KolonialgeschichteSchädel im Schrank

Das düstere koloniale Erbe der deutschen Rasseforschung muss endlich aufgeklärt werden. von Reinhart Kössler und Heiko Wegmann

Die namibische Delegation nimmt in einer Zeremonie an der Berliner Charité rund 20 Schädel entgegen.

Die namibische Delegation nimmt in einer Zeremonie an der Berliner Charité rund 20 Schädel entgegen.  |  © Sean Gallup/Getty Images

Der feierliche Akt war ebenso ungewöhnlich wie verstörend. Vor wenigen Tagen, am 30. September, erschien im Hörsaal des traditionsreichen Berliner Universitätsklinikums Charité eine große Delegation aus dem afrikanischen Land Namibia, um zwanzig Schädel entgegenzunehmen. Zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts waren die Gebeine aus »Deutsch-Südwest« ins Reich gebracht worden. Hier sollten sie der gerade heftig im Aufwind befindlichen Rasseforschung dienen.

Die wilhelminischen Wissenschaftler hatten sich ihr »Material« unter erschreckenden Umständen beschafft. Denn von 1903 bis 1908 überzog die deutsche Schutztruppe das Land mit Krieg. Den verzweifelten Kampf der Ovaherero und Nama gegen den Verlust ihrer Existenzgrundlagen beantwortete sie mit gezielten Vernichtungsstrategien. Zehntausende Menschen fielen der deutschen Gewalt zum Opfer – bis zu 80 Prozent der Ovaherero und über 50 Prozent der Nama. Die Rasseforscher witterten die Gelegenheit und ließen sterbliche Überreste von Gefallenen, Hingerichteten und in Konzentrationslagern Umgekommenen konservieren. Dabei sind die nun zurückgegebenen zwanzig Schädel nur ein Bruchteil der damals nach Deutschland geschafften Körperteile.

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Für die afrikanische Delegation mit Namibias Minister für Kultur, Kazenambo Kazenambo, an der Spitze ging es allerdings um mehr als nur um die Heimholung ihrer Ahnen. Sie wünschte auch, endlich ein Bekenntnis zu dem Unrecht zu hören, das die Kolonialherren den Völkern Namibias angetan haben. Bis heute hat die deutsche Regierung den Völkermord in Deutsch-Südwest nicht als solchen benannt oder gar eine Entschuldigung abgegeben. Auch jetzt sprach eine Presseerklärung des Auswärtigen Amtes nur vage von »nach Deutschland verbrachten Schädeln verstorbener Angehöriger der Volksgruppen der Herero und Nama«.

Es geht auch um Institute in Freiburg, Frankfurt und Dresden

Entsprechend missglückte der Akt der Übergabe. Staatsministerin Cornelia Pieper (FDP) vom Auswärtigen Amt hielt eine Rede, die es einmal mehr vermied, Völkermord und Verbrechen gegen die Menschlichkeit anzuerkennen und um Entschuldigung zu bitten. Am Ende ging der Protest gegen diese Art der offiziellen Geschichtsklitterung fast in einen Tumult über, Pieper verließ grußlos den Saal.

Wer weiß, ob sich solche Szenen nicht bald schon wiederholen. Denn die koloniale Sammlung der Charité ist nicht die einzige ihrer Art. Nach wie vor liegt in den Schränken deutscher Universitäten und Forschungsinstitute eine große Anzahl weiterer Schädel aus Namibia und anderen ehemaligen Kolonien. Immerhin haben sich die Charité und die Universität Freiburg bereit erklärt, alle Präparate zurückzugeben, die nachweislich in »Unrechtskontexten« erworben wurden. Der Vorstandsvorsitzende der Charité, der Neurologe Karl Max Einhäupl, entschuldigte sich – im Unterschied zur Staatsministerin – sogar klar und deutlich für die Taten der damaligen Wissenschaftler. Dies ist ein echter Fortschritt. Noch 1992 hatte der damalige Kustos der anthropologischen Charité-Sammlung glatt geleugnet, dass sich solche Schädel in seiner Obhut befänden oder je befunden hätten: Sie seien wohl nie angekommen.

Auch die Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg will bald die ersten Schädel an Namibia zurückgeben. Noch bis Mitte 2010 hatte sie nichts unternehmen wollen, solange keine »offizielle Anfrage« vorliege, obwohl die Forderung der namibischen Regierung bekannt war; die Charité befand sich schon seit 2008 in Restitutionsverhandlungen.

Doch aller guter Wille Einzelner nützt nichts, solange nicht ein grundsätzliches Problem gelöst ist. Denn wie können Nachfahren von Opfergruppen in Namibia oder Ruanda überhaupt erfahren, wo die sterblichen Überreste ihrer Vorfahren lagern? Nirgends in Deutschland ist systematisch erfasst, an welchem Ort sich welche Bestände welcher konkreten Herkunft befinden.

Die Humboldt-Universität zu Berlin betreibt zwar eine nationale Datenbank, in der diverse Universitätssammlungen aufgeführt sind, aber die Einträge verraten nicht viel. So erklärt zum Beispiel die Goethe-Universität in Frankfurt am Main, eine anthropologische Sammlung mit 12.000 menschlichen Skeletten vom 2. Jahrhundert bis in die Gegenwart zu besitzen. Status: »verwaist« und keine näheren Informationen.

Ähnlich ist die Lage in Dresden. Die anthropologische Sammlung des dortigen Völkerkundemuseums umfasst circa 6.100 Gegenstände. Angeblich besitzt man aber sehr wenige Schädel aus den deutschen Kolonien. Zur Herkunft heißt es: »In unseren Unterlagen ist nur der Erwerb der Schädel eindeutig belegt. Zu den Umständen der Beschaffung gibt es keine Angaben.«

Leserkommentare
  1. 1. [...]

    Entfernt. Bitte diskutieren Sie das konkrete Artikelthema und verzichten Sie auf Polemik. Danke, die Redaktion/mk

    2 Leserempfehlungen
  2. 2. Pieper

    Wie Westerwelle ist Cornelia Pieper eine absolute Fehlbesetzung in Ihrem Amt.

    Wie lange müssen wir noch erdulden, dass das Ansehen Deutschlands in der Welt so zerstört wird?

    Eine Leserempfehlung
  3. "Bis heute hat die deutsche Regierung den Völkermord in Deutsch-Südwest nicht als solchen benannt oder gar eine Entschuldigung abgegeben."
    Das scheint so nicht richtig zu sein. Eher dient dies als (weiteres) Beispiel dafür, dass geforderte dt. Erinnerungskultur heutzutage hauptsächlich als Scheckbuchpolitik von Seiten der Nachfahren früherer Opfer verstanden wird. Das Scheckbuch der Bundesrepublik wurde auch in diesem Fall längst gezückt, man will nur einfach auf diesem Wege mehr:

    "Namibia erhält als Schwerpunktland der deutschen Afrikapolitik die höchste Pro-Kopf-Entwicklungshilfe. Der Staat war von 1884 bis 1915 deutsche Kolonie, danach Mandatsgebiet des Völkerbunds unter südafrikanischer Verwaltung und ist seit 1990 unabhängig. Der Bundestag hatte sich zwei Mal zu Deutschlands besonderer Verantwortung für Namibia bekannt." (Quelle: http://www.stern.de/polit...)

    4 Leserempfehlungen
  4. ... das wieder so ein Kommentar kommt.

    Wer ganz genau "pickt" denn Ihrer Meinung nach "nur die deutschen" heraus?

    Richtig, die Aufarbeitung des Kolonialismus muss global erfolgen. Das beinhaltet, dass in Deutschland die deutschen Verbrechen aufgearbeitet werden müssen. Wo ist also das Problem?

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    der Kolonialverbrechen den Anfang zu machen, ist Deutschland sicher die beste Adresse. Der entscheidende Unterschied zu den ehem. Kolonialmächten großen Stils ist nämlich, daß dort auf Grundlage völkerrechtlicher Vereinbarungen entschieden wird, in Deutschland dagegen aufgrund des Täterkomplexes sowie der Annahme, man sei ein unermeßlich reiches Land.

    Wir haben leider sehr viele Politiker vom Schlage:
    - Günter Öttinger, der nicht etwa nur der Ansicht ist, die deutsche Sprache sei auf internationalem Rang etwa so marginal wie Nordfriesisch, sondern sich regelrecht darum bemüht, deutsch als Arbeitssprache selbst im eigenen Land beschleunigt abzuschaffen,
    - Thomas Flierl, der in vorauseilendem Gehorsam Ernst Ludwig Kirchners „Berliner Straßenszene“ als „NS-Raubkunst“ restituierte, noch bevor der Sachverhalt überhaupt annähernd geklärt war (besonders grotesk: Ausgerechnet ein PDS-Politiker setzt sich für Privatisierung öffentlicher Kunst ein: raus aus den Museen, rein in die privaten Tresore)
    - Julian Nida-Rümelin, der bei den Verhandlungen um die russische „Beutekunst“ grandios gescheitert ist, obwohl es völkerrechtlich eindeutig geregelt ist, daß Entwendung von Kunstgegenständen als Kriegsbeute nicht legal ist (siehe hierzu: http://www.dradio.de/dlf/... )

    Und dann wundert man sich über Politikverdrossenheit und mangelnden Respekt vor unseren Politikern. Und den Argwohn (von Moral-Aposteln vehement bestritten), der Holocaust werde instrumentalisiert.

    "Wo ist also das Problem?"

    das ist die darstellung in diesem artikel, einseitig und wahrheitswidrig verzerrt und natürlich in der bedeutung deutschlands bei "völkermorden" als kolonialmacht, die es nicht gibt.

    • Guido3
    • 18. Oktober 2011 16:55 Uhr

    Das Deutschland als Kolonialmacht Gräueltaten begangen hat, ist unbestritten und ist es ist auch unstrittig schändlich. Der Artikel verfällt einseitig in die typisch deutsche Selbstgeißelung.

    Ich unterstelle, dass den Herero und anderen Kolonien die Rückführung nicht zuordbarer Knochen nicht sonderlich wichtig ist. Die Herero-Chefs Maharero und Riruako wollten bei dem Anlass primär erneut Milliarden-Reparationsforderungen gegen Deutschland anmelden.

    Nur zur Erinnerung: Die Herero haben Deutschland schon in den USA auf Milliarden-Entschädigung verklagt. Das ist ebenso gescheitert, wie der Klageversuch vor dem Internationalen Gerichtshof. Da wollen nicht Betroffene eine Entschädigung. Da will im Wesentlichen die NachNachfolgergeneration eine Milliarden-Entschädigung. Für jeden vor mehr als 100 Jahren getöteten Herero werden heute etwa 30.000 US-Dollar gefordert. Wie weit wollen wir da zukünftig zurück gehen? Können wir dann vielleicht noch Italien verklagen, für die Gemetzel in Germanien zu Zeiten des Römischen Reiches?

    Auch bemerkenswert: Aus Namibia hat sich zur Entgegennahme der 20 Schädel gleich eine 70köpfige Delegation eine einwöchige Reise nach Deutschland gegönnt. Auf Staatskosten versteht sich. Man hat ja genug Geld und sonst keine Probleme in Namibia

    Wer sich informieren möchte, in welchem Ton die "Diskussion" von Herero-Politikern teilweise geführt wird, kann z.B. hier weiterlesen (englisch).
    http://www.southerntimesa...

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  5. Entfernt. Bitte diskutieren Sie das Artikelthema. Danke, die Redaktion/mk

    2 Leserempfehlungen
    • Atan
    • 18. Oktober 2011 17:41 Uhr

    und Geschichtspolitik in irgendeiner Weise sinnvoll ist, weil sie eben vollkommen willkürliche Urteile fällt. Über die Unmenschlichkeit der westlichen Kolonialpolitik kann keinerlei Zweifel herrschen, über die heutigen Folgerungen daraus jedoch schon. Es ist eben völlig willkürlich, bei den zehntausenden Toten der Nama und Herero von Völkermord zu sprechen, bei den Millionen Toten der belgischen Kolonialherrschaft jedoch nicht. Hier wechselt Geschichtsforschung in Geschichtspolitik.
    Was die Verwendung der Leichen Hingerichteter angeht: bis weit ins 19te Jahrhundert war es üblich, dass die Körper der Hingerichteten für anatomische Studien genutzt wurden, der Diebstahl von Leichen galt unter Medizinern als Kavaliersdelikt. Später nutzte man die Körper der Armen ebenso beliebig, da die meisten Leichen für Anatomiestudien in Gefängnissen und Arbeitshäusern anfielen. Auch wenn wir heute wissen, dass die Studien der "Rassenforschung" überwiegend einer Pseudowissenschaft dienten, für die Beurteilung der Wissenschaftler als "body snatcher" gehört die Praxis des 19ten Jh. unbedingt dazu.

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    Auch wenn es bis weit ins 19. Jahrhundert hinein üblich war, die Leichen von Hingerichteten als Forschungsobjekte zu benutzen: Es war nicht richtig. Das ist Bauchweh Numer eins.

    Der Versuch Deutschlands, die Herero auszurotten, fand im angehenden 20. Jahrhundert statt. Da war so etwas überhaupt nicht mehr üblich. Das ist Bauchweh Nummer zwei.

  6. Ich war dieses Jahr in Kambodscha und habe nicht verstanden wie es im 20. Jahrhundert möglich sein konnte, dass solche unmenschlichen Gewalttaten wie damals in Kambodscha von der Welt zugelassen wurden. Ich konnte nicht verstehen wie sowas passieren konnte!

    Vor einigen Tagen habe ich recherchiert und musste feststellen, dass Deutschland mit den Vereinigten Staaten die roten Khmer unterstützt haben. Die USA machte es aus Trotz gegen die Vietnamesen.

    Warum machten es die Deutschen? Vielleicht finden sich an unseren Universitäten auch Knochen aus Kambodscha.

    Wie kommt es, dass jeder über den Holocaust spricht und so viele Menschen(wie ich) noch nie was von den schrecklichen Geschehnissen, wo circa zwei Millionen Menschen hingerichtet wurden, gehört haben? Warum wird sowas nicht in der Schule gelehrt?? Warum schreiben die Journalisten so wenig darüber?

    Eine Leserempfehlung

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