David Lynch hat eines dieser Gesichter, die man nicht vergisst. Ganz gleich wie schummrig die Beleuchtung ist, sobald er den Raum betritt, setzt auf der Stelle ein unbewusster Erkenntnisprozess ein, und eine innere Stimme flüstert einem zu: Das da ist David Lynch. In der Hinsicht verhält es sich mit seiner Gegenwart wie mit seinem Werk . Ein Bild genügt, und schon bewegen sich die Gedanken hin zu leuchtend weiß gestrichenen Gartenzäunen und abgeschnittenen Ohren, die den Blick einsaugen, sobald man dem knallgrünen Rasen einer amerikanischen Kleinstadt zu nahe kommt: Willkommen in Lynchville.

Lynchville ist ein Ort der Popkultur wie Springfield, Gotham City oder Entenhausen. Seine Entstehung lässt sich mit einiger Sicherheit auf die späten Siebziger datieren, sein Architekt ist tatsächlich in einer amerikanischen Kleinstadt geboren.

Cineasten wollen herausgefunden haben, dass Lynchville zu etwa gleichen Teilen aus Elementen von Film noir, Roadmovie und Horrorfilm errichtet wurde, und doch ist dieser fremde und seltsame Ort so weit in die innere Topografie unseres Empfindens vorgedrungen, dass er zu einem gewissen Grad überall liegt. Man könnte sagen: Lynchville ist eine Atmosphäre, die ihrem Schöpfer folgt wie ein Schatten, in welche Gegend der Welt und der Kunst es ihn auch verschlägt.

An diesem wechselhaften Oktobernachmittag liegt Lynchville in Paris und hält sich vor der gemeinen Öffentlichkeit geschickt verborgen. Im 2. Arrondissement, zwischen Bistros und Tabakläden hat sich Lynchville in einem alten Zeitungsgebäude materialisiert – obwohl das schon fast zu offiziell klingt. Ein Logo findet man so wenig wie ein Türschild. Vier Stockwerke geht es ins Dunkle des Erdreichs hinab, geleitet nur von einem Lichtstreifen, wie er in Flugzeugen den Weg zum Notausgang weist. Unten dann eine schwere Hadespforte in Nachtkatzengrau: Silencio, der Club, den Lynch auf Initiative zweier mit allen Wassern des internationalen Nachtlebens gewaschener Franzosen hin gestaltet hat, macht seinem Namen alle Ehre.

Natürlich handelt es sich um eine Weltsensation, die von diesem geheimnisvollen Loch im Pariser Untergrund aus ihren Lauf nimmt. Denn so ikonografisch folgenreich seine Filme auch waren, so unaufhaltsam der Außenseiter Lynch mit ihnen zu einem Popstar unter den Hollywood-Regisseuren aufgestiegen ist, dass die berühmte Lynch-Atmosphäre sich an konkreter Stelle manifestiert, begeh- und spürbar wird wie ein Lynch-Erlebnispark, das hat die staunende Öffentlichkeit noch nicht erlebt.