Pharmalobby Die Wechselhafte

Die Sozialdemokratin Birgit Fischer war Gesundheitsministerin und Kassen-Chefin. Jetzt führt sie die Pharmalobby an.

Man kann es auf verschiedene Weise sagen. Birgit Fischer hat den Schröder gemacht, zum Beispiel. Oder den Riester. Oder den Clement. Raus aus der Politik, Genosse! Rein in die Wirtschaft!

Auf ihrem Konferenztisch steht ein üppiger Blumenstrauß. Blüten in zartem Rot, Fischers Blazer hat eine ähnliche Farbe. Sie riecht an den Blumen, schließt kurz die Augen und freut sich.

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Sie hat ihr Büro am Hausvogteiplatz in Berlin. Dort residiert der Verband forschender Arzneimittelhersteller (vfa), dessen Hauptgeschäftsführerin Birgit Fischer seit Mai ist.

Sie sitzt weit nach vorn gebeugt, ein Bein über das andere geschlagen. Offensive Körperhaltung. Ein Hund würde jetzt wohl noch die Nackenhaare sträuben und knurren. Birgit Fischer weiß, was nun kommt. Ein Gespräch über ihre Wechsel, die anrüchig sind und für Wirbel sorgten.

Die Sozialdemokratin war viele Jahre lang Gesundheitsministerin in Nordrhein-Westfalen. Von 1998 bis 2005 gehörte sie den Kabinetten von Wolfgang Clement und Peer Steinbrück an. Weil die Roten und Grünen in NRW dann auf der Oppositionsbank Platz nehmen mussten, verlor sie ihr Ministeramt. Obwohl sie mit mehr als 50 Prozent der Stimmen ein Direktmandat gewonnen hatte, legte sie es nach zwei Jahren nieder. Fischer verabschiedete sich 2007 aus der Politik und wechselte zur Barmer Ersatzkasse. Sie war erst stellvertretende Vorstandsvorsitzende, dann die Chefin der neuen Barmer GEK, der größten deutschen Krankenkasse.

Im Lebensmittelgeschäft ihrer Eltern stand sie früh an der Kasse

Der erste Wechsel stieß so manchen übel auf. Sie sei dem Ruf des Geldes gefolgt, hieß es. Bei ihrem jüngsten Wechsel fiel die Kritik dann noch heftiger und hämischer aus. »Eine linke Sozialdemokratin wird oberste Pharmalobbyistin, das ist so, als würde der Grünen-Fraktionsvorsitzende Trittin Chef des Atomkonzerns E.on«, donnerte CDU-Gesundheitsexperte Jens Spahn. Und Ulrike Flach von der FDP verglich Fischers Schritt mit einem Überlaufen des Papstes zu den Atheisten.

Unangemessene Reaktionen seien das gewesen, sagt Birgit Fischer und runzelt kurz die Stirn, als habe sie Kopfschmerzen. Dann setzt sie ihr Lächeln ein. Es ist ein Ich-stehe-über-den-Dingen-Lächeln. So hat sie schon in ihrer Zeit als Politikerin Menschen für sich eingenommen. Nun aber vertritt sie nicht mehr das Volk, sondern die Interessen der großen Pharmakonzerne. Birgit Fischer eine Strippenzieherin, eine Souffleuse im Berliner Klüngel.

Sie ist eine Meisterin, wenn es darum geht, ihre Wechsel zu erklären, ihnen den Anstrich von Gradlinigkeit zu geben, sie in ein Gesamtkonzept zu betten. Vor ihrer Zeit in der Landespolitik war die Diplom-Pädagogin pädagogische Leiterin eines evangelischen Bildungswerkes, Fachbereichsleiterin an der Volkshochschule und Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Bochum. Sie selbst spricht heute von »Bausteinen«, die ihre persönliche Kompetenz erweitert hätten und von verschiedenen Erfahrungswelten, die man so zusammenbringen könne.

Leser-Kommentare
  1. und Berechenbarkeit von Sozialdemokraten dokumentiert sich
    in diesem Verhalten. Aber eine Halbierung der Mitgliederzahl
    hat ja Ursachen.

    12 Leser-Empfehlungen
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    Der SPD-"Gesundheitsexperte" Karl Lauterbach sitzt im Vorstand des Röhn-Klinikums.

    Das merkt man auch...denn er macht der heftig Stimmung gegen selbstständige niedergelassene Ärzte und setzt sich dafür ein, dass diese niedergelassenen Ärzte durch Praxiskliniken der Großkonzerne ersetzt werden.

    Toll SPD! Ich dachte ihr würdet für die Mitglieder arbeiten und nicht für Konzerne?

    Der SPD-"Gesundheitsexperte" Karl Lauterbach sitzt im Vorstand des Röhn-Klinikums.

    Das merkt man auch...denn er macht der heftig Stimmung gegen selbstständige niedergelassene Ärzte und setzt sich dafür ein, dass diese niedergelassenen Ärzte durch Praxiskliniken der Großkonzerne ersetzt werden.

    Toll SPD! Ich dachte ihr würdet für die Mitglieder arbeiten und nicht für Konzerne?

  2. Aber weder inhaltliche noch personelle Konsequenzen.
    Man hat sich den Mächtigen angedient, damait man persönlich kasssieren kann.

  3. hat sie als Ministerin voll und ganz im Interresse des Staates und nicht der Pharmalobby gehandelt.

    Im Übrigen, bezweifel ich, dass viele Nein sagen würden, wenn jemand mit einem dicken Bündel Scheine vor der Nase rumwedelt.

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    • Zack34
    • 16.10.2011 um 18:04 Uhr


    ... Zitat:

    "Im Übrigen, bezweifel ich, dass viele Nein sagen würden, wenn jemand mit einem dicken Bündel Scheine vor der Nase rumwedelt."

    kommt immer wieder. Als ginge es nur darum OB, und nicht wie, d.h. bei wem einsteigen.

    Auch wenn häufig nach Kräften relativiert wird - einen politischen wie auch persönlichen Anstand gibt es immer noch, politische Eigenständigkeit ebenso. Und diese gebieten nur eins: achte auf die gebotene und verfassungsmäßige Distanz während Deiner Amtszeit, und suche Dir einen Posten möglichst weit weg von Deinem unmittelbaren ministerialen Wirkungskreis. Und wenn dies schwierig (was nie! der Fall), so ist ein zeitlicher Abstand die minimale Voraussetzung für so etwas, was früher "Glaubwürdigkeit" hieß.

    Ergo, es spricht wenig gegen eine Zusage, die Frage ist nur bei wem, wann, und wie. Und das macht einen RIESIGEN Unterschied aus.

    • Zack34
    • 16.10.2011 um 18:04 Uhr


    ... Zitat:

    "Im Übrigen, bezweifel ich, dass viele Nein sagen würden, wenn jemand mit einem dicken Bündel Scheine vor der Nase rumwedelt."

    kommt immer wieder. Als ginge es nur darum OB, und nicht wie, d.h. bei wem einsteigen.

    Auch wenn häufig nach Kräften relativiert wird - einen politischen wie auch persönlichen Anstand gibt es immer noch, politische Eigenständigkeit ebenso. Und diese gebieten nur eins: achte auf die gebotene und verfassungsmäßige Distanz während Deiner Amtszeit, und suche Dir einen Posten möglichst weit weg von Deinem unmittelbaren ministerialen Wirkungskreis. Und wenn dies schwierig (was nie! der Fall), so ist ein zeitlicher Abstand die minimale Voraussetzung für so etwas, was früher "Glaubwürdigkeit" hieß.

    Ergo, es spricht wenig gegen eine Zusage, die Frage ist nur bei wem, wann, und wie. Und das macht einen RIESIGEN Unterschied aus.

  4. Es ist nicht illegitim, die Interessen einer Seite zu vertreten. Aber gerade deswegen sollte man dazu stehen, wenn man das tut. Ich kann mir kaum etwas perfideres vorstellen als Leute, die zwar bestimmte Interessen vertreten, aber der Öffentlichkeit (und vielleicht auch sich selber?) vormachen, es gehe ihnen um eine objektiv richtige bzw. sinnvolle Lösung.

    Erbärmlicher wirken nur ihre ehemaligen politischen Freunde, wenn sie versuchen, zu behaupten, daß ihr früherer Kampfgenosse sich immer noch für das Gemeinwohl einsetzt (etwa so, wie die SPD ernshaft behauptet hat, G. Schröders Tätigkeit für Gazprom sei im deutschen Interesse).

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    arbeitet Gazprom im deutschen Interesse. Wozu sonst
    die NORDSTREAM-Pipeline?
    Danke, Gerd ...

    arbeitet Gazprom im deutschen Interesse. Wozu sonst
    die NORDSTREAM-Pipeline?
    Danke, Gerd ...

  5. arbeitet Gazprom im deutschen Interesse. Wozu sonst
    die NORDSTREAM-Pipeline?
    Danke, Gerd ...

    Antwort auf "Wes Brot ich ess'"
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    für die Pipeline, die mit Leichen des Putin-Regimes gepflastert ist.

    für die Pipeline, die mit Leichen des Putin-Regimes gepflastert ist.

    • KHHS
    • 16.10.2011 um 9:21 Uhr

    Beim Lesen des Artikels habe ich die ganze Zeit auf die erste substanzielle Aussage gewartet, die man irgendwie als Argument für die Übernahme eines der schäbigsten Jobs, die sich für eine ehemalige Gesundheitsministerin finden lassen, werten könnte. Kam dann aber nicht. Doch - ich hatte es nur übersehen: "...eine halbe Million Euro".
    Lobbyisten mögen ja theoretisch eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe ausfüllen, in der Praxis sind sie der Strick um den Hals der Demokratie.


    Über konstruktive Kritik würden wir uns freuen. Danke, die Redaktion/mk

  6. Ein weiteres Beispiel von der Umkehr. Wie glaubwürdig will die SPD eigentlich noch sein???? Sie betrügt ihre Arbeitnehmeranhängerschaft auf das Schändligste und buckelt bei den Mächtigen der Zunft. Ob diese Dame einen ernstzunehmenden posten bekommt oder die Hofnärrin spielt, das ist noch keine beschlossene Sache. Fakt ist auf jeden Fall, daß sie auf Grund ihrer Vorgaben prächtig zu diesem Verein passt der mitverantwortlich für das Desaster im Gesundheitswesen ist!!!!!!

  7. Nun wird man nicht ohne Grund Chefin einer der größten Krankenkassen und dieses für die SPD sehr typische Karriere-Modell einer Gesundheitsministerin offenbart zur Unzeit eine schon länger übliche Praxis, die uns nicht mehr wundern lässt, weshalb bei der Gesundheitspolitik führender Parteien jeglichen Coulleurs immer die großen Verdiener noch bessere Bedingungen für sich verbuchen konnten. Die inzwischen schon fast totgemolkene Kuh hat ihr Schicksal auch Politikern zu verdanken, die den frivol Melkenden den Schemel halten.
    Eine Demokratie hätte hier schon früher die notwendige Aufklärung erleichtert und Konsequenzen ermöglicht, mit denen sich die Mehrheit vor diesen kapitalistischen Raubrittern schützen können.
    Nun wird provoziert, was man versucht hat zu verhindern und da wird sich zeigen, wie die Kräfteverhältnisse wirklich verteilt sind.
    Das "Wechselhafte", das der Redakteur Frau Fischer unterstellt, könnte jetzt zu einer rettenden Strategie werden. Das bleibt eher unwahrscheinlich, da Menschen offenbar dazu tendieren, in Zwangslagen genau das zu verstärken, was Probleme schafft.

    Eine Leser-Empfehlung

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