Island Immer der Nadel nach
In Island lebt ein Volk der Stricker. Wo also könnte man sich besser auf den Winter vorbereiten als hier? Mit dem Wollknäuel auf Wanderschaft zu Vulkanen und warmen Pullis
Wenn die Schafe auf den Wiesen wüssten, wie es in diesem Kleinbus zugeht, brächten sie sich und ihre Wolle in Sicherheit. Elf Frauen und zwei Männer sitzen darin, zwischen Ende zwanzig und Anfang fünfzig, gehüllt in selbst gestrickte Gewänder. Viele halten spitze Gegenstände in den Händen: Stricknadeln. Die gleichförmigen Bewegungen damit wirken energisch – ein lautloser, doch unnachgiebiger Rhythmus, der das Gemurmel im Bus unterlegt, als sei dies ein Musikgenre, Handarbeits-Rap. Die Inhalte sind, wie bei Rap nicht unüblich, bisweilen rabiat. Man unterhält sich über Strickerfahrungen unter Alkoholeinfluss. Schimpft über die Willkür von Flughafenangestellten, die Nadeln im Handgepäck konfiszieren. Lamentiert über persönliche »bad knit days«, an denen man sich im Muster irrt und alles wieder aufribbeln muss. Jetzt wird auch noch eine gestrickte Puppe herumgereicht, zu Bewunderungszwecken; eine Puppe, die sogar heißt, und zwar Henrietta. Na gut, denke ich mir. Zumindest soziologisch wird die Reise interessant.
Es ist nicht so, dass ich nicht stricken kann. Ich sah nur seit dem Handarbeitsunterricht in der Schule keine Veranlassung mehr dazu. Als ich im Internet auf diese Islandtour stieß, »Wandern und Stricken zwischen Feuer und Eis«, sprach mich aber das »und« an. Die Aussicht, die Natur eines Landes mit den Beinen und die Kultur mit den Händen zu erleben. Stricken, stand da, habe auf der Insel eine lange Tradition – im Prinzip lebe hier ein Volk der Stricker. Das wollte ich sehen. Es musste ja nicht gleich ein ganzer Islandpullover dabei herauskommen, dachte ich; vielleicht gibt es auch Islandtopflappen.
- Island: Anreise
Direktflüge nach Reykjavík zum Beispiel mit Icelandair (www. icelandair.de), Germanwings (www. germanwings.de) oder Air Berlin (www.airberlin.de). Vom Flughafen dann per Flybus (www.re.is) in die circa 50 Kilometer entfernte Innenstadt, Rückfahrtticket knapp 30 Euro
- Die Tour
Die Reise »Wandern und Stricken zwischen Feuer und Eis« ist über Hélène Magnússons Webzine Icelandic Knitter buchbar. Die nächsten Touren mit diesem Konzept finden im Sommer 2012 statt. Inbegriffen sind der Besuch des Museums von Skógar, Bergtouren, Unterricht, Transport vor Ort, Verpflegung und Übernachtungen in Pensionen und Hütten. Die Kurssprachen sind Englisch und Französisch, fünf Tage kosten circa 1.000 Euro. Magnússon bietet auch Strickreisen mit anderen Schwerpunkten an – etwa ein Wochenende zur Handarbeitsmesse, Strick-und-Langlauf-Touren sowie eine Kombination aus Stricken und Sightseeing (http://tricoteuse-islande.fr/en)
- Lesen
In ihrem Buch Icelandic Knitting zeigt Hélène Magnússon, wie sich traditionelle Muster zeitgemäß umsetzen lassen (auf Englisch; Search Press, Wellwood 2008; 160 S., ca. 17 Euro). – In seiner Gebrauchsanweisung für Island verrät Kristof Magnusson, wie die Bewohner der Westmännerinseln ihren Hafen vor Lava retteten – aber auch, wo die beste Hotdogbude Reykjavíks steht (Piper Verlag, München 2011; 208 S., 14,95 Euro)
In den Souvenirläden hingen dann doch meist Pullover, als ich am Tag meiner Ankunft allein durch Reykjavík schlenderte. Es gab auch einige Wollshops – davon abgesehen wirkte die Hauptstadt aber handarbeitsneutral. Im Zentrum strahlten Holzhäuser mit bunten Wellblechverkleidungen gegen die muffelige Laune des Spätsommers an. Vor dem Rathaus, das wie ein futuristischer Tempel in den Stadtteich ragte, hielt eine Entengemeinde Versammlung. In der Hallgrímskirche fiel mir zwar auf, dass die Jesus-Statue schöne Hände hat – für die soll aber kein Strickkünstler Modell gestanden haben, sondern ein Politiker, ein sozialistischer. Auch die Skulpturen berühmter Isländer belegen keine Vorliebe fürs Stricken: Der erste Siedler Ingólfur Arnarson trug Kettenhemd und Römersandalen, der erste Premierminister Hannes Hafstein einen schicken Tuchmantel. Und der legendäre Gelehrte Sæmundur, der auf einem Seehund von Frankreich nach Island geritten sein soll, reiste offenbar nackt.
Die Wolle Lopi soll das Beste sein, was Schafe so hinbekommen
Nach diesem wollfreien Anfang war der Kulturschock programmiert, als ich am nächsten Morgen meine Reisegruppe traf: Handarbeitsfans aus Nordamerika, Großbritannien, Frankreich und Deutschland, angeführt von Hélène Magnússon, die man schon dank ihres selbst entworfenen, wildbunt gewürfelten Pullis mit Flatterärmeln kaum übersah. Sie sei in Frankreich geboren, sagte sie, mit einem Isländer verheiratet, Gründerin des Strick-Webzines Icelandic Knitter, Mutter dreier Töchter. Und mehrerer Strickpuppen.
Ich wählte einen Einzelsitz in dem Kleinbus, der uns jetzt nach Skógar im Süden rumpelt, wo unsere Wanderung beginnt. Draußen spielt die Sonne mit dem flechtengrünen Land. Sie lässt ihre Strahlen über die Hügel surfen und zeichnet den Felsen Falten. Ich blicke in die Ferne, wo die ersten Berge prangen, schwarz-weiß gescheckte Kolosse aus Lava und Eis, und spiele Prominente-Raten: Die korpulente Riesin vorne links muss die Hekla sein – eine cholerische Vulkandiva, die etwa alle zehn Jahre lospoltert. Auf den Westmännerinseln zu unserer Rechten residiert der Helgafell – ein Altstar, der in den siebziger Jahren berühmt wurde. Und vor uns hat sich der Newcomer breitgemacht. Ein Berg, der so platt und phlegmatisch wirkt, dass man sich fragt, ob wirklich er es war, der im vergangenen Jahr mit seiner Asche halb Europa erschreckte. Als Hélène auf den Eyjafjallajökull zeigt, recken sich die Hälse. »Éja-fjátla-jökütl«, sprechen alle nach, im Chor. Dann richten sich die Blicke wieder nach unten, auf die Handarbeiten. Warum stricken Menschen eigentlich, heutzutage? Zumal die Wolle für einen Pullover meist mehr kostet als ein fertig gestrickter im Laden, den man sofort anziehen kann?
Die alten Isländer frönten diesem Hobby noch, weil sie mussten. Im Museum von Skógar stammen viele Exponate zwar aus der Fischereigeschichte. »Doch das Stricken war vom 17. bis zum 19. Jahrhundert die wichtigste Heimindustrie«, erzählt Hélène. »Frauen, Männer und Kinder mussten ran, in jeder freien Minute, sogar beim Laufen auf den Feldern. Die Waren wurden exportiert.« Auch für den Eigenbedarf sei gestrickt worden, Socken, Handschuhe, Trachten, sogar Zelte. Und ovale, bunte Wollflicken wie die, die im Museum über einen Türrahmen gepinnt sind. Doch Topflappen?
»Das sind Einlegesohlen«, sagt Hélène. »Die Schuhe waren aus Fischhaut und wurden damit bequemer und wärmer. Andere Völker stopften sich Stroh oder Rinde hinein. Aber gestrickte Einlagen kannte man nur in Island.« Darum seien im Grunde sie das landestypische Wollprodukt – und nicht die Islandpullover. »Die wurden erst in den siebziger Jahren richtig berühmt.« Die einfachsten Einlagen sind bunt gestreift, doch daneben hängen auch Exemplare mit Rosenmustern in acht Farben: Feiertagssohlen. Die Profis der Gruppe raunen, als Hélène erläutert, dass die Einlagen mit Intarsientechnik gestrickt worden seien. Als Laien interessiert mich mehr, dass sie ihre Abdrücke auch in der Sprache hinterlassen haben: »Du machst mir nur Ärger« heißt auf Isländisch »Du bist nichts als eine Schuhsohle für mich!«.
»Du bist nichts als Wolle«, träfe es auch, denke ich am Abend, als wir in einer Pension zur ersten Stricklektion beisammen sitzen. Die isländische Wolle Lopi sei wasserabweisend, warm, leicht, atmungsaktiv, hat Hélène uns vorgeschwärmt; das Beste, was Schafe so hinbekämen. Leider ist sie auch ungesponnen – der Legende nach, weil eine faule Frau in den zwanziger Jahren einfach so drauflosstrickte und damit einen Trend setzte. Ein knappes Jahrhundert nach ihr sieht meine Hose aus, als sei ich dabei, ein Schaf zu epilieren. Weil ich die einzige Ungeübte bin, bin ich gestresst. Weil ich gestresst bin, zerre ich. Und weil ich zerre, bricht die Wolle. Immer wieder muss ich sie kitten. Das heißt: die gerissenen Enden nebeneinanderlegen und mit spuckefeuchter Hand hin und her rubbeln, bis sie verfilzen. »Also, die meisten Menschen finden Stricken entspannend«, sagt Hélène kopfschüttelnd. »Lass locker!«
Nächster Tag. Der Bus nimmt uns noch ein paar Höhenmeter ab. Dann steigen wir aus und stehen in einem Land aus Steinen, Asche und Flechten. Ein Plateau aus grüngrauen Hügeln, von dem sich graue Hänge weiter hinauf ziehen auf ebenfalls graue Pässe und kahle, vergletscherte Berge. Eine Umgebung wie das Relief einer Spielzeugeisenbahn, deren Besitzer noch überlegt, wohin er die Bäumchen kleben will. In der Nähe ragt eine Stange mit einem Windrad aus dem Boden, daneben Solarzellen, Antennen, gebogene Rohre. »Die Dinger überwachen die Vulkane«, sagt Hélène, »wir haben sie an vielen Orten.« Diese Anlage ist für den Eyjafjallajökull zuständig. Über den Pass Fimmvörðuháls an seiner Ostflanke wollen wir ins Tal Langidalur in der Region Þórsmörk wandern.
Die Asche liegt dick auf Flechten und Steinen
Außer uns ist nur ein kleiner Fluss unterwegs; er bahnt sich seinen Weg durch Geröll und Asche, um Kurven und über Vorsprünge hinab ins Tal, wo er als 60 Meter tiefer Wasserfall gischtschnaubend vor Touristenkameras niederprasselt. Je höher wir kommen, desto tiefer wird die Asche. Sie liegt dick auf Flechten und Steinen, klebt auf Schneeresten vom vergangenen Winter. Es ist ein karges Land, das doch nachgibt unter den Schritten. Die Fantasie lässt lebendig werden, was die umherhuschenden Augen erblicken. Aschehaufen verwandeln sich in Maulwurfshügel, Grasbüschel in Igel.
Die letzten Meter auf den Pass sind steil, bei jedem Schritt sinken wir ein bis zu den Waden. Der Hüttenwirt lehnt in kurzer Hose und T-Shirt draußen an der Tür und grinst über unsere Jacken. Die Temperaturen hier seien schon etwas frisch, sagt er, bittet uns herein und setzt Teewasser auf: »Aber man gewöhnt sich daran – genauso wie man lernt, mit den Vulkanen zu leben.« Als der Eyjafjallajökull ausbrach, war Hilmar in Reykjavík, wo er beim Roten Kreuz arbeitet – als Hüttenwirt jobbt er nur in den Ferien. »Wir haben damals an der Südküste Auffangstationen für die Evakuierten betreut«, erzählt er, »und beim Reinigen der Farmen geholfen. Die Asche war überall, auch in den Häusern, alles war schwarz.« Jetzt warten sie auf die Katla, den Vulkan unter dem Mýrdalsjökull-Gletscher auf der anderen Seite dieses Passes. Er bricht meistens kurz nach dem Eyjafjallajökull aus. »Es gibt regelmäßige Notfallübungen«, sagt Hilmar, »und Internetseiten, auf denen die Behörden über alle möglichen Szenarien informieren. Im schlimmsten Fall würde hundertmal so viel Eis schmelzen wie letztes Jahr. Dann wäre Þórsmörk überflutet.«
Schön, dass wir gerade dorthin unterwegs sind, denke ich, als wir die Rucksäcke schultern. Da können wir gleich testen, wie wasserabweisend die Wolle wirklich ist. Ein Pfad führt uns zwischen aschebedeckten Hügeln hindurch. Das Land erinnert jetzt an eine Baustelle, hinter jedem Haufen erwartet man einen Bagger. Stattdessen stoßen wir auf etwas, das einem umgepflügten Acker ähnelt, aus dem hier und da Rauchschwaden quellen: »Das war die erste Ausbruchstelle im vergangenen Jahr«, sagt Hélène. »Viele isländische Vulkane haben keinen richtigen Krater, die Erde reißt einfach auf.«
Der Boden dampft wie der Körper eines Tieres nach großer Anstrengung. Als wir näher kommen, ist zu erkennen, womit er sich abgemüht hat: Zwei neue Gipfel ragen gen Himmel, dort, wo es einst platt und öde war. Einer ist schwarzbraun. Der andere leuchtet in so vielen Rottönen – feurig orange, rost- und terrakottafarben –, dass er immer noch zu glühen scheint. Ein neues Stück Erde, eines der jüngsten der Welt, dem man noch deutlich anmerkt, wie es entstand. Schwefelwinde aushustend, klettern wir hinauf. Der Grund ist so warm, dass wir nicht lange darauf sitzen können. Im Stehen blicken wir über weitere Äcker, auf denen Wölkchen tanzen wie Geister. So also sieht das aus, wenn die Erde kreativ wird – alte Entwürfe zerfetzt, um daraus neue, schönere Werke zu schaffen. Man muss loslassen können für den ganz großen Wurf.
Keine 24 Stunden später streichle ich, fast genauso andächtig gestimmt, einen weißen Pullover. Er wäre selbst einem Neugeborenen zu klein, und im Bund klafft ein Loch. Doch die Technik, mit der er entstanden ist, war typisch isländisch. Das weiß ich, weil ich ihn gestrickt habe. Ich wende dieses Glanzstück der Handarbeitsgeschichte hin und her und suche einen Namen für das, was in mir aufflackert. Klamotten-Narzissmus? Gefühls-Verstrickung?
Der Unterricht in der Berghütte, in der wir gestern im Dunkeln in die Betten fielen, hatte harmlos mit einer Geschichtslektion begonnen. Der Islandpullover sei nach und nach in den fünfziger Jahren aufgekommen, erzählte uns Hélène, inspiriert von ähnlichen Exemplaren aus Skandinavien. Die Isländer hätten daraus ihre eigene Version entwickelt – ganz und gar rundgestrickt, sodass man keine Einzelteile aneinandernähen müsse: Man stricke, grob gesagt, für die Ärmel zwei schmale Schläuche, für den Körper einen breiteren, der vom Bund bis unter die Achseln reiche. Dann ziehe man alle drei auf eine einzige Rundnadel und vollende Brust- und Schulterpartie, verziert mit einem Kragenmuster.
Ich verkrampfte kurz, als Hélène meinen Feind, die Wolle, auspackte. Doch diesmal blieb die Lopi friedlich. Außerdem begriff ich die Technik schneller als einige der Französinnen, und Hélène lobte mich. Da gab ich richtig Stoff. Die Gespräche der anderen verschwammen zu Gemurmel, zu Geräuschen, ich versank immer tiefer in einer Parallelwelt, es war wie Joggen mit den Händen, die Zeit tickte Masche für Masche für Masche. Dann wachte ich auf. Und dort, wo vorher nur Wolle war, war auf einmal ein Pullover. Zum Glück ist jetzt ein Spaziergang angesagt. Ich muss ausnüchtern.
Das Sonnenlicht blendet nach dem Höhlenmenschenhüttendunkel, erst viele Lidschläge später gewöhnen die Augen sich wieder daran. Vor dem Haus rinnsalt ein Bach dahin, zerteilt in viele dünne Arme, die immer wieder zusammen- und auseinanderfließen – als versuche er, sein eigenes, viel zu breites Bett zu umschlingen. Um ihn herum ist es grün, wuchern Büsche und Birken. Dazwischen gähnt ein Loch in einem Felsen, der einem Kirchturm ähnelt – unten quadratisch, oben spitz zulaufend. In dieser Naturkathedrale sollen Elfen hausen.
Ein Trampelpfad führt uns durch Birkenwäldchen, vorbei an Steinbrocken, die verwunschene Trolle sein könnten. Heidelbeersträucher bieten uns ihre Snacks an. Blumen grüßen vom Wegesrand. Leah, eine Hebamme aus Seattle, schließt zu mir auf. Ich frage, ob sie für all die Babys strickt, die sie zur Welt bringen hilft. »Nein, da hätte ich viel zu tun«, sagt sie, »aber ich stricke oft vor mich hin, während die Frauen in den Wehen liegen.« – »Weil dir langweilig ist?« – »Nein, weil das die Frauen beruhigt! Die fühlen sich dann nicht so beobachtet.«
Erstaunlich, wozu dieses Hobby taugt. Auch wenn heute niemand mehr stricken muss wie einst die Isländer, scheinen alle in der Gruppe gute Gründe dafür zu haben: Hélène strickt zum Nachdenken, wenn sie eine Entscheidung treffen muss. Erin nimmt an Wettbewerben teil, die »Sock Sniper« oder »Tour de Sock« heißen. Nini fertigt mit einer Seniorengruppe Kleidung für Obdachlose an. Einige stricken gegen Liebeskummer, weil es entspannt und man so immerhin produktiv ist. Und dann ist da noch die Kreativitätsnummer, in die ich heute morgen geraten bin: ein bisschen Gott spielen, oder wenigstens Vulkan, wenn auch nur mit Wolle.
Wir rasten an einem Teich, hängen die Füße ins Wasser, und Laurence, die neben mir sitzt, packt ihre Nadeln aus. Gute Idee. Ich beginne eine Topflappen-Serie. Der türkisfarbene Pullover, den sie schon zu Hause in Frankreich begonnen hat, heiße Vitamin D, erzählt Laurence, während wir werkeln – warum, das frage sie sich auch, doch fast alle Strickanleitungen trügen Namen. Sie kennt sich aus, daheim schreibt sie Handarbeitsbücher. Höchste Zeit, zu überlegen, wie ich meinen kleinen Pulli taufen soll. So nutzlos ist er übrigens gar nicht, sicher passt er der Puppe Henrietta. Auf dem Rückweg versuche ich sogar, im Gehen zu stricken, wie die Isländer einst auf den Feldern. Bergauf mit rechten Maschen, das klappt am besten.
Am letzten Tag bin ich so strickwütig, dass ich im Unterricht zu schnell werde und Fehler mache. Dann folgt die letzte Lektion. Wir erfahren, wie Isländer ihre rundgestrickten Pullover in Strickjacken verwandeln, wenn sie eine brauchen: aufschneiden. Immer wieder üben wir an unschuldigen Wollflicken; setzen die Scheren an, tun, was getan werden muss, und retten die Ränder mit handarbeitschirurgischen Eingriffen. Vor mir auf dem Tisch liegt mein kleiner Pulli. »Na«, sagt Hélène, »der wäre doch eine schöne Jacke?« Ich denke an den Eyjafjallajökull – an Erde, die auseinanderreißen muss, damit glutrote Berge entstehen können. Dann packe ich mein Meisterstück. Und stecke es in die Hosentasche.
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- Datum 13.10.2011 - 13:07 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 13.10.2011 Nr. 42
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"Vor mir auf dem Tisch liegt mein kleiner Pulli. »Na«, sagt Hélène, »der wäre doch eine schöne Jacke?« Ich denke an den Eyjafjallajökull – an Erde, die auseinanderreißen muss, damit glutrote Berge entstehen können. Dann packe ich mein Meisterstück. Und stecke es in die Hosentasche."
Die Angst kenne ich... --Funktioniert aber wirklich :-). Doppelnaht mit der Nähmaschine links und rechts der Schnittlinie und schnipp-schnapp. Die Lopiwolle hält alles zusammen. Dann nur noch mit einer Häkelkante versäubern. Geniale Konstruktion, spart eine Menge Arbeit.
Auf SWR2 gab es einen ganz hervorragenden Text von Ursula Wegener: "Die Intelligenz der Finger. Ein Lob dem Handarbeits-unterricht." Leider ist er nicht mehr abrufbar. Die Autorin hat geschildert, welche Vorzüge z.B. das Stricken hat. Die Materialien fühlen sich verschieden an, die Konzentrationsfähigkeit wird trainiert, im Gehirn entstehen Strukturen wie beim Musizieren usw.
Wer nicht strickt, hat wirklich etwas verpaßt. Und das gilt auch für Männer (Kaffe Fassett googeln). Im Dorf, aus dem mein Mann stammt, saßen früher die Männer im Winter beisammen, unterhielten sich und strickten ihre Socken.
Man sollte in der Tat Respekt vor dem Handarbeiten haben, nicht nur, weil es ein schöner Zeitvertreib ist. Durch seine Monotonie, aus der Neues entsteht, kann man gerade durch Stricken Krisen ertäglicher machen und leichter überstehen( http://karinkoller.wordpr... ). Der psychologische Effekt vom Handarbeiten darf nicht unterschätzt werden.
Man sollte in der Tat Respekt vor dem Handarbeiten haben, nicht nur, weil es ein schöner Zeitvertreib ist. Durch seine Monotonie, aus der Neues entsteht, kann man gerade durch Stricken Krisen ertäglicher machen und leichter überstehen( http://karinkoller.wordpr... ). Der psychologische Effekt vom Handarbeiten darf nicht unterschätzt werden.
Man sollte in der Tat Respekt vor dem Handarbeiten haben, nicht nur, weil es ein schöner Zeitvertreib ist. Durch seine Monotonie, aus der Neues entsteht, kann man gerade durch Stricken Krisen ertäglicher machen und leichter überstehen( http://karinkoller.wordpr... ). Der psychologische Effekt vom Handarbeiten darf nicht unterschätzt werden.
....in meinem Lieblingssessel zu sitzen, eine Tasse duftenden Tees, meine Stricknadeln in der Hand, 'ne schöne Wolle und eine gute Idee, was daraus zu machen wäre..... und die Welt kann mir gestohlen bleiben.
Und dann später als Ergebnis dieses kreativen Prozesses sich selber stolz sagen zu können "Hab ich selbst gemacht und ist einzigartig!" (auch wenn mal ne Masche nicht so ideal aussieht) dass gefällt mir am Stricken. Dabei kommt es nicht darauf an, ob das Ergebnis ein Pullover, ein Topflappen oder ein Eierwärmer ist. Dass ich es bin, die etwas Neues geschaffen hat, mit meinen Händen und aus meiner Fantasie, dass ist das Schöne daran.
Ein wunderbarer Artikel, der auch meine Eindrücke einer Island-Reise vor zwei Jahren gut eingefangen hat und vor allem ohne die üblichen Klischees auskommt.
Eine Korrektur muss ich aber anbringen:
Das mit den Islandpullovern stimmt so nicht ganz.
Im Skogarmuseum und im Volkskundemuseum in Reykjavik wurde uns berichtet, dass die Muster der Rundpassenpullover aus Grönland übernommen und dann weiter ausgebaut wurden.
Nicht unwahrscheinlich, dass dabei auch skandinavische Motive einflossen, aber ihren Ursprung haben sie dort nicht.
In meinem Reisebericht hatte ich das seinerzeit schon erwähnt
http://www.stricktagebuch......
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