Eine Regierung, schrieb der französische Nationaldichter Honoré de Balzac 1830, sei nichts weiter als ein »Versicherungsvertrag der Reichen gegen die Armen«. Die Franzosen staunten daher nicht schlecht, als jüngst 16 ihrer reichsten Mitbürger öffentlich eine höhere Besteuerung ihrer Einkommen zugunsten der Allgemeinheit forderten. Zumal unter den Unterzeichnern des per Zeitungsanzeige lancierten Appells auch Liliane Bettencourt war. Die laut Forbes zweitreichste Frau der Welt ist Hauptaktionärin des weltgrößten Kosmetik-Konzerns L’Oréal. Die 88-Jährige war mit einer öffentlich ausgetragenen Familienfehde in die Schlagzeilen geraten. Im Sommer 2010 wurde außerdem der Vorwurf illegaler Parteispenden unter anderem an Präsident Nicolas Sarkozy laut.

Ausgerechnet Liliane Bettencourt, die Teile ihres auf 16 Milliarden Euro geschätzten Vermögens in die Schweiz und damit in Sicherheit vor den französischen Finanzbehörden gebracht hat, setzt sich nun für höhere Steuern ein? Jene Bettencourt, deren Tochter zudem die Entmündigung der alten Dame beantragt hat, da diese nicht mehr Herr ihrer geistigen Kräfte und dem Einfluss schlechter Berater ausgesetzt sei? »Das ist haarsträubend«, lästerte umgehend die zugegebenermaßen nicht eben reichenfreundliche Zeitschrift Marianne. Man wisse doch, »dass Madame Bettencourt den Fiskus betrogen hat und dass sie über diesen Betrug hinaus dem Staat (legal) binnen zehn Jahren fast drei Milliarden Euro gestohlen hat, indem sie von diversen Steuererleichterungen profitierte«.

Wie ernst konnte ein solcher Aufruf gemeint sein? Steckte womöglich Kalkül dahinter? L’Oréal-Chef Jean-Paul Agon, der den Appell ebenfalls unterschrieb, dürfte gute Gründe haben, öffentlich den Schulterschluss mit seiner Hauptaktionärin und Aufsichtsrätin zu üben. Die Zweifel an deren Geschäftsfähigkeit könnten die Beschlüsse des Kontrollgremiums über die Zukunft L’Oréals infrage stellen. Schon seit Längerem fordert die Vereinigung der Kleinaktionäre (Appac) den freiwilligen Rückzug der 88-Jährigen. Am Montag soll nun ein Gericht auf wiederholten Antrag von Bettencourts Tochter entscheiden, ob ein Vormund für die alte Dame bestellt werden muss. Dies bliebe auch nicht ohne Folgen für ihre Anteile, die sie über die Holding Téthys an dem Kosmetik-Konzern hält.

Und als ob das nicht schon genügte, kocht zudem eine Affäre wieder hoch, die sowohl der Konzern als auch der Élysée-Palast bereits im Sommer 2010 erstickt zu haben hofften. Erneut stellt sich die Frage, ob Staatschef Nicolas Sarkozy persönlich oder über Mittelsleute illegale Spendengelder für die Regierungspartei und den Präsidentschaftswahlkampf 2007 aus der Hand der L’Oréal-Erbin erhielt. Hartnäckig hält sich die Geschichte, dass illustre Abendessen im Haus der Bettencourt regelmäßig mit der Weitergabe von dicken Umschlägen endeten.

Die Villa Bettencourt ist ein von Efeu umrankter Bau in der Rue Delabordère im Pariser Reichenvorort Neuilly-sur-Seine. Martin Bouygues, der Bauunternehmer und beste Freund Sarkozys, lebt in derselben Straße. Man kennt sich gut aus den Jahren, als der heutige Staatschef Bürgermeister von Neuilly war.

Madame lässt sich nur noch selten in der Öffentlichkeit blicken. Ärztliche Berichte sprechen von einer Gehirnkrankheit, Gedächtnisverlust und Orientierungslosigkeit. Ehemalige Hausangestellte geben an, die alte Dame könne bereits seit Jahren kein Gespräch mehr führen, wenn sie keinen Spickzettel parat habe. Ihre Sätze wirkten oft wie auswendig gelernt. Dennoch verlängerte der L’Oréal-Aufsichtsrat ihr Mandat im April beinahe einstimmig um weitere vier Jahre. Bettencourt selbst hatte als Grund für ihre erneute Kandidatur angegeben, sie wolle damit die Unabhängigkeit des Unternehmens gewährleisten. Auch wenn der Schweizer Nestlé-Konzern, den die Franzosen 1974 ins Boot holten, seinen derzeit knapp 30-prozentigen Anteil laut Vertrag frühestens sechs Monate nach dem Tod Bettencourts aufstocken darf, nährt selbst die Staatsführung immer wieder Gerüchte, der französische Vorzeigekonzern könne alsbald in Schweizer Hände fallen.

L’Oréal und Nestlé schweigen sich dazu aus. Doch auch der Appac-Vorsitzende Didier Corardeau geht für den Fall, dass Bettencourt für geschäftsunfähig erklärt wird, davon aus, dass ihre Tochter an Nestlé verkauft. Er findet das aber nicht weiter schlimm. »Wir leben in einer globalisierten Welt«, sagt er schulterzuckend. Ihn stört vielmehr, dass der Aufsichtsrat mit Bettencourt in seinen Reihen seiner Aufgabe nicht gerecht werde. »Innerhalb von zehn Minuten ist sie hundemüde und verliert den Faden. Ich respektiere sie, aber hier geht es um die Zukunft von L’Oréal, seinen Aktionären und seinen Mitarbeitern. In ihrem Alter ist sie wirklich nicht mehr in der Lage, komplizierte finanztechnische Entscheidungen zu überblicken.«

Die Kleinaktionärsvereinigung Appac selbst hat bisher auf juristische Schritte verzichtet. Die ärztlichen Berichte über den Geisteszustand Bettencourts widersprächen sich zu sehr, als dass man damit vor Gericht durchkäme, gibt Corardeau zu bedenken. »Ich appelliere an den gesunden Menschenverstand aller Beteiligten.« Das Ansehen der vor über 100 Jahren von Bettencourts Vater Eugène Schueller gegründeten Firma habe durch die ständige Erwähnung im Zusammenhang mit der Affäre um die Spendengelder und dem Streit zwischen Mutter und Tochter schon genug gelitten. Dass sie auch im ersten Halbjahr 2011 Umsatz und Gewinn erneut steigerte und L’Oréal-Chef Agon sogar von möglichen Übernahmen sprach, erscheint vielen Anteilseignern da ohnehin wie ein Wunder.