DIE ZEIT: Herr Özdemir, es heißt, die Grünen werden es nicht vergessen, dass die SPD in Berlin das Bündnis platzen ließ . Spricht so nicht der ewige Kellner, der auf den Koch sauer ist?

Cem Özdemir: Das war nicht meine Wortwahl. Aber die SPD ließ hier ein letztes Mal die alte Basta-Politik aufleben. Damit ist Wowereit gescheitert. Ich kann ihm nur raten, mal nach Baden-Württemberg zu schauen, wie fair die Grünen da mit dem Juniorpartner SPD umgehen.

ZEIT: Sind nicht vor allem die Grünen in der links gestimmten Hauptstadt gescheitert?

Özdemir: Das ist schlecht für die Hauptstadt. Aber Berlin ist nicht das Ende der Welt und auch nicht das Ende von Rot-Grün. Wir haben in Berlin im Unterschied zur SPD zugelegt, wenn auch nicht so viel, wie wir wollten. Wir regieren 33 Millionen Menschen erfolgreich, sitzen in 16 von 16 Landtagen. Etwas müssen wir ja richtig machen.

ZEIT: Sind die Grünen im Nachklang von Berlin jetzt wieder die Dagegen-Partei?

Özdemir: Das ist Unsinn. Wir sind die treibende Kraft bei dem aktuell wichtigsten Großprojekt der Energiewende. Es kann doch nicht sein, dass die SPD sagt: Hier sind unsere Lieblingsprojekte, und alle, die diese nicht zu 100 Prozent mittragen wollen, sind irrationale Wutbürger. An der Schweiz und ihrem Gotthardtunnel, über den es eine Volksabstimmung gab, sieht man doch: Man kann ein Hochtechnologieland sein und große, verbraucherfreundliche Infrastrukturprojekte in kürzerer Zeit vollenden, gerade auch dank der direkten Demokratie. Die SPD sagt: Je mehr Beton, desto besser. So läuft das für uns nicht. Für uns müssen Infrastrukturmaßnahmen finanziell machbar, sinnvoll und zukunftsfähig sein. Mancher will eine Brücke bauen, wo es überhaupt keinen Fluss gibt.

ZEIT: Mit so einem Dissens in Sachen Wachstum – wie soll das werden mit Rot-Grün im Bund 2013?

Özdemir: Die SPD erlitt mit der Strategie, die besseren Grünen zu sein, beim Atomausstieg Schiffbruch. Das ist nicht ihnen zugute gekommen, sondern uns. Jetzt haben sie sich darauf verlegt, stärker wieder ihr industriepolitisches Profil zu schärfen. Solange das nicht dazu führt, dass wir uns gegenseitig Stimmen wegnehmen – und es dann zu einer Großen Koalition kommt, weil es am Ende nicht reicht –, solange wir also beide zulegen, soll mir das recht sein. Ich will keine Öko-Partei aus der SPD machen, und wir werden keine besseren Sozialdemokraten.

ZEIT: Wozu braucht die Bundesrepublik die Grünen nach dem Atomausstieg noch?

Özdemir: Wenn man sich einmal ansieht, wer was zum Modell Deutschland nach 1945 beigetragen hat, dann sorgte die Union für Westbindung, Nato-Mitgliedschaft und europäische Identität, wobei das europapolitische Erbe mittlerweile wir vertreten. Die Ostpolitik der SPD war wichtig, genauso wie ihre Bildungspolitik. Die Grünen brachten den Gedanken der Nachhaltigkeit ein, von der Haushaltspolitik für künftige Generationen bis zur Endlagerung von Atommüll – eine Frage, die ironischerweise vermutlich ausgerechnet von den Grünen zu lösen sein wird.

ZEIT: Von San Francisco bis Tel Aviv gibt es derzeit antikapitalistische Proteste. Sind die Grünen dabei nur noch Zaungäste?

Özdemir: Das sehe ich nicht so. Für viele der Forderungen dieser Proteste kämpfen wir schon lange: Börsenumsatzsteuer, Regulierung der Finanzmärkte. Aber wenn ich höre, dass die Europäische Zentralbank in Frankfurt als Protestziel ausgesucht wird, da würden mir bessere Ziele einfallen. Da sollte man eher vor mancher Großbank demonstrieren.