Der gebürtigte Grüne: Daniel Boese träumt von der CDU. Denn eine Protestpartei waren die Grünen für ihn nie

Als ich das erstes Mal die Grünen wählte, holten sie das beste Ergebnis ihrer Geschichte. Es war 1996 bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg: 12,1 Prozent, mehr als je zuvor, aber eine Regierungsbeteiligung war undenkbar. Die Grünen waren noch die Alternative. Die beiden Grünen im Gemeinderat in unserem Dorf mussten sich den Respekt hart erarbeiten, sie diskutierten jahrelang über den Sinn von Neubaugebieten im Dorf, fragten schon seit Anfang der achtziger Jahre, warum die Bauern ihre Felder nicht weniger düngten, sodass man das Leitungswasser auch wieder für Babynahrung nutzen könnte.

Die CDU herrschte im Bund und im Land, immerhin gab es in der nahen Kleinstadt einen SPD-Bürgermeister. Daneben gab es dort aber auch einen erzkonservativen Verleger der Lokalzeitung. Und ein Kriegerdenkmal mit überlebensgroßen Soldaten mit Patronengurt, Gewehr und Stahlhelm, aber keines, das an die Opfer des Holocaust und des Krieges erinnerte.

Ich war froh, eine Alternative zu haben. Das Schlimme daran war nur, dass sie leider gar nicht dazu taugte, meine Eltern zu provozieren. Die hatten mich mitgenommen auf Ostermärsche zu amerikanischen Militärbasen und zu Demos gegen den ersten Irakkrieg. Ich war ein Kind der Grünen.

Dazu gehörte das paradoxe Gefühl, mit den eigenen Überzeugungen zwar gesellschaftlich zu einer lautstark protestierenden Minderheit zu gehören, aber gleichzeitig in die Fußstapfen der Eltern zu treten. Natürlich wählte ich 1998 wieder die Grünen: Doppelte Staatsbürgerschaft, Atomausstieg, Ökosteuer und das Gesetz für erneuerbare Energien – das war alles vernünftig.

Dann zog ich nach Berlin, ich studierte Kulturwissenschaft, Politik sollten andere machen. Clubs, Kunst, Ästhetik waren wichtiger. Gut, 2002 war noch mal aufregend – in ganz Deutschland waren die Erststimmen für die Grünen bedeutungslos, außer in Kreuzberg. Natürlich wollte ich Geschichte schreiben und wählte Hans-Christian Ströbele, das erste Direktmandat für die Grünen in der Bundesrepublik. Trotzdem: Politik war etwas für die Politikwissenschaftsstudenten an der Freien Universität. Die erzählten auf Partys von den Zeiten, als Rudi Dutschke an ihrer Uni für die Revolution gekämpft hatte, freuten sich aber über ihre Praktika im Bundestag und arbeiteten für SPD-nahe Agenturen. Manchmal sah man auch Siebdrucke mit Gerhard Schröders Konterfei an ihren Wänden. Das fand ich langweilig und ästhetisch unterkomplex.

Erst ein Rechercheauftrag brachte mich 2006 zu der Frage: Was macht eigentlich der Klimawandel? Ich stellte fest: Er findet wirklich statt, wird vom Menschen gemacht und bedroht die menschliche Zivilisation. Ich verfolgte gebannt, wie 2007 die Arktis auf ein Rekordminimum schmolz, das hatten die Wissenschaftler erst für das Ende des Jahrhunderts vorhergesagt – der Klimawandel ist also längst hier, viel schneller als gedacht.

Jetzt ist das Jahrhundertthema Klimawandel ausschlaggebend für meine Wahlentscheidung. Wir unterschätzen immer noch, wie schnell und wie sehr sich unsere Städte, Unternehmen, unser Leben durch den Klimawandel in den nächsten zwei Jahrzehnten verändern werden, verändern müssen. Politiker, die unsere Gesellschaft sturmfest machen, bekommen meine Stimme.

Ich träume davon, mal endlich CDU zu wählen – wenn die ihr Etikett »konservativ« beachten würden und dafür sorgten, dass die Pole nicht weiter schmelzen und die Ozeane nicht versauern. Bis dahin werde ich wohl weiter Grün wählen – so wie 2009 im Bund und 2011 in Berlin. Leider bekommen die Grünen auch von links zu wenig Konkurrenz.

Aber nur wählen gehen reicht nicht, es ist Zeit, endlich selbst aktiv zu werden, das scheint man auch auf dem Dorf kapiert zu haben. Wenn ich meine Eltern besuche, sehe ich die Solaranlagen auf den Scheunen der Bauern. Der Gemeinderat hat dem Großkonzern EnBW gerade das Stromnetz entzogen. Und die Wahlergebnisse im Stuttgarter Landtag waren irre. Bei uns im Dorf kamen die Grünen auf 26,8 Prozent. Endlich Volkspartei!

Von Daniel Boese