Island Immer der Nadel nach
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Wo vorher nur Wolle war, war auf einmal ein Pullover

Keine 24 Stunden später streichle ich, fast genauso andächtig gestimmt, einen weißen Pullover. Er wäre selbst einem Neugeborenen zu klein, und im Bund klafft ein Loch. Doch die Technik, mit der er entstanden ist, war typisch isländisch. Das weiß ich, weil ich ihn gestrickt habe. Ich wende dieses Glanzstück der Handarbeitsgeschichte hin und her und suche einen Namen für das, was in mir aufflackert. Klamotten-Narzissmus? Gefühls-Verstrickung?

Der Unterricht in der Berghütte, in der wir gestern im Dunkeln in die Betten fielen, hatte harmlos mit einer Geschichtslektion begonnen. Der Islandpullover sei nach und nach in den fünfziger Jahren aufgekommen, erzählte uns Hélène, inspiriert von ähnlichen Exemplaren aus Skandinavien. Die Isländer hätten daraus ihre eigene Version entwickelt – ganz und gar rundgestrickt, sodass man keine Einzelteile aneinandernähen müsse: Man stricke, grob gesagt, für die Ärmel zwei schmale Schläuche, für den Körper einen breiteren, der vom Bund bis unter die Achseln reiche. Dann ziehe man alle drei auf eine einzige Rundnadel und vollende Brust- und Schulterpartie, verziert mit einem Kragenmuster.

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Ich verkrampfte kurz, als Hélène meinen Feind, die Wolle, auspackte. Doch diesmal blieb die Lopi friedlich. Außerdem begriff ich die Technik schneller als einige der Französinnen, und Hélène lobte mich. Da gab ich richtig Stoff. Die Gespräche der anderen verschwammen zu Gemurmel, zu Geräuschen, ich versank immer tiefer in einer Parallelwelt, es war wie Joggen mit den Händen, die Zeit tickte Masche für Masche für Masche. Dann wachte ich auf. Und dort, wo vorher nur Wolle war, war auf einmal ein Pullover. Zum Glück ist jetzt ein Spaziergang angesagt. Ich muss ausnüchtern.

Das Sonnenlicht blendet nach dem Höhlenmenschenhüttendunkel, erst viele Lidschläge später gewöhnen die Augen sich wieder daran. Vor dem Haus rinnsalt ein Bach dahin, zerteilt in viele dünne Arme, die immer wieder zusammen- und auseinanderfließen – als versuche er, sein eigenes, viel zu breites Bett zu umschlingen. Um ihn herum ist es grün, wuchern Büsche und Birken. Dazwischen gähnt ein Loch in einem Felsen, der einem Kirchturm ähnelt – unten quadratisch, oben spitz zulaufend. In dieser Naturkathedrale sollen Elfen hausen.

Ein Trampelpfad führt uns durch Birkenwäldchen, vorbei an Steinbrocken, die verwunschene Trolle sein könnten. Heidelbeersträucher bieten uns ihre Snacks an. Blumen grüßen vom Wegesrand. Leah, eine Hebamme aus Seattle, schließt zu mir auf. Ich frage, ob sie für all die Babys strickt, die sie zur Welt bringen hilft. »Nein, da hätte ich viel zu tun«, sagt sie, »aber ich stricke oft vor mich hin, während die Frauen in den Wehen liegen.« – »Weil dir langweilig ist?« – »Nein, weil das die Frauen beruhigt! Die fühlen sich dann nicht so beobachtet.«

Erstaunlich, wozu dieses Hobby taugt. Auch wenn heute niemand mehr stricken muss wie einst die Isländer, scheinen alle in der Gruppe gute Gründe dafür zu haben: Hélène strickt zum Nachdenken, wenn sie eine Entscheidung treffen muss. Erin nimmt an Wettbewerben teil, die »Sock Sniper« oder »Tour de Sock« heißen. Nini fertigt mit einer Seniorengruppe Kleidung für Obdachlose an. Einige stricken gegen Liebeskummer, weil es entspannt und man so immerhin produktiv ist. Und dann ist da noch die Kreativitätsnummer, in die ich heute morgen geraten bin: ein bisschen Gott spielen, oder wenigstens Vulkan, wenn auch nur mit Wolle.

Wir rasten an einem Teich, hängen die Füße ins Wasser, und Laurence, die neben mir sitzt, packt ihre Nadeln aus. Gute Idee. Ich beginne eine Topflappen-Serie. Der türkisfarbene Pullover, den sie schon zu Hause in Frankreich begonnen hat, heiße Vitamin D, erzählt Laurence, während wir werkeln – warum, das frage sie sich auch, doch fast alle Strickanleitungen trügen Namen. Sie kennt sich aus, daheim schreibt sie Handarbeitsbücher. Höchste Zeit, zu überlegen, wie ich meinen kleinen Pulli taufen soll. So nutzlos ist er übrigens gar nicht, sicher passt er der Puppe Henrietta. Auf dem Rückweg versuche ich sogar, im Gehen zu stricken, wie die Isländer einst auf den Feldern. Bergauf mit rechten Maschen, das klappt am besten.

Am letzten Tag bin ich so strickwütig, dass ich im Unterricht zu schnell werde und Fehler mache. Dann folgt die letzte Lektion. Wir erfahren, wie Isländer ihre rundgestrickten Pullover in Strickjacken verwandeln, wenn sie eine brauchen: aufschneiden. Immer wieder üben wir an unschuldigen Wollflicken; setzen die Scheren an, tun, was getan werden muss, und retten die Ränder mit handarbeitschirurgischen Eingriffen. Vor mir auf dem Tisch liegt mein kleiner Pulli. »Na«, sagt Hélène, »der wäre doch eine schöne Jacke?« Ich denke an den Eyjafjallajökull – an Erde, die auseinanderreißen muss, damit glutrote Berge entstehen können. Dann packe ich mein Meisterstück. Und stecke es in die Hosentasche.

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Leser-Kommentare
  1. "Vor mir auf dem Tisch liegt mein kleiner Pulli. »Na«, sagt Hélène, »der wäre doch eine schöne Jacke?« Ich denke an den Eyjafjallajökull – an Erde, die auseinanderreißen muss, damit glutrote Berge entstehen können. Dann packe ich mein Meisterstück. Und stecke es in die Hosentasche."

    Die Angst kenne ich... --Funktioniert aber wirklich :-). Doppelnaht mit der Nähmaschine links und rechts der Schnittlinie und schnipp-schnapp. Die Lopiwolle hält alles zusammen. Dann nur noch mit einer Häkelkante versäubern. Geniale Konstruktion, spart eine Menge Arbeit.

  2. Auf SWR2 gab es einen ganz hervorragenden Text von Ursula Wegener: "Die Intelligenz der Finger. Ein Lob dem Handarbeits-unterricht." Leider ist er nicht mehr abrufbar. Die Autorin hat geschildert, welche Vorzüge z.B. das Stricken hat. Die Materialien fühlen sich verschieden an, die Konzentrationsfähigkeit wird trainiert, im Gehirn entstehen Strukturen wie beim Musizieren usw.

    Wer nicht strickt, hat wirklich etwas verpaßt. Und das gilt auch für Männer (Kaffe Fassett googeln). Im Dorf, aus dem mein Mann stammt, saßen früher die Männer im Winter beisammen, unterhielten sich und strickten ihre Socken.

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    Man sollte in der Tat Respekt vor dem Handarbeiten haben, nicht nur, weil es ein schöner Zeitvertreib ist. Durch seine Monotonie, aus der Neues entsteht, kann man gerade durch Stricken Krisen ertäglicher machen und leichter überstehen( http://karinkoller.wordpr... ). Der psychologische Effekt vom Handarbeiten darf nicht unterschätzt werden.

    Man sollte in der Tat Respekt vor dem Handarbeiten haben, nicht nur, weil es ein schöner Zeitvertreib ist. Durch seine Monotonie, aus der Neues entsteht, kann man gerade durch Stricken Krisen ertäglicher machen und leichter überstehen( http://karinkoller.wordpr... ). Der psychologische Effekt vom Handarbeiten darf nicht unterschätzt werden.

  3. Man sollte in der Tat Respekt vor dem Handarbeiten haben, nicht nur, weil es ein schöner Zeitvertreib ist. Durch seine Monotonie, aus der Neues entsteht, kann man gerade durch Stricken Krisen ertäglicher machen und leichter überstehen( http://karinkoller.wordpr... ). Der psychologische Effekt vom Handarbeiten darf nicht unterschätzt werden.

    • JetteG
    • 14.10.2011 um 10:26 Uhr

    ....in meinem Lieblingssessel zu sitzen, eine Tasse duftenden Tees, meine Stricknadeln in der Hand, 'ne schöne Wolle und eine gute Idee, was daraus zu machen wäre..... und die Welt kann mir gestohlen bleiben.
    Und dann später als Ergebnis dieses kreativen Prozesses sich selber stolz sagen zu können "Hab ich selbst gemacht und ist einzigartig!" (auch wenn mal ne Masche nicht so ideal aussieht) dass gefällt mir am Stricken. Dabei kommt es nicht darauf an, ob das Ergebnis ein Pullover, ein Topflappen oder ein Eierwärmer ist. Dass ich es bin, die etwas Neues geschaffen hat, mit meinen Händen und aus meiner Fantasie, dass ist das Schöne daran.

  4. Ein wunderbarer Artikel, der auch meine Eindrücke einer Island-Reise vor zwei Jahren gut eingefangen hat und vor allem ohne die üblichen Klischees auskommt.
    Eine Korrektur muss ich aber anbringen:
    Das mit den Islandpullovern stimmt so nicht ganz.
    Im Skogarmuseum und im Volkskundemuseum in Reykjavik wurde uns berichtet, dass die Muster der Rundpassenpullover aus Grönland übernommen und dann weiter ausgebaut wurden.
    Nicht unwahrscheinlich, dass dabei auch skandinavische Motive einflossen, aber ihren Ursprung haben sie dort nicht.
    In meinem Reisebericht hatte ich das seinerzeit schon erwähnt
    http://www.stricktagebuch......

    Eine Leser-Empfehlung

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