Wenn die Schafe auf den Wiesen wüssten, wie es in diesem Kleinbus zugeht, brächten sie sich und ihre Wolle in Sicherheit. Elf Frauen und zwei Männer sitzen darin, zwischen Ende zwanzig und Anfang fünfzig, gehüllt in selbst gestrickte Gewänder. Viele halten spitze Gegenstände in den Händen: Stricknadeln. Die gleichförmigen Bewegungen damit wirken energisch – ein lautloser, doch unnachgiebiger Rhythmus, der das Gemurmel im Bus unterlegt, als sei dies ein Musikgenre, Handarbeits-Rap. Die Inhalte sind, wie bei Rap nicht unüblich, bisweilen rabiat. Man unterhält sich über Strickerfahrungen unter Alkoholeinfluss. Schimpft über die Willkür von Flughafenangestellten, die Nadeln im Handgepäck konfiszieren. Lamentiert über persönliche »bad knit days«, an denen man sich im Muster irrt und alles wieder aufribbeln muss. Jetzt wird auch noch eine gestrickte Puppe herumgereicht, zu Bewunderungszwecken; eine Puppe, die sogar heißt, und zwar Henrietta. Na gut, denke ich mir. Zumindest soziologisch wird die Reise interessant.

Es ist nicht so, dass ich nicht stricken kann. Ich sah nur seit dem Handarbeitsunterricht in der Schule keine Veranlassung mehr dazu. Als ich im Internet auf diese Islandtour stieß, »Wandern und Stricken zwischen Feuer und Eis«, sprach mich aber das »und« an. Die Aussicht, die Natur eines Landes mit den Beinen und die Kultur mit den Händen zu erleben. Stricken, stand da, habe auf der Insel eine lange Tradition – im Prinzip lebe hier ein Volk der Stricker. Das wollte ich sehen. Es musste ja nicht gleich ein ganzer Islandpullover dabei herauskommen, dachte ich; vielleicht gibt es auch Islandtopflappen.

In den Souvenirläden hingen dann doch meist Pullover, als ich am Tag meiner Ankunft allein durch Reykjavík schlenderte. Es gab auch einige Wollshops – davon abgesehen wirkte die Hauptstadt aber handarbeitsneutral. Im Zentrum strahlten Holzhäuser mit bunten Wellblechverkleidungen gegen die muffelige Laune des Spätsommers an. Vor dem Rathaus, das wie ein futuristischer Tempel in den Stadtteich ragte, hielt eine Entengemeinde Versammlung. In der Hallgrímskirche fiel mir zwar auf, dass die Jesus-Statue schöne Hände hat – für die soll aber kein Strickkünstler Modell gestanden haben, sondern ein Politiker, ein sozialistischer. Auch die Skulpturen berühmter Isländer belegen keine Vorliebe fürs Stricken: Der erste Siedler Ingólfur Arnarson trug Kettenhemd und Römersandalen, der erste Premierminister Hannes Hafstein einen schicken Tuchmantel. Und der legendäre Gelehrte Sæmundur, der auf einem Seehund von Frankreich nach Island geritten sein soll, reiste offenbar nackt.

Die Wolle Lopi soll das Beste sein, was Schafe so hinbekommen

Nach diesem wollfreien Anfang war der Kulturschock programmiert, als ich am nächsten Morgen meine Reisegruppe traf: Handarbeitsfans aus Nordamerika, Großbritannien, Frankreich und Deutschland, angeführt von Hélène Magnússon, die man schon dank ihres selbst entworfenen, wildbunt gewürfelten Pullis mit Flatterärmeln kaum übersah. Sie sei in Frankreich geboren, sagte sie, mit einem Isländer verheiratet, Gründerin des Strick-Webzines Icelandic Knitter , Mutter dreier Töchter. Und mehrerer Strickpuppen.

Ich wählte einen Einzelsitz in dem Kleinbus, der uns jetzt nach Skógar im Süden rumpelt, wo unsere Wanderung beginnt. Draußen spielt die Sonne mit dem flechtengrünen Land. Sie lässt ihre Strahlen über die Hügel surfen und zeichnet den Felsen Falten. Ich blicke in die Ferne, wo die ersten Berge prangen, schwarz-weiß gescheckte Kolosse aus Lava und Eis, und spiele Prominente-Raten: Die korpulente Riesin vorne links muss die Hekla sein – eine cholerische Vulkandiva, die etwa alle zehn Jahre lospoltert. Auf den Westmännerinseln zu unserer Rechten residiert der Helgafell – ein Altstar, der in den siebziger Jahren berühmt wurde. Und vor uns hat sich der Newcomer breitgemacht. Ein Berg, der so platt und phlegmatisch wirkt, dass man sich fragt, ob wirklich er es war, der im vergangenen Jahr mit seiner Asche halb Europa erschreckte. Als Hélène auf den Eyjafjallajökull zeigt, recken sich die Hälse. »Éja-fjátla-jökütl«, sprechen alle nach, im Chor. Dann richten sich die Blicke wieder nach unten, auf die Handarbeiten. Warum stricken Menschen eigentlich, heutzutage? Zumal die Wolle für einen Pullover meist mehr kostet als ein fertig gestrickter im Laden, den man sofort anziehen kann?