Bislang sind alle sauber aus der Sache raus. Roland Wöller (CDU) ist jetzt Kultusminister im Freistaat Sachsen, Frank Kupfer (CDU) bleibt Umweltminister. Der Landrat von Nordsachsen, Michael Czupalla (CDU), und Mitarbeiter der Landesdirektion Leipzig haben Dienstaufsichtsbeschwerden an sich abperlen lassen und amtieren weiter. Der Leiter des Umweltamtes ist Rentner geworden und nicht erreichbar. Und die beiden Abfallunternehmer, gegen die als Einzige strafrechtlich ermittelt wird, weisen jede Schuld von sich. Der Ingenieur Hans-Peter Richter sagt, er mache jetzt in Fiberglasfasern und habe keine Angst vor einem Prozess: »Die können mir nichts nachweisen.« Sein früherer Partner, der Chemiker Jörg Schmidt, bestreitet jeden Vorwurf illegalen Verhaltens. Über seine Frau lässt er ausrichten, er sage nichts mehr, weil in der Zeitung nur Mist über ihn stehe.

In Sachsen und Sachsen-Anhalt reiht sich seit Jahren ein Müllskandal an den anderen. Mal geht es um falsch deklarierte Hausmüllimporte aus dem Ausland, mal um fragwürdige Deponie-Pleiten oder eine Reihe von Großbränden auf den Halden im Freistaat, deren Ursachen bislang nicht schlüssig erklärt werden konnten. Im Sächsischen Landtag ermittelt ein Untersuchungsausschuss. Und vom 21. November an wollen Abgeordnete der Opposition dort nachweisen, dass Behörden und Politiker im Fall einer Abfallbehandlungsanlage im Dorf Pohritzsch nahe Leipzig seit vielen Jahren von rechtswidrigen Vorgängen wussten, ihnen aber erst nachgingen, als sie unter dem Druck der Öffentlichkeit dazu gezwungen wurden. Und das war spät.

Erst als diese Anlage schon mehr als ein Jahrzehnt lang in Betrieb war, kam ans Licht, was der Bundesgeschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe (DUH), Jürgen Resch, heute den »größten Giftmüllskandal der vergangenen Jahre« nennt. Der Leipziger Oberstaatsanwalt Ricardo Schulz spricht von einem »sehr umfangreichen« Ermittlungsverfahren »mit einer beachtlichen Tragweite«. Eingebettet zwischen Feldern, Eigenheimen und Süßkirschplantagen hantierte der Müllbetrieb S.D.R. Biotec Verfahrenstechnik GmbH zwölf Jahre lang mit über einer Million Tonnen zum größten Teil hochgiftiger Abfälle. Und niemand kann heute sicher sagen, was damit geschah.

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Es ist bloß so: Als Polizisten und Staatsanwälte am 11. März dieses Jahres das Gelände von S.D.R. Biotec in Pohritzsch durchsuchten und weitere zwölf Firmen in drei Bundesländern gleich mit, war viel belastendes Material längst in der Welt. Es lag seit Jahren auf den Tischen in den Aufsichtsbehörden des Landkreises Nordsachsen, der Landesdirektion Leipzig und des Sächsischen Staatsministeriums für Umwelt und Landwirtschaft. Es lag in Sachsen und Sachsen-Anhalt bei den Betreibern großer Mülldeponien, die der öffentlichen Hand gehören und für sie Gewinne erwirtschaften sollen. Die Aufsichtsbehörden weiterer Kreise müssen informiert gewesen sein, ebenso das Landesverwaltungsamt Halle in Sachsen-Anhalt. Die Universität Leipzig und der TÜV besaßen allgemeine Gutachten zur Chemie solcher Müllsorten. Man hätte auch in Markt Taschendorf fragen können, einem Ort in Franken, wo die Besitzer der Firma S.D.R. Biotec vor Jahren eine Kopie ihrer Anlage bauen wollten. Dort ließ man sie nicht, aus Sorge um die Umwelt.

Die Entsorgungsfirma verlangte weit weniger Geld als andere

In Nordsachsen wollte man von den Gefahren nichts wissen. Erst seit April dieses Jahres nimmt die Firma in Pohritzsch keine Abfälle mehr zur Behandlung an. Der Leiter des für die Überwachung des Betriebs zuständigen Umweltamtes, Bernhard Voll, wurde beinah zeitgleich krank. Inzwischen ist er in Rente, und ein ungeheuerlicher Verdacht steht im Raum: Unter seinen Augen sollen in Pohritzsch in großem Stil hochgiftige Filterstäube, Aschen und sogenannte Filterkuchen aus Müllverbrennungsanlagen sowie gefährliche Schlacken aus der Metallurgie des In- und Auslands mit ungiftigen Abfällen oder Zuschlagstoffen nur vermischt und verdünnt statt unschädlich gemacht worden sein, wie die zwei Beschuldigten behaupten. Die Unternehmer Schmidt und Richter, beide 67, werden verdächtigt, über einen Zeitraum von zwölf Jahren das Zeug vielfach falsch deklariert an Mülldeponien geliefert zu haben, auf denen solch gefährlicher Abfall gar nicht gelagert werden darf. Einige dieser Deponien besitzen keine Barrieren zum Schutz der Umwelt und werden von Grundwasser durchströmt.

Es geht um Blei, Cadmium, Arsen, Nickel, Quecksilber, Thalium, Selen. Es geht um Dioxine, Chloride und Furane, die in die Umwelt gelangen können. Diese Stoffe sind Krebserreger, Nervengifte und können das Erbgut schädigen. Der sächsische Umweltminister Kupfer hat sich darum nach Ansicht der Ermittler keinen Gefallen getan, als er im März im Landtag noch immer behauptete, vom Müll, den S.D.R. Biotec auf den Halden als ungefährlichen Abfall lagern oder als »Ersatzbaustoff« verwenden ließ, gehe »keine Gefährdung« aus. Wenn man die Tausende Seiten starken Akten zum Fall liest, die nur mit großem Druck auf Behörden und Politik von der DUH, der lokalen Bürgerinitiative Sauberes Delitzscher Land und den Landtagsabgeordneten der Grünen zusammengetragen wurden, spricht alles für das Gegenteil. Die Geschäftsführer Schmidt und Richter sind inzwischen zerstritten und sich nur in ihrer Unschuld einig. Sie behaupten, sie hätten die Stoffe fachgerecht behandelt und unschädlich gemacht. Richter sagt: »Das ist eine politisch motivierte Kampagne. Man wollte uns loshaben.« Aber warum?