Viel wird über Menschenrechte geschrieben und gesprochen, doch immer noch gibt es vergleichsweise wenig Theorie zu ihrer Begründung und Herleitung. In Deutschland liegt das Denken über Menschenrechte vergleichsweise fest in den Händen der Juristen, die es mit einer Fülle von Unterscheidungen zu einem dogmatischen Geschäft gemacht haben, nicht immer mit viel Sinn für ihre politische und philosophische Seite, aber doch mit Aufmerksamkeitserfolgen in der internationalen Diskussion. Die Philosophie wendet sich nur zögerlich den Rechten zu, die Kategorie scheint quer zu ihren Interessen zu liegen. Die politische Theorie ist aufmerksamer, aber viel politische Theorie jenseits der Habermas- und Rawls-Exegese gibt es hierzulande nicht.

So verdient ein Buch, das einen eigenen Entwurf zur Begründung der Menschenrechte vorlegen will, in jedem Fall Aufmerksamkeit: Die Sakralität der Person des Sozialphilosophen Hans Joas. Schließlich ist die Lücke zu schließen, die zwischen ihrer praktischen Bedeutung und der theoretischen Reflexion über sie klafft. Dies gilt umso mehr, als Hans Joas in seinem Buch ausdrücklich eine Position zu definieren sucht, die quer zu eingefahrenen politischen Diskussionsfronten liegt: Weder will er die Bedeutung der Religion für die Menschenrechte vernachlässigen und diese als rein säkulares Projekt verstehen noch sich auf preiswerte Entsprechungen zwischen Menschenrechten und etwa dem Christentum einlassen. Weder will er den universalistischen Anspruch des Menschenrechtsdiskurses aufgeben noch eine solche Universalität aus einer abstrakten, rein normativ vorgehenden Argumentation herleiten: Menschenrechte entspringen besonderen historischen Situationen, in denen auch Religion eine Rolle gespielt hat, aber weder beschränkt sich ihre Bedeutung auf diese Herkunft, noch ist es notwendig, religiös zu sein, um ihren Anspruch anzuerkennen.

In sechs materialreichen Kapiteln eines für seinen Anspruch schmalen, dicht geschriebenen Buchs entwickelt Joas sein Argument. Er beginnt bei der Menschenrechtsentstehung in der amerikanischen und Französischen Revolution, deren Darstellung die Bedeutung der Religion heraushebt, die Unterschiede zwischen beiden freilich etwas einebnet. Andere historische Bewegungen wie die erfolgreichen Kämpfe für die Abschaffung der Folter in Europa und der Sklaverei in den USA rekonstruiert Joas als Ausdruck einer neu entdeckten Würde der Person. Diese Deutung hält er einer aufklärerischen Lesart, die hier einen Sieg der Vernunft erkennen will, ebenso entgegen wie einer Machttheorie, die in alldem allenfalls eine Perfektionierung von Disziplinierungstechniken am Werk sieht. Jenseits von Kant und Nietzsche, von Habermas und Foucault scheint sich, Joas zufolge, etwas Drittes ereignet zu haben.

Dieses Dritte ist für Joas mit einer Begriffsprägung des französischen Soziologen Émile Durkheim die Idee der Sakralisierung der Person, die Einsicht, dass Gesellschaften ihren eigenen Mitgliedern die Aura heiliger Gegenstände zuweisen können. Joas ist sich wohl bewusst, dass diese Auffassung weder linear historisch fortschreitet noch in ihrer Undeutlichkeit vor Missbräuchen gefeit ist – und trotzdem besteht er darauf, dass die normative Bilanz dieser Erfindung positiv bleibt. Menschenrechte entstehen aus Verletzungserfahrungen, in deren Verlauf bestehende moralische Prinzipien intensiver auf ihre Durchsetzung beobachtet werden und sich die Verantwortlichkeit für sie verallgemeinert, dies unterstützt durch andere Entwicklungen wie die Verbreitung von Märkten.

Wie aber lassen sich derart tief in die Zufälle des Sozialen eingebettete Phänomene so begründen, dass ihre Geltung von diesen Zufälligkeiten unabhängig bleibt? Joas formuliert seine methodische Grundfrage unter Bezug auf das Problem, das in Deutschland insbesondere von der evangelischen Theologie systematisch zugespitzt wurde: Wie kann eine Wissenschaft, die alles durchschaut hat, noch normativ argumentieren? Im zentralen vierten Kapitel des Buches entwickelt Joas als Antwort auf diese Frage das Konzept einer »affirmativen Genealogie«. Die Entstehung eines Wertes zu durchschauen muss nicht dazu führen, diesen nicht anerkennen zu können.

Hier liegt der methodische Kern des Buches. Joas greift zu seiner Begründung auf das – von Friedrich-Wilhelm Graf und Matthias Schloßberger wunderbar edierte, doch wenig gelesene – Hauptwerk des Theologen Ernst Troeltsch zurück, Der Historismus und seine Probleme aus dem Jahr 1922. Auch universale Geltungsansprüche lassen sich immer nur in partikularen Kontexten formulieren, und sie bleiben stets darauf angewiesen, sich auf solche Kontexte hin konkretisieren zu können – und damit auch zu wandeln.

Mit den Begriffen der »Gottesebenbildlichkeit« und der »Gotteskindschaft« wendet Joas diese Methode auf den Personenbegriff an. Hier stellt sich die Gretchenfrage freilich mit besonderer Deutlichkeit. Joas schreibt über seine Vorschläge, sie seien »so konzipiert, dass sie Glauben nicht voraussetzen. Sie sollen denen, die nicht glauben, nur demonstrieren, was es ist, das sie nicht glauben.« Täuscht sich der Rezensent in dem Eindruck, dass die beiden Sätze sich widersprechen? Und müssen Skeptiker des Absoluten auf Erden – und solche soll es ja auch und vielleicht gerade unter religiösen Menschen geben – deshalb auf Menschenrechte verzichten?

Menschenrechte bewegen sich an einer Kreuzung von Politik, Recht und Moral

Das Buch ist so rund, dicht und kompakt, dass der Leser erst einmal nichts vermisst – und doch fehlt etwas: Es sind die Menschenrechte selbst. Joas, so könnte man es zuspitzen, interessiert sich für eine Fundierung, nicht aber für das, was fundiert werden soll. Der Sockel ist wunderschön, aber leer: Dies zeigt sich schon in der Terminologie, die zwischen Menschenwürde und Menschenrechten durchweg nicht unterscheidet, die manchmal auch über Grundrechte spricht, zudem regelmäßig Würde und Leben schlicht (und falsch) gleichsetzt sowie durchgehend Menschenrechte und Werte miteinander identifiziert. Menschenrechte bewegen sich an einer Kreuzung von Politik, Recht, Moral, vielleicht auch Religion. Die zugehörigen Disziplinen verhalten sich zu den Menschenrechten, sie können an Joas’ Buch gut anschließen; umgekehrt lässt das Buch allerdings den vorhandenen Diskussionsstand weitgehend unbeachtet.

So wäre aus einer philosophischen Perspektive zu fragen, ob Menschenrechte, auch wenn man ihnen eine objektive Bedeutung geben will, sich auf diese reduzieren lassen. Rechte ohne jeden Bezug auf Selbstbestimmung fassen zu wollen erscheint als ein eigenartiges Projekt. Zumal sich eine solche Rekonstruktion noch nicht einmal dann von selbst verstünde, wenn man eine dezidiert christliche Fundierung der Menschenrechte annehmen wollte. Denn auch die Präsenz evangelischer Theologie in der Methode des Buches kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass seine Theorie der Sakralität der Person, in der von der Freiheit eines Christenmenschen gar keine Rede ist, eine recht katholische Lesart der Menschenrechtsidee darstellt. Die von Joas bemühten theologischen Bausteine seiner Theorie sind nicht allgemein christlicher Art.

Zudem kommt das Buch weitgehend ohne Politik aus. Hannah Arendts Vermutung, dass das Fundament aller Menschenrechte die Teilhabe in einer politischen Gemeinschaft sei, hat sich auch als empirisch spektakulär richtig erwiesen. Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, der Joas das letzte Kapitel seines Buches widmet, gilt für Weißrussland, China und Myanmar. Doch nur in Demokratien und ihren Zusammenschlüssen werden Menschenrechte heute wirksam geschützt. Was sagt uns eine auf historische Wirkung achtende Theorie der Menschenrechte, die dies ignoriert?

Bleibt schließlich die Rechtsordnung. Unspektakulär bewahrt sie Praktiken der Freiheit dort am besten, wo grundsätzliche Fragen sich nicht stellen und wo die Willkür des Individuums nicht auf Sinnhaftigkeit hinterfragt werden muss: Was die Meinungsfreiheit bedeutet, darüber werden wir uns schon einig, bei der Menschenwürde dürfte es schwieriger werden. Müssten alle Rechte auf einem solchen Fundament stehen, würde dies die Praxis des Rechtsschutzes unmöglich machen.

Dass Joas den Leser mit den Anwendungsproblemen der eigenen Theorie allein lässt, gehört zur Grundidee des Buches und kann ihm nicht vorgeworfen werden. Trotzdem diskutiert er an einer eher unauffälligen Stelle des Buches ein solches Problem selbst: Zwischen der schlechten Folter der amerikanischen Regierung und den »tragischen Abwägungen«, wie sie sich im Fall des von der Polizei mit Folter bedrohten Kindsmörders Gäfgen zur Rettung eines Menschenlebens gezeigt haben, möchte Joas auch normativ unterscheiden. Mir scheint dagegen, dass die einzig sichere Konsequenz dieses wunderbaren Buches sein dürfte, genau diese Unterscheidung zu verbieten.