UnruhenEs geht nicht um Religion

Die ägyptische Armee nutzt die Unruhen, um ihre Macht zu zementieren.

Ägyptische Christen protestieren in Kairo gegen den Militärrat.

Ägyptische Christen protestieren in Kairo gegen den Militärrat.

In Ägypten wird derzeit ein Stück gespielt, das man schon zu kennen glaubt, frei nach Samuel Huntington: Muslime gegen Christen, der Zusammenprall der Kulturen. Am vorigen Sonntag gingen in Kairo Muslime und Christen aufeinander los, die Sicherheitskräfte griffen ein, am Ende waren 26 Menschen tot, viele verletzt. Im neunten Monat der Revolution rutscht Ägypten tief in die Krise. Der Hohe Militärrat und Inhaber der Macht gibt vor, zerknirscht vor dem Streit der verzankten Gläubigen zu stehen.

Doch man soll sich nicht täuschen lassen. Die Religion ist wieder einmal bloß die Kulisse für ganz andere Absichten. Das Stück, das in Ägypten in Wirklichkeit gespielt wird, heißt: Machtsicherung.

Anzeige

Schauen wir noch einmal hin, diesmal genauer. Am Sonntag gab es zunächst eine gemeinsame Demonstration von Christen und Muslimen, um gegen Anschläge auf Kirchen zu protestieren. Plötzlich fingen einige an, Streit zu säen. Sogleich waren die Baltagija zur Stelle, staatlich gesponserte Schlägertruppen, die schon für den gestürzten Herrscher Hosni Mubarak die Drecksarbeit erledigt hatten. Das Staatsfernsehen berichtete live von »ausländischen Agenten« und »randalierenden Kopten«, Moderatoren riefen die Bevölkerung auf, die Armee zu schützen. Die Streitkräfte aber waren schon dabei, im brutalsten Einsatz gegen Demonstranten seit dem Februar-Umsturz die Menge niederzuwerfen. Plötzlich sah man wieder, wie Panzerwagen Jagd auf Demonstranten machten und sie gnadenlos überfuhren. Die friedliche Demonstration endete im Blutbad .

Schnell werden nun Fakten in Ägypten geschaffen. Der Ausnahmezustand bleibt bis auf Weiteres in Kraft. Ein Gericht verfügt, dass ägyptische Bürger auch weiterhin in Schnellverfahren vor Militärtribunalen abgefertigt werden können. Schon jetzt sind seit Februar fast 10.000 Menschen zu Haftstrafen verurteilt worden , teilweise zu langen. Die Wahl eines neuen Präsidenten, der den Hohen Militärrat ablösen könnte, schieben die Generäle auf die lange Bank. Lediglich das Parlament soll von Ende November an gewählt werden. Aber bitte nicht mit religiösen Slogans!

Aus alldem formt sich ein Bild: Das Militär will an der Macht bleiben, zumindest vorerst. Wenig scheint übrig von dem heiligen Gelöbnis während der Revolution vom Februar, nur den Übergang absichern zu wollen, eine Periode von sechs Monaten vielleicht, um dann die Macht an ordentlich gewählte Volksvertreter zu übergeben. Der Übergang droht zum betonierten Provisorium zu werden. Dafür braucht es Begründungen. Die Zusammenstöße eignen sich dafür, aber auch die Erstürmung der israelischen Botschaft im September liefert Stoff.

Damals ließen Sicherheitskräfte die aufgebrachten Demonstranten in das Gebäude eindringen und intervenierten erst, als der Mob an der Stahltür hämmerte, hinter der die Diplomaten ausharrten. Die erwünschte Lehre der Armee: »Wir werden noch gebraucht!« Das allerdings ähnelt schauerlich dem alten Mubarak-Motto: »Ich oder das Chaos!«

Die Frage ist nur: Was will die Armee eigentlich mit der Macht ? Sie hat während der vergangenen neun Monate bewiesen, dass sie keine genaue Vorstellung von einem neuen, einem anderen Ägypten hat. Natürlich möchten die Generäle die Pfründen der Streitkräfte sichern, die Ländereien, Fabriken, Universitäten, Klubs, Krankenhäuser, die blickdichten Kassen zumal. Aber jenseits davon haben sie jeglichen politischen Kompass vermissen lassen. Sie ließen sich ideenlos treiben im revolutionären Geschehen, gaben hier und dort den Forderungen der Demonstranten nach, verhafteten zum Ausgleich einige von ihnen. Im Bremsen lag bisher der wesentliche politische Impuls der Armee, zu mehr war der fast 76 Jahre alte Chef des Militärrats, Mohammed Tantawi, nicht in der Lage.

Die ägyptische Armee steht heute für Stagnation. So wird sie – und nicht die Islamisten – zur größten Gefahr für die Demokratisierung Ägyptens.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unterwww.zeit.de/audio

 
Leser-Kommentare
  1. "Es geht nicht um Religion"

    Natürlich nicht und wer was anderes behauptet ist islamophob!

    17 Leser-Empfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Welche Meinung richtig ist, wird sich im Lauf der Geschichte entscheiden.

    Ich stimme dem Autor zu: Hier geht es nicht um religiös bedingte

    Das verstehe ich nicht ganz. Warum Islamophob? Es geht schließlich um beide Lager.

    Welche Meinung richtig ist, wird sich im Lauf der Geschichte entscheiden.

    Ich stimme dem Autor zu: Hier geht es nicht um religiös bedingte

    Das verstehe ich nicht ganz. Warum Islamophob? Es geht schließlich um beide Lager.

    • Harzer
    • 13.10.2011 um 18:31 Uhr

    ... ob friedlich oder nicht, kann man nicht erfolgreich durchführen, wenn man das Militär nicht auf seiner Seite hat ... !
    positives Beispiel: Nelkenrevolution in Portugal
    negatives Beispiel: Allende / Pinochet in Chile

    Das Ägyptische Militär (der Verbündete der USA) versucht, sich als neutral darzustellen und tatsächlich die Revolution zu ersticken.

    Wie war das 1918 in Deutschland ... ?!

    Eine Leser-Empfehlung
  2. Es muss doch Doppelwelten geben.

    Das wird ja schon zur Lächerlichkeit.
    Werden die Menschen eigentlich noch ernst genommen, oder glaubt da jemand wir seien alle schon vom Pisa-Turm erschlagen worden.

    Wer soll das denn nur glauben?
    All jene, die es genau so sehen wollen.

    5 Leser-Empfehlungen
    • kyon
    • 13.10.2011 um 18:41 Uhr

    Im Gegensatz zu Herrn Thumann bin ich der Meinung, dass es, wenn es um Muslime geht, und davon gibt es in Ägypten viele, geht es immer irgendwie um Religion, und wenn es wie in diesem Falle darum geht, die zukünftige Macht von Islamisten oder religiöse Fundamentalisten durch eigene Machtsicherung zu verhindern oder wenigstens zu begrenzen.

    15 Leser-Empfehlungen
  3. Eigentlich reicht es bei Wikipedia nachzulesen, was seit dem Jahre 2000 so an Gewlttaten von Seiten der Muslime gegen Kopten durchgeführt wurden.
    Wieviel Kirchen zerstört wurden, wieviel Kopten verletzt und wieviel Kopten getötet wurden.
    Wie sah es in den Jahrzehnten davor aus?
    Es gab und gibt sie immer noch die Entführungen von koptischen Frauen, die Zwangskonvertierung und danach die Zwangsverheiratung.

    All das hat doch nicht mit der sogenannte Revolution aufgehört.

    Es war im übrigen keine gemeinsame Demo am vorigen Wochenende, von wem ist denn diese Info, etwa von den Kopten, oder vom Spiegel?

    Kann man nicht endlich mal aufhören die Wirklichkeit dieser Welt zu verdrehen.
    Ist das nicht im letzten Jahrhundert genug geschehen?

    16 Leser-Empfehlungen
  4. Welche Meinung richtig ist, wird sich im Lauf der Geschichte entscheiden.

    Ich stimme dem Autor zu: Hier geht es nicht um religiös bedingte

    4 Leser-Empfehlungen
    Antwort auf "Behauptung"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Konflikte, hier versucht der Militärrat seine Macht zu zementieren.

    Die Reflexhafte Reduktion, Andersdenkende seien islamophob, ist nicht zielführend. Ich denke das nicht und halte es auch nicht für sinnvoll.

    Konflikte, hier versucht der Militärrat seine Macht zu zementieren.

    Die Reflexhafte Reduktion, Andersdenkende seien islamophob, ist nicht zielführend. Ich denke das nicht und halte es auch nicht für sinnvoll.

  5. Konflikte, hier versucht der Militärrat seine Macht zu zementieren.

    Die Reflexhafte Reduktion, Andersdenkende seien islamophob, ist nicht zielführend. Ich denke das nicht und halte es auch nicht für sinnvoll.

    6 Leser-Empfehlungen
  6. Wenn also die Opfer Christen sind, dann ist es immer was anderes und die Clubs der mächtigen Christen schauen auch nur all zu gerne weg. Dies wohlgemerkt aber nur, wenn Christen, wegen der Religion, sterben müssen. Sobald aber die Opfer Moslems und die Täter Christen sind, ändert sich der Umgang! dann brauchen nämlich die islamische Mächte nicht mal zu drängen sofort Maßnahmen zu ergreifen die zum Schutz von unschuldige Opfer dienen. So also wie es sich gehört. Warum gilt das gleiche aber nicht wenn die Opfer eben nicht Muslime sind? Sind Christen es nicht wert gerettet zu werden wenn dabei die Täter Moslems sind? Wegen der "Kreuzzüge"-Keule scheint dies wirklich so zu sein:

    So war es im Sudan vor wenigen Jahren, so auch in der heutigen Türkei vor mehreren Jahrzehnten, so im Kosovo lange noch vor den Bürgerkrieg, so auch in Zypern und so wird es den Christen auch in Ägypten ergehen. Entweder die nehmen den Islam an oder werden auf andere Wege ausgerottet. Ob sich diese Maßnahmen dabei "Machtsicherung", "Vertreibung", "Christenverfolgung" oder sonst wie bezeichnen, ist nicht von Interesse, am ende zahlen es immer die Christen.

    Wenn ein christlicher Bevölkerungsanteil von 95% runter auf 0,1% einbricht, dann brauche ich dafür wirklich keine Expertenmeinungen die mir diese Entwicklung politisch korrekt zu erklären versucht.

    19 Leser-Empfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "Wenn ein christlicher Bevölkerungsanteil von 95% runter auf 0,1% einbricht"

    dann ist die Chance für die Mehrheit groß, sich auch noch des Restes zu entledigen.
    Je schwächer die Minderheit, je öfter die Minderheit schon zum Opfer wurde, umso entfesselter werden frustrierte, gewaltbereite und perspektivlose Menschen.
    Wer kämpft schon freiwillig gegen gleichstarke Gegner?

    Gewalttäter suchen sich zielstrebig die Menschen aus, bei denen sie damit rechnen, ungeschoren davonzukommen.
    Das weiß auch der Militärrat, der diese Emotionen schürt, der Angehörige der muslimischen Mehrheit auf eine machtlose und erdniedrigte Minderheit hetzt.

    "Wenn ein christlicher Bevölkerungsanteil von 95% runter auf 0,1% einbricht"

    dann ist die Chance für die Mehrheit groß, sich auch noch des Restes zu entledigen.
    Je schwächer die Minderheit, je öfter die Minderheit schon zum Opfer wurde, umso entfesselter werden frustrierte, gewaltbereite und perspektivlose Menschen.
    Wer kämpft schon freiwillig gegen gleichstarke Gegner?

    Gewalttäter suchen sich zielstrebig die Menschen aus, bei denen sie damit rechnen, ungeschoren davonzukommen.
    Das weiß auch der Militärrat, der diese Emotionen schürt, der Angehörige der muslimischen Mehrheit auf eine machtlose und erdniedrigte Minderheit hetzt.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service