ZEIT: Vor einigen Wochen hat die ZEIT dem Umweltbundesamt vorgeworfen, den Atomausstieg schöngerechnet zu haben . Was sagen Sie zu diesem Vorwurf?

Flasbarth: Der Korrekturbedarf des Umweltbundesamts in der Energiepolitik liegt irgendwo im Bereich von Nachkommastellen. Der Korrekturbedarf derjenigen, die eine atomare Energieversorgung für ewig richtig gehalten haben, ist deutlich größer.

ZEIT: Sie reden das Problem klein. Die Rechnung, die wir kritisieren, war jahrelang die Antwort des Umweltbundesamts auf die Frage, wie Atomausstieg und Klimaschutz zusammenpassen.

Flasbarth: An der Grundaussage ändert sich nichts: Wir sagen, dass ausreichend Kapazitäten zur Verfügung stehen, sodass der Bau neuer Kohlekraftwerke über die im Bau befindlichen hinaus nicht erforderlich ist. Wir haben immer gesagt, dass jede Ambition, die erneuerbaren Energien schneller voranzutreiben, richtig ist. Und wir sagen, dass der Klimaschutz in der Stromproduktion sich aufgrund des europäischen Emissionshandels nicht verändert. Wir haben dort EU-weit eine feste Obergrenze für die Emissionen. Jede Tonne, die wir zusätzlich ausstoßen, wird an anderer Stelle eingespart.

ZEIT: Das ist die Theorie des Emissionshandels: Wer Kohlestrom erzeugt, muss Emissionszertifikate erwerben, und deren Menge ist begrenzt. In der Praxis ist es so, wie die Experten von der Akademie der Wissenschaften schreiben, dass der Emissionshandel ein Markt ohne Knappheit ist. Es gibt so viele Zertifikate, und sie sind so billig, dass sie gar nicht alle benötigt werden.

Flasbarth: Das ist falsch. Es gibt eine europaweit festgelegte Obergrenze – und die wird eingehalten.

ZEIT: Unterstellt, im Emissionshandel wären die Zertifikate knapp, wie Sie glauben und wir nach wie vor bestreiten...

Flasbarth: Wie können Sie so einen Sachverhalt bestreiten? Dann erklären Sie mir mal, warum jemand derzeit 13 Euro für ein Zertifikat bezahlt!

ZEIT: Gern. Es sind im großen Stil überschüssige Zertifikate verteilt worden, aber nicht an die Unternehmen, die sie brauchen. Die Unternehmen, die sie brauchen, kaufen sie von denen, die sie nicht benötigen. Und dafür zahlen sie einen sehr niedrigen Preis.

Flasbarth: Ohne Knappheiten gäbe es keinen Preis. Wenn Ihre Theorie richtig wäre, wäre die ganze Aufregung praktisch aller Industriezweige über den Emissionshandel gar nicht zu erklären.

ZEIT: Die Deutsche Bank hat ausgerechnet, dass der Atomausstieg 370 Millionen Tonnen zusätzliche CO₂-Emissionen verursachen wird . Dafür müsste der gesamte deutsche Kraftwerkspark 14 Monate lang laufen. Wie ist das gegenüber den Opfern des Klimawandels zu rechtfertigen, etwa den Hungernden in Somalia?

Flasbarth: Sie müssen irgendwann mal den Emissionshandel akzeptieren und verstehen. Was wir zusätzlich produzieren, wird an anderer Stelle in Europa eingespart. Und ganz grundsätzlich: Ich würde gerne mal andere Industrieländer sehen, die im Klimaschutz so große Fortschritte gemacht haben wie wir Deutschen. Ihre Sichtweise, dass wir für die vom Klimawandel Betroffenen am Horn von Afrika verantwortlich sind, ist absurd! Wir sind Vorreiter im Klimaschutz, warum erkennen Sie das nicht an?