In Deutschland wird wieder nach Orientierung gerufen. Manche scheuen sogar vor dem Wort »Führung« nicht zurück. Doch wenn eine demokratische Gesellschaft ihren Bedarf an klaren Perspektiven befriedigen will, braucht sie dazu Eliten, die den Mut haben, schwierige Themen anzusprechen, neue Gedanken zu entwickeln und ihre öffentlichen Debatten so zu führen, dass möglichst viele daran teilnehmen können. Dass in Deutschland solche Debatten fehlen, liegt auch daran, dass es um die Eliten schlecht bestellt ist.

Eliten werden bei uns verachtet. Dabei brauchen wir sie mehr denn je.

Wer Eliten fordert, verletzt einen deutschen Mythos. Dieser besagt zum einen, dass es sie nur unter vor- oder außerdemokratischen Verhältnissen geben könne: Zur Elite – wörtlich: zum Kreis der Auserwählten – gehört, wer darauf kraft seiner Abstammung, seiner Bildung oder seines Besitzes einen Anspruch hat. Und er besagt zum andern, dass die Eliten in Nazideutschland so gründlich versagt haben, dass mit ihnen kein Staat mehr zu machen sei.

An beiden Punkten ist etwas dran. Denn ständische Elitevorstellungen haben sich in Deutschland bis ins 20. Jahrhundert hinein erhalten. Und Angehörige der politischen und wirtschaftlichen, aber auch der wissenschaftlichen und publizistischen sowie der kirchlichen und künstlerischen Führungsschichten applaudierten der Machtübergabe an Hitler und rechtfertigten die Menschenverachtung durch das NS-Regime.

Doch das »andere Deutschland« wäre ohne die Menschen, die eine herausgehobene gesellschaftliche Verantwortung verspürten, überhaupt nicht zustande gekommen. Der Mut zu unabhängigem Denken war entscheidend für den passiven wie für den aktiven Widerstand. Eine pauschale Verachtung von Eliten trifft auch sie. Deshalb ist es abwegig, noch heute auf entsprechende Anforderungen an Menschen in herausgehobenen Verantwortungspositionen zu verzichten.

Keine Demokratie kommt ohne Eliten aus. Sie braucht Menschen, die in ihrem jeweiligen Bereich Beeindruckendes leisten und andere dazu anspornen. Sie braucht Funktionsträger, die über den eigenen Bereich hinausblicken. Mutbürger, die nicht nur an sich selber denken, sondern auch an andere. Menschen, die im Gewirr der Stimmen für etwas Durchdachtes und Klares, für Kontinuität und Unabhängigkeit einstehen, können allen anderen Orientierung geben.

Die Demokratie braucht Verantwortungseliten. Wer zu ihnen gehört, ist im eigenen Aufgabenbereich kompetent, fragt aber zugleich, was er zum Zusammenhalt der Gesellschaft und zu ihrer Zukunft beitragen kann. Doch in Deutschland spricht man allenfalls noch von »Funktionseliten«, also von Personengruppen, denen kraft ihrer Funktion eine gewisse Zuständigkeit oder eine Machtposition übertragen ist. Jeder soll im eigenen Bereich gut »funktionieren«. Eine Verantwortung, die darüber hinausgeht, ist nicht erwünscht. Vorbildliches Verhalten zu erwarten gilt als altmodisch. Sich am Gemeinwohl zu orientieren ist out.

Politiker, Manager und andere Funktionsträger tragen selber dazu bei, dass sie in der Vertrauensskala der Bevölkerung die Schlusslichter bilden. In wachsendem Maß laufen »Wutbürger« gegen die Funktionäre Sturm, protestieren gegen Infrastrukturprojekte oder verlangen den Ausstieg aus der Atomenergie, das Ende der Kohleverstromung und den Verzicht auf Windräder gleichzeitig. Doch viele dieser Proteste sind genauso kurzsichtig wie die Entscheider, gegen die sie sich richten. Das eigene Interesse stellt weiterreichende Überlegungen in den Schatten – bei vielen Wutbürgern genauso wie bei den Adressaten ihres Zorns.