Die Forschungsobjekte wirken überraschend zerbrechlich. Träge graben sich die beiden Krebse in den Sandboden des Aquariums der Chemnitzer Geobiologin Thorid Zierold. Kleinste Schwankungen der Wassertemperatur oder des Sauerstoffgehalts könnten den Urzeitkrebsen (Triops cancriformis) den Garaus machen. »Am besten, man lässt sie vollkommen in Ruhe«, sagt die Wissenschaftlerin, »sonst sind sie hin.« Klingt nicht nach idealen Kandidaten für Ausflüge ins Weltall. Doch genau darauf bereitet Zierold gerade Eier der Triops vor – auf einen wahren Stresstest in der Erdumlaufbahn.

Triops-Krebse zählen zu den ältesten Lebewesen unseres Planeten, auf rund 220 Millionen Jahre wird das Alter dieser Art geschätzt. Und sind die Krebse in ihrer kurzen ausgewachsenen Phase auch vergleichsweise empfindlich – im Embryonalstadium sind sie umso robuster. In diesem Zustand nämlich können sie Jahrzehnte überdauern und halten währenddessen offenbar widrigste Umstände aus, lange Trockenheit und Regenperioden, extremste Kälte und Hitze zum Beispiel. Das allerdings sind irdische Maßstäbe. Ob auch Tiefsttemperaturen, solare Strahlung und Vakuum-Umgebung den Viechern aus der Vorzeit nichts anhaben können, diese Frage möchte Thorid Zierold beantworten. Deshalb wurden vor mehreren Wochen 3.500 Krebseier an die Außenwand der internationalen Raumstation ISS geheftet.

Voruntersuchungen auf der Erde gab es bereits. Triops-Eier wurden in den vergangenen Monaten im Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Köln getestet. Aus jeder der 40 Proben mit je 20 Eiern schlüpften nach den Tests quicklebendige Triops-Krebse. Dass die Eier Temperaturen bis zu minus 45 Grad überstanden, überraschte Zierold nicht, auch die Versuche in marsähnlicher Atmosphäre und mit solarer Strahlung machten ihr wenig Sorgen. »Aber eigentlich hätte ich erwartet, dass es die Eier beim Vakuum-Test zerreißt.«

Sieben Tage lief das Experiment in Köln, nur ein paar Eier hätten kleine Risse bekommen, sagt Zierold. Die Laborbedingungen ähnelten durchaus den lebensfeindlichen Umständen im Weltall, sagt Elke Rabbow, die beim DLR die Tests betreut hat. Aber ein wichtiger Faktor sei doch anders als im All: Die UV- und die kosmische Strahlung seien dort um ein Zigfaches höher.

Für den ISS-Test arbeitet Thorid Zierold mit der russischen und der japanischen Weltraumbehörde zusammen. Die Krebseier wurden mittels mehrerer Tonscheiben auf der ISS-Außenhaut angebracht. Diese Versuchsanordnung hat allerdings eine Schwäche: Nach Ende des Experiments wird nicht klar sein, welche Eier in welchem Umfang kosmischer Strahlung ausgesetzt waren. Im kommenden Jahr sollen als Teil des DLR-Programms »Expose R« weitere 5.000 Krebseier zur ISS fliegen. Sie werden dann in strukturierten Gefäßen an die Raumstation geheftet.

Es bleibt spannend, ob die Triops im Erdorbit Monate überstehen. Sollten sie überlebt haben, stellt sich die Frage: Warum? Ralph Schill vom Biologischen Institut der Universität Stuttgart hat eine Theorie. Im April veröffentlichte er eine Studie, in der er nachweisen konnte, dass Krebseier von der Vitrifizierung profitieren. Im Gegensatz etwa zu Hühnereiern bilden ihre Schalen keine Kristalle und bieten damit weniger Schwachstellen. Die Triops-Eier sind von einer spiegelglatten Hülle ohne jeden Riss umgeben und damit nahezu hermetisch von der Umwelt abgeriegelt. Gleichzeitig schützt diese Versiegelung vor dem Verlust von Nährflüssigkeit, die zum Überdauern der Eier notwendig ist. Doch wie der glasartige Zustand erreicht wird, konnte Schill bisher nicht klären. Möglicherweise seien spezielle Eiweiße für die perfekte Abschirmung verantwortlich, sagt er.

Im kommenden Frühjahr kehrt die erste Ladung Weltraum-Eier zurück auf die Erde. Sollten sie den harschen Test gut überstanden haben, lohnen weitere Nachforschungen. »Für mich ist vor allem relevant, was der Mensch vom Triops lernen kann«, sagt Zierold. Was Triops überleben lässt, könnte zum Beispiel auch Astronauten auf langen Raummissionen helfen. Vielleicht reisen Weltraumfahrer bald in ihrer eigenen urzeitlichen Eierschale zum Mars.