Wenn Carl Djerassi darauf besteht, »Mutter der Pille« genannt zu werden anstelle der – naheliegenden – männlichen Bezeichnung, ist das nicht zwangsläufig Koketterie. Obwohl man Djerassi nicht unbedingt als bescheidenen Menschen bezeichnen kann. Der mütterliche Anteil an der Schöpfung neuen Lebens, sagt er, sei viel wichtiger und umfangreicher als das kleine männliche Spermium, dessen Quelle man danach gleich wieder vergessen könne.

Der Chemiker hat den entscheidenden Grundstein für die Entwicklung der Pille gelegt. 1951 synthetisierte er in einem Labor in Mexiko gemeinsam mit dem Chemiker Luis E. Miramontes als Erster einen der Wirkstoffe der ersten Pille *. Schwangere schütten es verstärkt aus, was etwa die Befruchtung einer weiteren Eizelle verhindert. Bei Nichtschwangeren kann dieser Mechanismus jegliche Empfängnis verhüten. Progesteron musste allerdings injiziert werden. Darum baute Djerassi – der gängigen Lehrmeinung zum Trotz – ein Testosteron-Molekül an zwei entscheidenden Stellen so um, dass es zwar wie Progesteron wirkte, aber trotzdem einfach geschluckt werden konnte. Dabei setzte er sich einfach über den Stand der damaligen Theorie hinweg, dass Steroidhormone bei Veränderungen ihre Eigenschaften verlieren. Seine Substanz, Norethindron, wurde zur Grundlage für die erste Antibabypille, die 1960 in den USA zugelassen wurde.

Nach Amerika war Djerassi als 16-Jähriger auf der Flucht vor den Nazis gekommen. Nur dank der Hilfe von Immigrantenvereinen und Stiftungen konnte er zur Schule gehen. Nur dank eines Briefes, den der Jugendliche an die Präsidentengattin Eleanor Roosevelt gerichtet hatte, erhielt er ein kleines Stipendium fürs College.

Nach seiner Diplomarbeit ging Djerassi in die Pharmaindustrie. Geldnot spielte dabei ebenso eine Rolle wie die Freude an greifbaren Ergebnissen. So entdeckte er als Erster eine Möglichkeit, Cortison aus der mexikanischen Yamswurzel zu extrahieren und somit dessen Preis drastisch zu reduzieren. Angespornt von diesem Erfolg, wandte er sich der Substanz zu, die das Sexleben von Abermillionen grundlegend ändern sollte. Indem sie die körperliche Liebe von der Zwangsläufigkeit der möglichen Fortpflanzung trennte.

Seither wird der heute 87-jährige Djerassi abwechselnd für den allgemeinen Verfall der Moral verantwortlich gemacht, als Wegbereiter der sexuellen Revolution gefeiert oder gewürdigt als der Mann, der den Frauen unkomplizierteren Sex ermöglichte. Immerhin verwenden heute Schätzungen zufolge knapp 100 Millionen weltweit die Pille und können somit zuverlässiger steuern, ob sie schwanger werden wollen oder nicht, als dies zuvor etwa mit Kondom oder Pessar möglich war.

Djerassi denkt weiter über die Trennung von Sex und Fortpflanzung nach. In seiner Zweitkarriere, als Schriftsteller , sagt er voraus: Eines Tages wird beides nichts mehr miteinander zu tun haben.

* Der Artikel wurde nachträglich korrigiert. In einer früheren Version dieses Artikels stand, Djerassi habe als Erster das Sexualhormon Progesteron synthetisch hergestellt. Tatsächlich synthetisierte der Chemiker 1951 den Wirkstoff Norethisteron der ersten Pille, nicht jedoch als Erster das Progesteron .