Er ist einer unserer Besten gewesen – können wir das ganz patriotisch mal so sagen? Ein Deutscher, der im 19. Jahrhundert das Medium der Moderne entwickelt! Offen, wissbegierig, geschickt, ohne akademische Weihen, ohne großes Geld, und seine Erfindung verändert die Welt!

Ach, es wäre eine so schöne Geschichte, aber sie geht etwas anders. Sie spielt eben nicht im quicken Amerika, sondern in einem vielfach geteilten Deutschland, an dessen inneren Grenzen noch jeder Zwieback zollpflichtig ist, in einer Ständegesellschaft mit wenig durchlässigen Sphären. Verweile ein jeder dort, wo er sich befindet: Schuster, bleib bei deinem Leisten! Was hätte ein Steve Jobs unter solchen Umständen erreichen können?

So müssen wir ganz unpatriotisch einräumen: Philipp Reis , der als erster Mensch gesprochene Worte durch einen elektrischen Draht schickte, war seinem Territorium um einiges voraus. Dieser Deutsche ist auch an Deutschland gescheitert.

Sein kurzes Leben verbringt er in zwei hessischen Städtchen: Gelnhausen und Friedrichsdorf. Dazwischen liegen ein paar Ausbildungsjahre auf halber Strecke, in Frankfurt am Main. Alle drei Orte halten heute das Andenken an ihn wach, wenn auch in unterschiedlichem Maße. Je länger er tot ist, desto größer wird er in den beiden Kleinstädten; den rührigen Heimatmuseen und Geschichtsvereinen ist er ein tragischer Held.

Er schnitzt sich ein Ohr und setzt eine Hasenblase ein

In Frankfurt hängt man ihn tiefer. Im lichten, wunderschön am Mainufer gelegenen Museum für Kommunikation kann man sein Telefon im Vorübergehen leicht übersehen zwischen all den tausend Exponaten; der Fernsprech-Sektor ist in den letzten 150 Jahren explodiert und hat die Initialzündung völlig überstrahlt. Im Gespräch mit den Frankfurter Museumsmachern fällt zudem ein Satz, der seine Leistung doch sehr relativiert: »Ach, Philipp Reis... Jedes Land hat ja seinen Telefonerfinder.«

Die Franzosen haben Charles Bourseul, der 1854 ein Telefon beschrieb, aber nicht baute, die Italiener haben den Kerzenfabrikanten Antonio Meucci, der 1860 ein Telefon behauptete (wo ist es?), die Deutschen haben Philipp Reis, der 1861 tatsächlich etwas übertrug, die Welt aber kennt nur den aus Schottland nach Kanada emigrierten Taubstummenlehrer Alexander Graham Bell , der 1876 – anders als alle anderen – einen Apparat vorstellte, mit dem wirklich jeder telefonieren konnte.

Bell kommt 15 Jahre nach Reis und ist zwei Stunden früher auf dem Patentamt als der Amerikaner Elisha Gray. 600 Prozesse werden von Gray und anderen Telefonerfindern gegen das Bellsche Patent geführt, bis vor das höchste Gericht. In den USA hat die umwälzende Bedeutung der Erfindung jeder sofort begriffen, und viele wollen daran teilhaben. Bells Schwiegervater ist Patentanwalt. Er weiß alle Begehren abzuwenden.

7. Januar 1834 – an die Geburt von Philipp Reis in der Langgasse 45 in Gelnhausen erinnert heute eine Tafel. Ein schmales Gebäude, blaues Fachwerk, Geranien grüßen von oben aus den roten Fenstern, drei Etagen. Das Klingelschild verweist auf Herrn und Frau Müller. Man könnte sie anrufen, wüsste man ihre Nummer; ein Telefon werden sie haben. Gegenüber macht die Straße einen scharfen Knick. Hinter dem Gasthaus Zum Loewen, seit 1639 im Familienbesitz, biegt die Via Regia ab. Der uralte Handelsweg verbindet Frankfurt mit Leipzig und Krakau; hier ging zuzeiten unendlicher Verkehr. Steine des Anstoßes an den Hausecken erzählen noch davon, mit welchem Karacho Fuhrwerke die Kurve kratzten.

Die Mutter stirbt, als Philipp ein Jahr alt ist. Sein Vater ist Bäckermeister, nebenher Landwirt. Wie die Vorväter trägt er zur Verpflegung der Reisenden bei. Sein jäher Tod unterbricht die Tradition. Philipp, 10, wird keine Brötchen mehr backen.

Die Großmutter schickt ihn in die Fremde, ins 50 Kilometer entfernte Friedrichsdorf. In dieser Hugenottensiedlung im Taunus spricht man noch immer Französisch, die Handelssprache, die soll er lernen. Er besucht das international angesehene Institut Garnier, ein Internat mit Unterricht von morgens um sieben bis abends um neun, sechs Tage die Woche. G8 ist nichts dagegen. Die Schulkameraden tragen Namen wie Achard und Gauterin. Sie sind Söhne von Kaufleuten.

In Friedrichsdorf lebt man von Textilien, Leder und Teigwaren. Der Zwieback ist weltberühmt. Er schmeckt dem russischen Zaren, der in Bad Homburg zur Sommerfrische weilt und ihn sich über alle Grenzen bis nach St. Petersburg liefern lässt. Der verwaiste Philipp lernt leicht und gern. Mit 14 geht er nach Frankfurt, um sich am Institut des Herrn Hassel in Mathematik, Chemie und Physik zu vervollkommnen. Die Lehrer empfehlen ihn weiter an das Polytechnikum Karlsruhe.