Paul Simon zum 70. Der Weltfremdler

Paul Simon wird 70 – eine neue Biografie sucht nach seinen Wurzeln.

Der Sänger Paul Simon

Der Sänger Paul Simon

Die schönste der vielen Geschichten, die Paul Simon über sich selbst in Umlauf gebracht hat, erzählt einen wiederkehrenden Traum. Kommt ein Mann auf die Bühne und begrüßt sein Publikum. Erwartungsvolle Stille liegt in der Luft, es ist, als hätten alle Beteiligten seit Ewigkeiten auf diesen Augenblick gewartet. Just in dem Moment aber, in dem der Mann seine Stimme erheben will, muss er erschrocken feststellen, dass er nicht ans Mikrofon heranreicht: Für seine Größe sitzt es viel zu weit oben auf dem Stativ.

Wer je Zeuge eines Paul-Simon-Konzerts wurde, weiß, wovon die Rede ist: Man braucht Geduld und womöglich ein gutes Fernglas, um den Star des Abends im Pulk seiner Mitmusikanten auszumachen. Zum Verschwinden unscheinbar wirkt er mit seinen anderthalb Metern inmitten baumlanger Bassisten und anderer Blickfänge. Erst der Gesang und sein makelloses Gitarrenspiel zerstreuen letzte Zweifel daran, gerade den echten Paul Simon zu erleben. Doch um mangelnde Körpergröße allein geht es in dem Traum nicht. Wir haben es mit dem Fall eines Künstlers zu tun, der seiner Stellung in der Welt zutiefst misstraut.

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Andere neigen dazu, beim ersten Anflug von Erfolg größenwahnsinnig zu werden, Simon ist trotz oder wegen seiner zahlreichen Triumphe ein Zweifler geblieben. Millionen verkaufter Platten haben sein Selbstbewusstsein so wenig dauerhaft stabilisieren können wie die Aufnahme in die Rock’n’Roll Hall of Fame. Zur Simon-&-Garfunkel-Reunion pilgerten 1981 mehr Besucher in den Central Park als damals nach Woodstock, doch die Stimmung hinter der Bühne soll frostig gewesen sein: Simon hat es nie gemocht, dass der blond gelockte, einen Kopf größere Garfunkel ihm die Show stahl. Immer wenn Artie Bridge Over Troubled Water anstimmte, dachte er: Das ist mein Song, den der Typ da gerade singt.

Es ist ein produktiv gemachtes Gefühl der Unzulänglichkeit, das sein Songwriting beherrscht. Wo immer er auftritt, stets scheint er sich umdrehen zu wollen, ob nicht doch ein anderer gemeint sein könnte, einer, der den Applaus mehr verdient hat. So geschehen zuletzt vor ein paar Wochen auf Ground Zero, wo er seinen Landsleuten ein bitterzartes Sound Of Silence in die noch immer offenen Wunden träufeln durfte – eine Ehre, die nur den ganz Großen zuteilwird, den Nationaldichtern unter den amerikanischen Popsängern, doch auch hier strahlte er die Aura eines Backenhörnchens aus, das sich ins grelle Tageslicht verirrt hat, um gleich darauf wieder im Schatten Bedeutenderer zu verschwinden. Dabei ist es doch so, dass wir Helden bloß verehren. Unsere Liebe aber gilt den Schüchternen.

Was Schüchternheit in Ausdruck, Attitüde und Gefolgschaft anbelangt, hat Simon zusammen mit Garfunkel Bahnbrechendes geleistet: Keiner unter den Stars der aufblühenden Protestdekade war mit einer chorknabenhafteren Anmutung gesegnet als diese beiden einander in Hassliebe verbundenen Schulfreunde aus dem kleinbürgerlichen New Yorker Stadtteil Queens. Diese Anzügelchen, diese Rollkragenpullover! All die von wundersüßen Harmoniegesängen überzuckerten Neurosen, die sie von Selbstmord singen ließen und U-Bahn-Fahrten im Morgengrauen! Schon der Name hat die Entscheidungsträger der Plattenindustrie zu Spekulationen verleitet, ob es sich um aufstrebende Popstars handle und nicht eher um ein Anwaltsduo. Genau diese Blässe indes war von Anfang an Teil ihrer Attraktion.

Wer das große Drama wollte, hörte in den Sechzigern die Doors, wer es gern rebellisch hatte, die Rolling Stones, die Fangemeinde von Simon & Garfunkel hingegen »bestand aus Jungen, die sich in einem eher schwierigen Lebensabschnitt befanden, und Mädchen, die trotzdem oder vielleicht gerade deshalb auf diese Jungen standen«. Dies schreibt Marc Eliot in seiner soeben auf Deutsch erschienenen Biografie, ein Befund, dem bedingungslos zugestimmt werden muss. Erstaunlich, wie wenig Spuren das große Sixties-Beben bei Simon und seinem Sangespartner hinterlassen hat, alles bleibt subkutan, abgemildert, wie schon im Moment des Geschehens durch einen Schleier melancholischer Erinnerungen hindurch gesehen. Obwohl die beiden nach eigenem Bekunden gern harte Rocker gewesen wären, sind sie ein wenig wie wir: Leute, die die Sechziger verpasst haben, um sich hinterher umso heftiger nach ihnen zu sehnen.

Eliot ist den Einflüssen auf Simons Songwriting noch einmal nachgegangen, dem Rhythm’n’Blues eines Nat King Cole, den bis an die Schmerzgrenze harmonieseligen Everly Brothers, dem wilden Jerry Lee Lewis und Elvis, den der zarte Paul bereits als College-Boy abgöttisch bewunderte. Er lässt aber auch britische Vorbilder wie Bert Jansch, Martin Carthy oder Davy Graham nicht unerwähnt, Leute, die Simons Folkpicking den nötigen Schliff gaben, und natürlich spielt Bob Dylan, der strahlende Held von Greenwich Village, eine gewichtige Rolle. Sie alle sind Schatten oder Vorbilder, mit denen Simon auf stille, entschlossene Art konkurrierte. Den tiefsten Eindruck aber haben die schwarzen Doo-Wop-Sänger hinterlassen, Straßenecken-Carusos, wie sie in den späten Fünfzigern scharenweise auftauchten. Wenn die es in die Hitparaden schafften, warum nicht ein behüteter, mit dem Ohr am Radio aufgewachsener Sohn aus gutem Hause?

Leser-Kommentare
  1. das ist die Frage.
    ...and every step is neatly planned.
    Die Afrikaner palavern immer noch über die vermeintlich entgangen
    Honorare aus dem Graceland Album?!
    Sich einem Musiker wie Paul Simon als Nichtmusiker von aussen
    anzunähern zu wollen bleibt doch wohl vergebliche Liebesmüh.

    Hermann Hesse hat trefflich über den Feuilletonismus berichtet, da war die Zeit früher federführend

    Eine Leser-Empfehlung
  2. nämlich die von Marion Gräfin Dönhoff und Helmut Schmidt.
    Da könnte man sich mal neu dran orientieren

  3. Den Musiker meine ich. Hingegen habe ich selten so einen blöden Artikel gelesen.

  4. ("Old Friends", 1968)

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "How terribly strange to be seventy"? ;-) Aber stimmt - ein schönes Lied ist das.

    "How terribly strange to be seventy"? ;-) Aber stimmt - ein schönes Lied ist das.

  5. "How terribly strange to be seventy"? ;-) Aber stimmt - ein schönes Lied ist das.

    • aji
    • 20.10.2011 um 6:01 Uhr

    Einer der ganz grossen Amerikanischen Songwriter, einer der nur allzuleicht uebersehen wird - so subtil sein auftreten. Kein Mythos, wenig Rampenlicht, fast zu normal.

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