Eigentlich muss er sie hören, seit einigen Minuten brüllt sie sich heiser. »Mr. President, ich brauche einen Job! So wie 15 Millionen andere Amerikaner auch!« Aber er hört nicht, hält dieses dicke Heft in die gleißende Sonne, mit dem er jetzt plötzlich das Land verändern möchte und den Reichen an den Geldbeutel will. »Einen JOOOB«, schreit Shelley Burton, »einen JOOOB!« Man kann sich gut vorstellen, wie sie sich mit dieser Stimme in einem Klassenzimmer voller 14- oder 16-Jähriger durchsetzt, bloß will keine Schule sie haben. Shelley Burton ist Lehrerin, hat sogar einen Doktortitel, doch seit dreieinhalb Jahren ist sie arbeitslos. Vor acht Jahren war sie mit ihrer Familie aus dem Bundesstaat Kalifornien mit seinen notorisch leeren Staatskassen nach Colorado gezogen, wo alles besser schien. Dann wurde ihre Schule aus Geldmangel geschlossen, über hundert Bewerbungen hat sie seitdem geschrieben. Jetzt wedelt sie hektisch mit ihrem Diplom, Obamas Wahlkampfhelfer werden unruhig.

Über tausend Menschen sind trotz sengender Hitze zu diesem Auftritt des Präsidenten auf einem Schulparkplatz in Denver gekommen, wo Barack Obama sein neues Programm zur Schaffung von Arbeitsplätzen vorstellen will – und sich selbst als neuen Vorkämpfer für soziale Gerechtigkeit. Die meisten klatschen brav, rufen »Yeah« oder halten Plakate mit der Aufschrift »Obama 2012« in die Höhe. Doch Burton und neun andere Demonstranten stören irgendwie, obwohl sie inhaltlich das Gleiche fordern. »Schröpft die Wall Street!«, schreit eine Studentin in bunter Kriegsbemalung. »Occupy Wall Street«, die neue linke Graswurzelbewegung , die seit einigen Wochen in den USA Furore macht, ist auch in Denver angekommen. Obamas Leute wirken darüber nicht besonders glücklich.

Es ist fast genau vier Wochen her, da startete Barack Obama seine späte – vielleicht zu späte – politische Wiedergeburt mit einer Rede vor dem Kongress. Der Mann hatte einen monatelangen Sinkflug in den Umfragen hinter sich, hatte sich in bizarr anmutenden Haushaltsverhandlungen mit den Republikanern zermürbt, deren fanatische Ideologie einer Staatsdemontage als reinigender Katharsis für Amerika ihm fast jeden politischen Spielraum genommen hatte. Seine Anhängerschaft aus dem Wahlkampf 2008, die ohnehin nie den nötigen Enthusiasmus für eine agile außerparlamentarische Lobby-Bewegung für Obamas Politik entwickelte, war restlos frustriert, der Hoffnungsträger von 2008 schien nur noch ein Schatten seiner selbst. Bis zum 8. September dieses Jahres, als er in seiner Rede im Kapitol ein Programm zur Schaffung von Arbeitsplätzen darlegte, Steuerschlupflöcher für Reiche und Großkonzerne anprangerte – und damit auf Angriffsmodus umschaltete. Obamas Wahlkampf hatte begonnen. Sein Motto: Der Mann für Jobs und soziale Gerechtigkeit.

Genau neun Tage später, am 17. September, besetzte ein kleiner Trupp von Demonstranten den Zuccotti-Park unweit der New Yorker Börse, nach eigener Darstellung »stellvertretend für die 99 Prozent der Bevölkerung, die nicht länger unter der Gier von einem Prozent der Bevölkerung leiden wollen«. Anfangs von den Medien noch belächelt als hilfloser Versuch, die Kraft des Protests vom Kairoer Tahrir-Platz nach Manhattan zu importieren, ist Occupy Wall Street (OWS) nun zu einer landesweiten Bewegung geworden . Gerade weil sie vor allem aus enttäuschten ehemaligen Obama-Anhängern besteht, ist sie für die Wahlkampfstrategen der Demokratischen Partei enorm schwer zu berechnen. Man habe sich von Obama blenden und vereinnahmen lassen, »das war ein schwerer Fehler«, erklärte vor einigen Tagen in Washington der schwarze Ökoaktivist Van Jones, der auf Druck rechter Republikaner sein Amt als Obamas Umweltberater schon nach einem halben Jahr wieder aufgeben musste. »Sollte daraus wirklich eine Massenbewegung werden«, schreibt Robert Reich, ehemaliger Arbeitsminister unter Bill Clinton und OWS durchaus in Sympathie zugetan, »könnte dies für die Demokraten schwerer zu verdauen sein als die Tea Party für die Republikaner.«

Das Thermometer zeigt inzwischen über 30 Grad, drei Menschen sind auf dem Schulparkplatz in Denver bereits kollabiert und werden von Rotkreuzhelfern herausgezogen. Shelley Burton fächert sich mit ihrem Diplom Luft zu, oben auf der Bühne krempelt Obama die Ärmel hoch, nimmt einen Schluck aus der Wasserflasche und holt aus zur dosierten Attacke gegen die Reichen. Von Erschöpfung keine Spur, der Mann hat, obwohl immer noch im Umfragetief, seinen Elan wiedergefunden. 450 Milliarden Dollar soll sein Programm zur Schaffung von einer Million Jobs kosten, in die Infrastruktur des Landes will er investieren, auch die heruntergekommene Schule in Denver soll davon profitieren durch mehr Lehrerstellen, zwei Dutzend Computer und einen neuen Fassadenanstrich. Bezahlen, ruft Obama, sollen all das die Reichen, also »Leute wie ich«. Und Leute, die deutlich reicher sind.

Obama hütet sich vor feindseliger Rhetorik, er beruft sich auf Milliardäre wie Warren Buffett, die selbst die Absurdität eines Steuersystems angeprangert haben, in dem sie prozentual weniger Abgaben entrichten als ihre Sekretärinnen. Während das oberste Prozent seinen Wohlstand mehre, ruft Obama, müsse die Mittelklasse die schwere Finanz- und Wirtschaftskrise fast allein schultern . »Yeaah,« ruft die Menge zurück. »Steckt die Wall Street ins Gefängnis!«, skandiert die kleine Gruppe um Shelley Burton. Dann stimmt das Grüppchen den Song Volunteers von Jefferson Airplane an: »Schau, was da draußen auf den Straßen passiert. Wir haben eine Revolution!« Wieder zucken Obamas Wahlkampfhelfer zusammen. Jetzt haben auch die Fernsehkameras die zehn Demonstranten entdeckt. Das fehlte gerade noch: Der Präsident versucht, seine fein austarierte Botschaft gegen zu viel Ungleichheit unters Volk zu bringen – und in den Abendnachrichten beherrschen Anhänger von Occupy Wall Street das Bild. Es wäre ein gefundenes Fressen für Fox News und rechte Kommentatoren. Obama will die politische Mitte besetzen, die die Republikaner mit ihrer Tea-Party-Ideologie gerade verschrecken. Die wiederum bauen nun die OWS-Demonstranten zum linken Schreckgespenst auf. Die rechte Tea Party ruft bereits zum Gegenprotest auf: »Stoppt Occupy Wall Street!«