Nachtclub Silencio : Zu cool, um wahr zu sein

Der Regisseur David Lynch ist ein Großmeister des Unheimlichen. Als allerneuestes Werk hat er einen Privatclub in Paris gestaltet. Eine Begegnung im Untergrund
Der Beckett-Haarschopf ist das Markenzeichen von Regisseur und Clubbesitzer David Lynch. © Fred Dufour/AFP/Getty Images

David Lynch hat eines dieser Gesichter, die man nicht vergisst. Ganz gleich wie schummrig die Beleuchtung ist, sobald er den Raum betritt, setzt auf der Stelle ein unbewusster Erkenntnisprozess ein, und eine innere Stimme flüstert einem zu: Das da ist David Lynch. In der Hinsicht verhält es sich mit seiner Gegenwart wie mit seinem Werk . Ein Bild genügt, und schon bewegen sich die Gedanken hin zu leuchtend weiß gestrichenen Gartenzäunen und abgeschnittenen Ohren, die den Blick einsaugen, sobald man dem knallgrünen Rasen einer amerikanischen Kleinstadt zu nahe kommt: Willkommen in Lynchville.

Lynchville ist ein Ort der Popkultur wie Springfield, Gotham City oder Entenhausen. Seine Entstehung lässt sich mit einiger Sicherheit auf die späten Siebziger datieren, sein Architekt ist tatsächlich in einer amerikanischen Kleinstadt geboren.

David Lynch

Geboren wurde David Keith Lynch 1946 in Missoula im US-Bundesstaat Montana. Seine größte Inspirationsquelle sei, so sagt er, die Stadt Philadelphia. Dort studierte er ab 1964 Malerei. 1971 zog Lynch nach Los Angeles, um Film zu studieren. 1976 erregte Eraserhead die Aufmerksamkeit der Independent-Szene. Mit Elephant Man (1980) schaffte Lynch den kommerziellen Durchbruch und wurde als bester Regisseur für den Oscar nominiert. Es folgten Blue Velvet (1986), die TV-Serie Twin Peaks (1990), Lost Highway (1997), Straight Story (1999) und Mulholland Drive (2001). Sein jüngster Film Inland Empire (2006) spaltete die Fangemeinde. Neben seinen Arbeiten fürs Kino hat Lynch nie aufgehört zu malen und zu zeichnen. Lynch gestaltet auch Möbel, macht Musik und vertreibt seinen eigenen Kaffee.

Cineasten wollen herausgefunden haben, dass Lynchville zu etwa gleichen Teilen aus Elementen von Film noir, Roadmovie und Horrorfilm errichtet wurde, und doch ist dieser fremde und seltsame Ort so weit in die innere Topografie unseres Empfindens vorgedrungen, dass er zu einem gewissen Grad überall liegt. Man könnte sagen: Lynchville ist eine Atmosphäre, die ihrem Schöpfer folgt wie ein Schatten, in welche Gegend der Welt und der Kunst es ihn auch verschlägt.

An diesem wechselhaften Oktobernachmittag liegt Lynchville in Paris und hält sich vor der gemeinen Öffentlichkeit geschickt verborgen. Im 2. Arrondissement, zwischen Bistros und Tabakläden hat sich Lynchville in einem alten Zeitungsgebäude materialisiert – obwohl das schon fast zu offiziell klingt. Ein Logo findet man so wenig wie ein Türschild. Vier Stockwerke geht es ins Dunkle des Erdreichs hinab, geleitet nur von einem Lichtstreifen, wie er in Flugzeugen den Weg zum Notausgang weist. Unten dann eine schwere Hadespforte in Nachtkatzengrau: Silencio, der Club, den Lynch auf Initiative zweier mit allen Wassern des internationalen Nachtlebens gewaschener Franzosen hin gestaltet hat, macht seinem Namen alle Ehre.

Natürlich handelt es sich um eine Weltsensation, die von diesem geheimnisvollen Loch im Pariser Untergrund aus ihren Lauf nimmt. Denn so ikonografisch folgenreich seine Filme auch waren, so unaufhaltsam der Außenseiter Lynch mit ihnen zu einem Popstar unter den Hollywood-Regisseuren aufgestiegen ist, dass die berühmte Lynch-Atmosphäre sich an konkreter Stelle manifestiert, begeh- und spürbar wird wie ein Lynch-Erlebnispark, das hat die staunende Öffentlichkeit noch nicht erlebt.

Kommentare

13 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Typisch Lynch:

»Die Ideen kamen, und ich dachte: Schau, was passiert.«

Dieses Zitat erinnert mich auch an seine Filme, wie Lost Highway, Mullholland Drive, Inland Empire (Trilogie?).
Die Storyline wirkt oft sehr planlos und verworren. Einige meinen ja, sie würden in den Filmen eine bestimmte Absicht erkennen. Ich denk mal eher es geht ihm ausschließlich um die drückende und sehr dichte Athmosphäre, was ihm auch sehr gut gelingt. In dieser Beziehung wird er zu Recht gefeiert.
Ich meine allerdings, dass es besser zu ihm passt Clubs zu entwerfen. So ist er an eine feste Struktur (Räume, Gänge) gebunden. Da gelingt es dem Zuschauer/Gast wenigstens den Ausgang zu finden...

Filme sind nicht bloßes Geschichtenerzählen

Film ist ein vielfältiges Medium, dass man nicht auf das reine Geschichtenerzählen beschränken sollte.
Die Bildersprache und die Atmosphäre nehmen bei David Lynch einen höheren Stellenwert ein, als die erzählerische Dramaturgie. Seine Bildersprache ist aber tiefgründiger als die z.B. eines Peter Greenaway oder Lars von Trier.