler versuchen zu beweisen, dass Bioprodukte besser schmecken als konventionell hergestellte Lebensmittel. von 

Biomarkt Berlin Lebensmittel Ernährung

Ein Biomarkt in Berlin  |  © Sean Gallup/Getty Images

Es ist nicht das erste Mal, dass ein Kaufmotiv für Naturkost wissenschaftlich entkräftet wird. Einst sollte Essen aus dem Bioladen gesünder und klimafreundlicher sein – doch belegen ließ sich das nicht. »Ökolandbau ist kein Klimaretter«, urteilte das Institut für Ökologische Wirtschaftsforschung im Jahr 2008. Die Studie im Auftrag von Foodwatch hatte ergeben, dass die biologische Produktion etwa von Weizen, Milch oder Fleisch fast ebenso treibhausgasintensiv ist wie die herkömmliche. Zudem kamen britische Wissenschaftler 2009 nach der Auswertung von mehr als 50 Studien zu dem Schluss, dass auch der Nährstoffgehalt von Bio- und Nichtbiowaren weitgehend identisch ist.

Nun geht es um das von deutschen Naturkostliebhabern häufig benutzte Argument, Bio schmecke besser. Seit zwei Jahren erforschen Wissenschaftler, Naturkostunternehmen und Bioverbände aus sechs EU-Ländern in dem Projekt Ecropolis , was ökologisch hergestellte Lebensmittel von konventionellen unterscheidet und was Verbraucher davon halten. Auf einem Workshop in Fulda stellten die deutschen Projektpartner einen Teil ihrer Ergebnisse vor.

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Die tabellarische Zusammenfassung der Ecropolis-Forscher belegt das Geschmacksargument auf den ersten Blick. »In Deutschland werden Bioprodukte mit Ausnahme der Salami-Gruppe von regelmäßigen und gelegentlichen Nutzern von Bio-Lebensmitteln bevorzugt«, schreiben sie in einem Zwischenbericht. Stets schneidet in Deutschland ein "organic product" am besten ab – außer bei der Wurst. Noch mehr Biovorliebe zeigt nur die Schweiz. Italien hingegen mag lieber Biscotti ohne naturbelassene Ingredienzen, und Polen, Franzosen und Niederländer scheinen fast gar nichts für Ökofood übrig zu haben. Sind die Deutschen die besseren Esser?

Die tiefere Analyse zeichnet ein differenzierteres Bild. Für sechs Nahrungsmittelgruppen – Joghurt, Kekse, Salami, Sonnenblumenöl, Tomatensoße und Äpfel – untersuchte jedes Teilnehmerland Produkte aus biologischer und konventioneller Herstellung. Dazu beschrieben Experten zunächst akribisch deren sensorische Eigenschaften, von jedem Joghurt beispielsweise den Grad seiner Cremigkeit, seiner Säure in Geruch und Geschmack, seiner Klebrigkeit am Löffel und im Mund sowie seiner Süße. Danach ließen die Forscher – in Deutschland das Technologie-Transfer-Zentrum (TTZ) in Bremerhaven – alle Waren von Verbrauchern bewerten, die regelmäßig oder gelegentlich Biolebensmittel essen.

Der Verbrauchertest fiel widersprüchlicher aus, als es die tabellarische Zusammenfassung vermuten lässt. Tatsächlich kam eine herkömmliche Salami besser an als biologisch hergestellte Wurstwaren. Und auch Tomatensoße aus konventioneller Produktion war etwas beliebter als ihre Biopendants – auch wenn die Autoren eine Ökosoße, die laut Bericht »von der Mehrheit der Verbraucher nicht akzeptiert« wurde, in einer Grafik als Sieger darstellen. Cremig gerührte Joghurts – gleich welcher Herstellung – sagten den Verbrauchern deutlich mehr zu als ein bröckeliger Biojoghurt, wobei die Zahlen hier noch Raum für Interpretationen lassen. Bei Äpfeln mochten die Probanden den Gala aus Ökoanbau ebenso gern wie den Elstar ohne Biolabel. Und auch Haferkekse wurden gleich bewertet.

Einzig bei den Ölen schnitt tatsächlich ein Bioprodukt am besten ab. Im Jahr 2003 hatte das TTZ im Rahmen der Öko-Geschmackssiegel-Studie schon einmal Biosonnenblumenöle geprüft. Diese fielen damals mitunter als »bitter« und »ranzig« auf. Wenn also heute ein Bio-Öl bei den Verbrauchern gewinnt, bezeichnen das die Forscher zu Recht als gutes Beispiel für das Potenzial von Bioprodukten.

Die Neigung zur Naturkost basiert weniger auf objektiven Eigenschaften als vielmehr auf veränderlichen Erwartungshaltungen. So erklärten die Autoren die Präferenz für konventionelle Wurstwaren mit der Vormacht des Marktführers, der mit seinen Produkten die Vorliebe der Verbraucher beeinflusse.

Für die Ecropolis-Forscher war das komplexe Ergebnis offenbar schwer zu ertragen – also schönten sie die Zusammenfassung in ihrem Sinne. Von der ZEIT damit konfrontiert, kündigte man beim TTZ an, den Bericht zu korrigieren.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unterwww.zeit.de/audio

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Leserkommentare
  1. Wie hat die Studie Bio definiert bzw auf welcher Definitionsgrundlage basiert die Studie?

    Was ist an Salami Bio? Ungesund, klimaschädlich, verachtet Tierrechte. Ich verstehe das nicht.

    2 Leserempfehlungen
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    • tom310
    • 15. Oktober 2011 13:56 Uhr

    wenn ein Siegel draufklebt.
    So einfach, so unsinnig.

  2. Diese Erkenntnisse verwundern hoffentlich niemanden. WARUM soll ein Bioprodukt besser schmecken als ein konventionelles? Auch ein ernährungsphysiologischer Mehrwert von ökologisch hergestellten Produkten kann und wird man leider nie nachweisen.
    Der Aspekt der nachhaltigen (und bei Fleisch artgerechteren) Produktion sowie eine nahezu schadstofffreies Lebensmittel sind die schlagenden Argumente für Bio-Food.
    Ich stelle mir eher die Frage ob ich die Biopaprika (weit weg) aus Israel oder die konventionelle (näher) in Holland produzierte Paprika kaufen soll?!

    8 Leserempfehlungen
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    @2: Bio nur des kürzeren Transportweges zu kaufen, hilft der Klimabilanz fast überhaupt nicht, da so viele Güter gleichzeitig transportiert werden, dass es keine Rolle spielt, ob die Paprika vorher verschifft wurde oder nicht. Es kann sogar sein, dass die Klimabilanz schlechter wird, wenn der Hof, von dem die Bio-Paprika stammen, sehr klein ist, da die Fixkosten pro Charge höher sind, also auch der Spritverbrauch.

    Der Grund für Bio erschließt sich mir eigentlich auch nur bei Tierprodukten, wo man zumindest artgerechte Haltung hoffen kann. Da diese deutlich teurer sind, führt es automatisch dazu, dass man weniger davon konsumiert, was in vielerlei Hinsicht gut ist, für Mensch, Tier und Klima...

    Ich persönlich esse lieber Obst und Gemüse, dass mit Stickstoff gedüngt wurde.

    Genau, schadstofffrei. Deshalb gab es dioxinverseuchtes Rindfleisch bei Biorindern in NRW.

  3. Bio muß / darf nicht gut schmecken !
    Daher auch die griesgrämigen Gesichter der Bio/Vegetarier/Veganer- Esser/innen !

    5 Leserempfehlungen
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    • irridae
    • 15. Oktober 2011 13:10 Uhr

    Für mich ist ein angenehmer Nebeneffekt der Bio-Läden, dass dort nicht annähernd so ein Hauen und Stechen herrscht wie im normalen Supermarkt. Das mag auch daran liegen, dass die Leute gut betucht sind und ergo entspannter.

    Die Vegetarier, die ich kenne, sind supergutgelaunt, denn sie essen z.B. viele Avocados.

    Schauen Sie mal vorbei im Buch von David Servan-Schreiber. Bestimmte Nahrungsmittel helfen sogar gegen Depressionen und Angst...Zahlreiche vegetarische Lebensmittel heben die Laune.

    Der Mann ist übrigens Schulmediziner (Neurologe und Psychiater).

    Also nix schlechtgelaunte Vegetarier:oD
    Danke für die millionste Wiederholung des Klischees!

    in konventionell erzeugtem Gemüse ja die Gesichtsmuskeln, was äußerlich dann tatsächlich als Ausgeglichenheit anstelle von Griesgrämigkeit gedeutet werden könnte.

  4. > Wissenschaftler versuchen zu beweisen, dass Bioprodukte besser schmecken als konventionell hergestellte Lebensmittel. <

    Die Betonung liegt auf "schmecken". Und genau darum geht es. Alles Geschmackssache. Was dem einen schmeckt muss dem anderen nicht auch schmecken. So einfach ist das. Der eine mag als Gewürze nur Kräuter, der andere Salz und Pfeffer, der nächste mag es scharf und wieder ein anderer mild. Jeder kann seine Speisen so zubereiten wie er es mag.

    Und wenn man ein "Naturprodukt" nicht mag, dann hat es nichts damit zu tun ob man "ein besserer Esser" ist oder nicht.

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    • Anay
    • 15. Oktober 2011 12:49 Uhr

    Bio schmeckt besser? Manchmal. Bio schmeckt schlechter? Manchmal. Bio schmeckt anders? Häufig. Außerdem gibt es zwischen den einzelnen Bio-Marken ebenfalls große Unterschiede. Aber ich kaufe Bio nicht aus geschmacklichen Gründen.

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    • irridae
    • 15. Oktober 2011 13:00 Uhr

    Bio wird nicht von Bio-Bashing bedroht, sondern von seinem Erfolg. Die Nachfrage kann nur schwer gedeckt werden, die Qualität leidet.

    Ein Spitzenkoch hat es mal gut auf den Punkt gebracht: Gegen die künstlich aromatisierte Hühnersuppe kann ich nicht anstinken, meine schmeckt nicht annähernd so stark nach Huhn."

    So ähnlich dürfte das auch mit echter Bourbon-Vanille und vielem anderen sein. Wenn Kinder an Vanillin gewöhnt werden, mögen sie halt keine Bio-Schokolade. So what?

    Liebe Bio-Verächter, lasst euch ruhig weiter Crème fraiche, die mit Gelatine angedickt wird, andrehen und genetisch veränderten Mampf. Ich sehe es gelassen, genau wie die zahlreichen Anti-Bio-Aktionen, die wie Pilze aus dem Boden schießen.

    Und apropos gesunde Inhaltsstoffe: Kommt halt immer drauf an, wonach man mit welchen Methoden sucht, gell?

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    Ok, eine auch von Bioverbänden betriebene Studie ist Biobashing.
    Wer die Frage nach Sinn und Unsinn von Bio stellt, ist ein Bioverächter.
    Globalisierungsgegner dar man sein, aber bitte BIOVERÄCHTER - geht gar nicht.
    Da ich jetzt nicht weiß wo ich mich einsortieren soll - kaufe auch Bio (nach bestimmten Kriterien), keine Tütensuppen, aber finde Forderungen nach rund um Bio nicht nur überflüssig, sondern auch unsozial, weil es bedeutet, dass wir (D) noch mehr Ressourcen beanspruchen. Wüsste gerne welcher Schublade ich mich damit würdig erweise.
    So etwas wie Genussorientierterteilbioverächtermitantiökologischemtouch?

    • irridae
    • 15. Oktober 2011 13:10 Uhr

    Für mich ist ein angenehmer Nebeneffekt der Bio-Läden, dass dort nicht annähernd so ein Hauen und Stechen herrscht wie im normalen Supermarkt. Das mag auch daran liegen, dass die Leute gut betucht sind und ergo entspannter.

    Die Vegetarier, die ich kenne, sind supergutgelaunt, denn sie essen z.B. viele Avocados.

    Schauen Sie mal vorbei im Buch von David Servan-Schreiber. Bestimmte Nahrungsmittel helfen sogar gegen Depressionen und Angst...Zahlreiche vegetarische Lebensmittel heben die Laune.

    Der Mann ist übrigens Schulmediziner (Neurologe und Psychiater).

    Also nix schlechtgelaunte Vegetarier:oD
    Danke für die millionste Wiederholung des Klischees!

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Schmecken"
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    • Timo K
    • 15. Oktober 2011 13:39 Uhr

    Nicht das die nur 999.999 mal da steht, wie unfair wär das? :-p

    • TNE
    • 15. Oktober 2011 17:21 Uhr

    ... ist im Juli an einem Gehirntumor gestorben. Hat wohl sein eigenes Buch nicht gelesen.

  5. @2: Bio nur des kürzeren Transportweges zu kaufen, hilft der Klimabilanz fast überhaupt nicht, da so viele Güter gleichzeitig transportiert werden, dass es keine Rolle spielt, ob die Paprika vorher verschifft wurde oder nicht. Es kann sogar sein, dass die Klimabilanz schlechter wird, wenn der Hof, von dem die Bio-Paprika stammen, sehr klein ist, da die Fixkosten pro Charge höher sind, also auch der Spritverbrauch.

    Der Grund für Bio erschließt sich mir eigentlich auch nur bei Tierprodukten, wo man zumindest artgerechte Haltung hoffen kann. Da diese deutlich teurer sind, führt es automatisch dazu, dass man weniger davon konsumiert, was in vielerlei Hinsicht gut ist, für Mensch, Tier und Klima...

    Ich persönlich esse lieber Obst und Gemüse, dass mit Stickstoff gedüngt wurde.

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    • irridae
    • 15. Oktober 2011 13:24 Uhr

    Werden immerhin mit Morbus Hodgkin (Lymphdrüsenkrebs) in Verbindung gebracht.

    Ganz zu schweigen von der Zerstörung der Böden etc.

    Dann gäbe es da noch das Engagement für die Sortenvielfalt usw.

    Und das mit dem Klima kann man, wenn ich mich recht entsinne, auch ganz anders sehen.

    Von Pestiziden war gar nicht die Rede, sondern von Sticksoftdünger, aber bitte...

    Nur weil etwas synthetisch ist, ist es noch lange nicht krebserregender. Meines Wissens nach ist der Zusammenhang mit Krebs bei denen in Deutschland ausgebrachten Pflanzenschutzmitteln nicht nachgewiesen. Man mag es kaum glauben, aber so etwas wird in der Tat untersucht:
    http://www.bfr.bund.de/de...

    Dass es Mittel gibt, deren Einnahme über einen langen Zeitraum in gewissen Konzentrationen Krebs hervorruft, halte ich für unbestreitbar. Diese sind aber entweder auf dem Index oder mit einem Grenzwert versehen.

    Im Übrigen sind auch Pilzgifte krebserregend. Da machen sich viele dann aber weniger Gedanken, obwohl der Zusammenhang mehr als eindeutig ist. Jetzt ist die Frage: Was ist schädlicher Schimmel oder Fungizide?

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