VisionäreDer Befreier der Liebe

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Wenn Carl Djerassi darauf besteht, »Mutter der Pille« genannt zu werden anstelle der – naheliegenden – männlichen Bezeichnung, ist das nicht zwangsläufig Koketterie. Obwohl man Djerassi nicht unbedingt als bescheidenen Menschen bezeichnen kann. Der mütterliche Anteil an der Schöpfung neuen Lebens, sagt er, sei viel wichtiger und umfangreicher als das kleine männliche Spermium, dessen Quelle man danach gleich wieder vergessen könne.

Der Chemiker hat den entscheidenden Grundstein für die Entwicklung der Pille gelegt. 1951 synthetisierte er in einem Labor in Mexiko gemeinsam mit dem Chemiker Luis E. Miramontes als Erster einen der Wirkstoffe der ersten Pille *. Schwangere schütten es verstärkt aus, was etwa die Befruchtung einer weiteren Eizelle verhindert. Bei Nichtschwangeren kann dieser Mechanismus jegliche Empfängnis verhüten. Progesteron musste allerdings injiziert werden. Darum baute Djerassi – der gängigen Lehrmeinung zum Trotz – ein Testosteron-Molekül an zwei entscheidenden Stellen so um, dass es zwar wie Progesteron wirkte, aber trotzdem einfach geschluckt werden konnte. Dabei setzte er sich einfach über den Stand der damaligen Theorie hinweg, dass Steroidhormone bei Veränderungen ihre Eigenschaften verlieren. Seine Substanz, Norethindron, wurde zur Grundlage für die erste Antibabypille, die 1960 in den USA zugelassen wurde.

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Visionäre unserer Zeit

Die ZEIT stellt neun Menschen vor, die die Welt verändert haben:

  1. Ikea-Gründer Ingvar Kamprad
  2. Erfinder der Anti-Baby-Pille Carl Djerassi
  3. Starkoch Jamie Oliver
  4. Aldi-Gründer Karl und Theo Albrecht
  5. Harry-Potter-Autorin Joanne K. Rowling
  6. Apple-Gründer SteveJobs
  7. Designerin Miuccia Prada
  8. Starbucks-Chef Howard Schultz
  9. Facebook-Gründer Mark Zuckerberg

Nach Amerika war Djerassi als 16-Jähriger auf der Flucht vor den Nazis gekommen. Nur dank der Hilfe von Immigrantenvereinen und Stiftungen konnte er zur Schule gehen. Nur dank eines Briefes, den der Jugendliche an die Präsidentengattin Eleanor Roosevelt gerichtet hatte, erhielt er ein kleines Stipendium fürs College.

Nach seiner Diplomarbeit ging Djerassi in die Pharmaindustrie. Geldnot spielte dabei ebenso eine Rolle wie die Freude an greifbaren Ergebnissen. So entdeckte er als Erster eine Möglichkeit, Cortison aus der mexikanischen Yamswurzel zu extrahieren und somit dessen Preis drastisch zu reduzieren. Angespornt von diesem Erfolg, wandte er sich der Substanz zu, die das Sexleben von Abermillionen grundlegend ändern sollte. Indem sie die körperliche Liebe von der Zwangsläufigkeit der möglichen Fortpflanzung trennte.

Warum nicht...?

Nach welchen Gesichtspunkten soll man repräsentative Genies auswählen? Eher Galileo als Kopernikus, die berühmte Marie Curie oder die still wirkmächtige Ada Lovelace auf die Liste setzen? Da Vinci oder Mozart? Was ist mit den alten Griechen? Jede Kür bleibt willkürlich – zumal der Geniegedanke sich stetig ändert.

Wir haben uns auf Zeitgenossen beschränkt und auf die Suche nach den »Genies des Alltags« begeben – nach solchen Menschen also, deren Ideen, Vorbilder oder Erfindungen sich ganz konkret auf unser Leben auswirken.

So wie die Spülmaschine, das GPS oder das Elektroauto. Bloß haben solche brillanten Ideen fast immer viele Mütter und Väter. Einen als Genie herauszupicken wäre ein Affront.

Selbst herausragende Einzelne erschienen uns zahlreich: Bill Gates,Alice Schwarzer, Michail Gorbatschow, Julian Assange, Miles Davis oder Madonna? Am Ende haben wir viele Namen zwangsläufig streichen müssen, es bleiben die neun Köpfe übrig. Jeder ist zweifellos ein Genie, aber die Liste ist gnadenlos subjektiv.

Seither wird der heute 87-jährige Djerassi abwechselnd für den allgemeinen Verfall der Moral verantwortlich gemacht, als Wegbereiter der sexuellen Revolution gefeiert oder gewürdigt als der Mann, der den Frauen unkomplizierteren Sex ermöglichte. Immerhin verwenden heute Schätzungen zufolge knapp 100 Millionen weltweit die Pille und können somit zuverlässiger steuern, ob sie schwanger werden wollen oder nicht, als dies zuvor etwa mit Kondom oder Pessar möglich war.

Djerassi denkt weiter über die Trennung von Sex und Fortpflanzung nach. In seiner Zweitkarriere, als Schriftsteller , sagt er voraus: Eines Tages wird beides nichts mehr miteinander zu tun haben.

* Der Artikel wurde nachträglich korrigiert. In einer früheren Version dieses Artikels stand, Djerassi habe als Erster das Sexualhormon Progesteron synthetisch hergestellt. Tatsächlich synthetisierte der Chemiker 1951 den Wirkstoff Norethisteron der ersten Pille, nicht jedoch als Erster das Progesteron .

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Leserkommentare
  1. Nebenwirkungen der Pille

    http://www.zentrum-der-ge...

    Der gewisse "kleine" Preis für Allzeit-Bereit ?!

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    Interessanter Link, den Sie da anbieten. Schauen wir doch mal etwas genauer nach. Auf der Seite Esowatch.com wird noch ein alter Betreiber genannt:

    > http://www.esowatch.com/g...

    Aber inzwischen hat lt. Impressum ein anderer Mensch das Sagen bei zentrum-der-gesundheit.de, nämlich Heinz Boksberg. Zu dem findet sich auch einiges im Netz:

    http://vollwert.wordpress...

    und hier:

    http://www.zahnfilm.de/af...

    Urteil darf sich jetzt jeder hier selber bilden, aber ich werde immer automatisch stutzig, wenn "traditionelles Wissen" grundlegend in Frage gestellt und zugleich vermeintlich "alternative Produkte" beworben und verkauft werden.

    Ich bin mir sicher, dass es bessere und seriöse Internetquellen gibt, die sich mit möglichen Nebenwirkungen auseinandersetzen. Die von Ihnen angeführte gehört nicht dazu.

  2. halte ich auch diesbezüglich die Überschrift für einseitig, - ja im Grunde genommen pauschalisierend.

    • Mosurft
    • 15. Oktober 2011 11:47 Uhr

    Zunächst einmal halte ich Herrn Djerassi ebenfalls für einen der größten Visionäre unserer Zeit. Wie viel unkomplizierter unser Sexleben nun aussieht!

    Allerdings Frage ich mich, dass dem Autor ein Fehler unterlaufen ist: Nur 100 Mio Anwender der Pille weltweit? Das kann ich mir kaum vorstellen, es müssten viel mehr sein, woher stammt diese Zahl?

    -----

    Und, liebe Zeitungsente, bitte verschone uns mit medizinischer Laienpresse wie "Zentrum der Gesundheit". Dort geht es selten wissenschaftlich fundiert zu, denn man findet eher einen Wiederhall einer esoterisierten und überskeptischen Leser und Autorenschaft.
    Seriöse Aussagen lassen sich nur unter folgender Adresse finden:

    http://www.ncbi.nlm.nih.g...

    Dann muss noch nachgeforscht werden, wer die Studie bezahlt hat und wie gut sie ist...wenn dies getan ist, kann eine Aussage getroffen werden, ob die Pille wirklich so schlimm ist, wie es auf "Zentrum der Gesundheit" kolportiert wird.

    Jedes Medikament hat seine Nebenwirkungen, aber bei der Pille überwiegt bei weitem der Nutzen. Was mich als Arzt jedoch stutzig werden lässt, ist der Inhalt des von dir verlinkten Artikels:

    Die Pille ist also schuld an ALLEM: Krebs (das ist bekannt), Osteoporose, Vitaminmangel, Hirnschlag, Thrombosen (das ist bekannt)...und natürlich das Argument, mit dem halbseidene, der Naturheilkunde nahestehende Seiten IMMER kommen: Abgeschlagenheit...

    Für mich ist diese Seite eher eine Gefahr als seriöse Aufklärung. Fragen Sie lieber ihren Arzt.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Wenn man sich den teils gefährlichen Unsinn anschaut, der dort verbreitet wird, frage ich mich, warum diese Leute nicht schon lange Spermien bis zur Unnachweisbarkeit potenziert und zerrieben haben und als Anti-Baby-Globuli verabreicht haben. Gibt ja nichts, was nicht mit Globuli in den Griff zu bekommen ist. Das ist haarsträubend! Und auch gefährlich. Nämlich dann, wenn wirksame Behandlungen verzögert oder verhindert werden und suggeriert wird, alle Medikamente würden nur die Symptome behandeln und es sei besser Globuli zu essen. Falls es nicht hilft, einfach mehr Globuli. Obwohl - weniger ist eigentlich mehr. Also, wenn es nicht hilft, weniger Globuli. Oder wie war das nochmal? Egal. Trinken wir einfach noch einen Tee dazu.

    Die Pille ist also schuld an ALLEM:

    Krebs (das ist bekannt) - Ah ja - doch "immerhin" ???

    Osteoporose, Vitaminmangel, Hirnschlag, Thrombosen (das ist bekannt)...
    ah, ja - doch "immerhin" ???

    Ihr etwas lax wirkendes Zugeständnis von:
    "das ist bekannt" - ...
    weiß nicht, wie es sich da innerhalb ihrer Argumentationskette verirrt hat.

    In meiner habe ich jedoch kein Wort davon geschrieben, dass die Pille an ALLEM schuld sei. Vielleicht sollten Sie meine Kommentare in Zukunft gründlicher lesen.

    Ansonsten - warum so aggressiv. Jede Frau kann doch schließlich selbst entscheiden, ob Sie ihre "Freiheit" an ein in-ihr-Hormon-System-eingreifendes "Medikament" (ist Fruchtbarkeit eigentlich eine Krankheit ???) hängen will, oder nicht.

    Für mich - im Gegensatz zu Ihnen - beinhaltet der Begriff Nebenwirkungen ganz selbstverständlich, dass diese nicht bei jeder Frau eintreffen. Sondern in dem laut Beipackzettel angegebenen Ausmaß. Langzeitwirkungen über 30 Jahren und mehr (ausgehend von der Tatsache, dass ein durchschnittliches junges Mädchen heutzutage mit sagen wir mal 14 - 17 mit der Pille anfängt) EXKLUSIVE. Abwägen muss jede selbst.

    Dass Hautärzte heutzutage bei manchen jungen Frauen niedrigdosierte Antibabypillen gegen Akne verschreiben, ist ja auch kein Geheimnis. In der Regel hilft es, jedoch auch Kartoffel-Chips, Cola und Co. wegzulassen, um eine reine Haut zu bekommen.

    Schöne neue Welt?

    Ja sicher! Was auch immer jede/r einzelne darunter verstehen mag.

  3. Wenn man sich den teils gefährlichen Unsinn anschaut, der dort verbreitet wird, frage ich mich, warum diese Leute nicht schon lange Spermien bis zur Unnachweisbarkeit potenziert und zerrieben haben und als Anti-Baby-Globuli verabreicht haben. Gibt ja nichts, was nicht mit Globuli in den Griff zu bekommen ist. Das ist haarsträubend! Und auch gefährlich. Nämlich dann, wenn wirksame Behandlungen verzögert oder verhindert werden und suggeriert wird, alle Medikamente würden nur die Symptome behandeln und es sei besser Globuli zu essen. Falls es nicht hilft, einfach mehr Globuli. Obwohl - weniger ist eigentlich mehr. Also, wenn es nicht hilft, weniger Globuli. Oder wie war das nochmal? Egal. Trinken wir einfach noch einen Tee dazu.

    Antwort auf "Zahlenfehler?"
  4. Die Pille ist also schuld an ALLEM:

    Krebs (das ist bekannt) - Ah ja - doch "immerhin" ???

    Osteoporose, Vitaminmangel, Hirnschlag, Thrombosen (das ist bekannt)...
    ah, ja - doch "immerhin" ???

    Ihr etwas lax wirkendes Zugeständnis von:
    "das ist bekannt" - ...
    weiß nicht, wie es sich da innerhalb ihrer Argumentationskette verirrt hat.

    In meiner habe ich jedoch kein Wort davon geschrieben, dass die Pille an ALLEM schuld sei. Vielleicht sollten Sie meine Kommentare in Zukunft gründlicher lesen.

    Ansonsten - warum so aggressiv. Jede Frau kann doch schließlich selbst entscheiden, ob Sie ihre "Freiheit" an ein in-ihr-Hormon-System-eingreifendes "Medikament" (ist Fruchtbarkeit eigentlich eine Krankheit ???) hängen will, oder nicht.

    Für mich - im Gegensatz zu Ihnen - beinhaltet der Begriff Nebenwirkungen ganz selbstverständlich, dass diese nicht bei jeder Frau eintreffen. Sondern in dem laut Beipackzettel angegebenen Ausmaß. Langzeitwirkungen über 30 Jahren und mehr (ausgehend von der Tatsache, dass ein durchschnittliches junges Mädchen heutzutage mit sagen wir mal 14 - 17 mit der Pille anfängt) EXKLUSIVE. Abwägen muss jede selbst.

    Dass Hautärzte heutzutage bei manchen jungen Frauen niedrigdosierte Antibabypillen gegen Akne verschreiben, ist ja auch kein Geheimnis. In der Regel hilft es, jedoch auch Kartoffel-Chips, Cola und Co. wegzulassen, um eine reine Haut zu bekommen.

    Schöne neue Welt?

    Ja sicher! Was auch immer jede/r einzelne darunter verstehen mag.

    Antwort auf "Zahlenfehler?"
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    Zitat von Zeitungsente a.D., #5

    "In der Regel hilft es, jedoch auch Kartoffel-Chips, Cola und Co. wegzulassen, um eine reine Haut zu bekommen."

    Blick auf wikidepia.org

    > http://de.wikipedia.org/w...

    Deckt sich mit dem, was meine beiden Hautärzte vor Jahren schon über mein damaliges Hautproblem gesagt haben.

    Failed!

    • ArthurS
    • 15. Oktober 2011 12:08 Uhr

    Ein Hoch auf Forscher wie Herrn Djerassi - auf dass sich die Menschheit endlich aus dem viele 1000 Jahre währenden Jammertal von Unfreiheit, Unwissenheit und Moral-Aposteln a la "Du darfst das nicht, weil mein imaginärer Freund das nicht will" befreien möge! :-)

  5. Margaret Sanger und Katharine McCormick waren die wahren Vordenkerinnen und Vorkämpferinnen der Anti-Baby-Pille. McCormick hat die Entwicklung der Pille maßgeblich mit ihrem eigenen Vermögen finanziert, lange bevor die Pharmaindustrie sich an die Vermarktung der Pille herangewagt hat. Das wir heute über Carl Djerassi als "Befreier der Liebe" lesen, liegt wohl eher an seiner Zweitkarriere als Schriftsteller.

    Ein Muss für alle, die wissen wollen wie spannend die Entwicklung der Pille tatsächlich gewesen ist, ist der Dokumentarfilm "The Pill" von Chana Gazit, mehr unter: http://www.pbs.org/wgbh/a...

  6. Moderne Knechtschaft der Frau - verkauft als "Befreiung".
    Antibabypille - was für ein Erfolg. Grandios. Einmalig. Endlich ist es der patriarchalischen Welt gelungen einem Weibe bei bester Gesundheit ein Hormonpräparat zu täglichen Einnahme anzudrehen und das auch noch als "sexuelle Befreiung" zu verkaufen. Genial.

    Es ist aber - gute Nachricht - bereits noch einigen Frauen aufgefallen:

    "Immer weniger Frauen schlucken die Antibaby-Pille. (...)

    Frauen verzichten zunehmend auf die Pille: Nahmen 2002 rund 43 Prozent der 15- bis 24-jährigen Frauen die Anti-Baby-Pille, so waren es 2007 noch 36 Prozent. Bei den älteren Jahrgängen war ein ähnlicher Rückgang erkennbar, wie eine Befragung des Bundesamtes für Statistik (BFS) zeigt.
    (...)"

    Scheinbar haben wohl immer mehr Frauen genug von Verhütungsmitteln, die einseitig zu ihren Lasten fallen.

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  • Schlagworte Antibabypille | College | Diplomarbeit | Fortpflanzung | Kondom | Pharmaindustrie
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