Kolonialgeschichte Schädel im Schrank
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Größtenteils aus Gräbern entwendete Schädel

Auch die Arbeitsstelle für Geschichte der Medizin der Philipps-Universität Marburg teilte auf Anfrage mit, sie besitze in der Tat eine »Rassenschädelsammlung« mit Präparaten aus Java, Malaya, Borneo, Polynesien und Celebes, außerdem Schädel südafrikanischer Bantu. Leider gebe es aber keinen Katalog mit weiterführenden Angaben. Diese Liste ließe sich fortsetzen.

Und doch ist Provenienzforschung kein aussichtsloses Unterfangen. In etlichen Memoiren und Archiven finden sich Hinweise und natürlich in den zeitgenössischen Publikationen, in denen die Forschungsergebnisse vorgestellt wurden. So belegen Archivalien, dass in die Freiburger Sammlung drei Köpfe von Hingerichteten aus Deutsch-Neuguinea gelangten – der Arzt und Rasseforscher Eugen Fischer hatte sie »bestellt«. Von der Exekution existieren Fotos; auch beschrieb der Kolonialarzt Wilhelm Wendland 1939 in seinem Buch Im Wunderland der Papuas, wie er die Köpfe nach der Erschießung abschnitt und in Spiritus einlegte. Gouverneur Albert Hahl schickte sie nach Freiburg.

Eugen Fischer, der schon früh die »Rassehygiene« vorantrieb (die er dann im Nationalsozialismus verwirklicht sah und freudig durch die Ausbildung von SS-Ärzten unterstützte), publizierte 1905 detaillierte Anatomische Untersuchungen an den Kopfweichteilen zweier Papua im führenden Korrespondenz-Blatt der Deutschen Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte. Darin vermerkt er ganz offen die Herkunftsgeschichte und dankt Gouverneur Hahl ausdrücklich für die Köpfe. Denn Untersuchungen an Weichteilen von »Menschen fremder Rassen« seien immer noch »seltene Erscheinungen«.

Weichteile erschienen Fischer vielversprechender als die verbreitete Schädelvermesserei. Solches »Material« veränderte jedoch je nach Konservierungsart und Transportdauer seine Konsistenz oft so stark, dass eine vergleichende Forschung kaum noch möglich war. Deshalb wandte sich Fischer 1913 in grenzenlosem Zynismus direkt an das kaiserliche Gouvernement in Windhoek und regte an, künftig zum Tode Verurteilte doch lebend nach Deutschland zu schicken – sie würden hier dann rasch der Witterung zum Opfer fallen und so der Wissenschaft einen Dienst erweisen.

Fischers Reich war kein geheimes Laboratorium, und die seit 1900 unter seiner Ägide stehenden Freiburger anatomischen Sammlungen befanden sich beileibe nicht im Elfenbeinturm. Jahrzehntelang blieben sie jedermann zugänglich, die Öffnungszeiten standen in der Zeitung.

Eine ganz andere Größenordnung indes erreicht ein »Konvolut«, das Anfang des vorigen Jahrhunderts in Berlin eintraf. Es umfasst mehr als tausend Schädel, welche die Ost- und Zentralafrika-Expedition unter Führung des Herzogs Adolf Friedrich von Mecklenburg in den Jahren 1907 und 1908 »gesammelt«, das heißt größtenteils aus Gräbern entwendet hatte. Mecklenburg wurde nach dem Ersten Weltkrieg Vizepräsident der Deutschen Kolonialgesellschaft und war von 1949 bis 1951 der erste Präsident des Nationalen Olympischen Komitees. Diese Schädel befinden sich ebenfalls in der Charité.

Wer bringt Licht in die großen Kolonialsammlungen?

Die deutsche Kolonialgeschichte war, verglichen mit der anderer europäischer Länder, nur von kurzer Dauer. Und doch wiegt ihr Erbe schwer. Es wirft die Frage nach der gesellschaftlichen und politischen Verantwortung auch im Bereich der physischen Anthropologie auf. Um sie zu beantworten, muss man endlich Licht in das Dunkel der öffentlichen (und auch der privaten) Kolonialsammlungen bringen. Das erfordert eine übergeordnete Stelle. Staaten wie Australien und Neuseeland, die solche Kommissionen eingerichtet haben, können hier Vorbilder sein. So ist in Australien das Office of the Arts zuständig; die Regierung Neuseelands hat ein Repatriierungsteam am Nationalmuseum Te Papa Tongarewa in Wellington eingerichtet.

Doch die Bundesregierung lehnt jedes Engagement ab. Im August erklärte sie auf eine Anfrage der Linksfraktion: »Auch wenn durchaus noch Raum für weitere Forschung vorhanden sein mag, so sieht die Bundesregierung keine Notwendigkeit für ein von staatlicher Seite aufgelegtes diesbezügliches Forschungsprogramm.«

Sollte das wirklich das letzte Wort bleiben? Der Eklat in der Charité stieß jedenfalls auf eine für viele überraschende öffentliche Resonanz. Das Signal war unüberhörbar. Und es würde schon verwundern, könnte die Bundesregierung ihre Ignoranz gegenüber diesem Kapitel der deutschen Geschichte weiterhin so gedankenlos kultivieren.

 
Leser-Kommentare
  1. 1. [...]

    Entfernt. Bitte diskutieren Sie das konkrete Artikelthema und verzichten Sie auf Polemik. Danke, die Redaktion/mk

  2. 2. Pieper

    Wie Westerwelle ist Cornelia Pieper eine absolute Fehlbesetzung in Ihrem Amt.

    Wie lange müssen wir noch erdulden, dass das Ansehen Deutschlands in der Welt so zerstört wird?

    Eine Leser-Empfehlung
  3. "Bis heute hat die deutsche Regierung den Völkermord in Deutsch-Südwest nicht als solchen benannt oder gar eine Entschuldigung abgegeben."
    Das scheint so nicht richtig zu sein. Eher dient dies als (weiteres) Beispiel dafür, dass geforderte dt. Erinnerungskultur heutzutage hauptsächlich als Scheckbuchpolitik von Seiten der Nachfahren früherer Opfer verstanden wird. Das Scheckbuch der Bundesrepublik wurde auch in diesem Fall längst gezückt, man will nur einfach auf diesem Wege mehr:

    "Namibia erhält als Schwerpunktland der deutschen Afrikapolitik die höchste Pro-Kopf-Entwicklungshilfe. Der Staat war von 1884 bis 1915 deutsche Kolonie, danach Mandatsgebiet des Völkerbunds unter südafrikanischer Verwaltung und ist seit 1990 unabhängig. Der Bundestag hatte sich zwei Mal zu Deutschlands besonderer Verantwortung für Namibia bekannt." (Quelle: http://www.stern.de/polit...)

  4. ... das wieder so ein Kommentar kommt.

    Wer ganz genau "pickt" denn Ihrer Meinung nach "nur die deutschen" heraus?

    Richtig, die Aufarbeitung des Kolonialismus muss global erfolgen. Das beinhaltet, dass in Deutschland die deutschen Verbrechen aufgearbeitet werden müssen. Wo ist also das Problem?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    der Kolonialverbrechen den Anfang zu machen, ist Deutschland sicher die beste Adresse. Der entscheidende Unterschied zu den ehem. Kolonialmächten großen Stils ist nämlich, daß dort auf Grundlage völkerrechtlicher Vereinbarungen entschieden wird, in Deutschland dagegen aufgrund des Täterkomplexes sowie der Annahme, man sei ein unermeßlich reiches Land.

    Wir haben leider sehr viele Politiker vom Schlage:
    - Günter Öttinger, der nicht etwa nur der Ansicht ist, die deutsche Sprache sei auf internationalem Rang etwa so marginal wie Nordfriesisch, sondern sich regelrecht darum bemüht, deutsch als Arbeitssprache selbst im eigenen Land beschleunigt abzuschaffen,
    - Thomas Flierl, der in vorauseilendem Gehorsam Ernst Ludwig Kirchners „Berliner Straßenszene“ als „NS-Raubkunst“ restituierte, noch bevor der Sachverhalt überhaupt annähernd geklärt war (besonders grotesk: Ausgerechnet ein PDS-Politiker setzt sich für Privatisierung öffentlicher Kunst ein: raus aus den Museen, rein in die privaten Tresore)
    - Julian Nida-Rümelin, der bei den Verhandlungen um die russische „Beutekunst“ grandios gescheitert ist, obwohl es völkerrechtlich eindeutig geregelt ist, daß Entwendung von Kunstgegenständen als Kriegsbeute nicht legal ist (siehe hierzu: http://www.dradio.de/dlf/... )

    Und dann wundert man sich über Politikverdrossenheit und mangelnden Respekt vor unseren Politikern. Und den Argwohn (von Moral-Aposteln vehement bestritten), der Holocaust werde instrumentalisiert.

    "Wo ist also das Problem?"

    das ist die darstellung in diesem artikel, einseitig und wahrheitswidrig verzerrt und natürlich in der bedeutung deutschlands bei "völkermorden" als kolonialmacht, die es nicht gibt.

    der Kolonialverbrechen den Anfang zu machen, ist Deutschland sicher die beste Adresse. Der entscheidende Unterschied zu den ehem. Kolonialmächten großen Stils ist nämlich, daß dort auf Grundlage völkerrechtlicher Vereinbarungen entschieden wird, in Deutschland dagegen aufgrund des Täterkomplexes sowie der Annahme, man sei ein unermeßlich reiches Land.

    Wir haben leider sehr viele Politiker vom Schlage:
    - Günter Öttinger, der nicht etwa nur der Ansicht ist, die deutsche Sprache sei auf internationalem Rang etwa so marginal wie Nordfriesisch, sondern sich regelrecht darum bemüht, deutsch als Arbeitssprache selbst im eigenen Land beschleunigt abzuschaffen,
    - Thomas Flierl, der in vorauseilendem Gehorsam Ernst Ludwig Kirchners „Berliner Straßenszene“ als „NS-Raubkunst“ restituierte, noch bevor der Sachverhalt überhaupt annähernd geklärt war (besonders grotesk: Ausgerechnet ein PDS-Politiker setzt sich für Privatisierung öffentlicher Kunst ein: raus aus den Museen, rein in die privaten Tresore)
    - Julian Nida-Rümelin, der bei den Verhandlungen um die russische „Beutekunst“ grandios gescheitert ist, obwohl es völkerrechtlich eindeutig geregelt ist, daß Entwendung von Kunstgegenständen als Kriegsbeute nicht legal ist (siehe hierzu: http://www.dradio.de/dlf/... )

    Und dann wundert man sich über Politikverdrossenheit und mangelnden Respekt vor unseren Politikern. Und den Argwohn (von Moral-Aposteln vehement bestritten), der Holocaust werde instrumentalisiert.

    "Wo ist also das Problem?"

    das ist die darstellung in diesem artikel, einseitig und wahrheitswidrig verzerrt und natürlich in der bedeutung deutschlands bei "völkermorden" als kolonialmacht, die es nicht gibt.

    • Guido3
    • 18.10.2011 um 16:55 Uhr

    Das Deutschland als Kolonialmacht Gräueltaten begangen hat, ist unbestritten und ist es ist auch unstrittig schändlich. Der Artikel verfällt einseitig in die typisch deutsche Selbstgeißelung.

    Ich unterstelle, dass den Herero und anderen Kolonien die Rückführung nicht zuordbarer Knochen nicht sonderlich wichtig ist. Die Herero-Chefs Maharero und Riruako wollten bei dem Anlass primär erneut Milliarden-Reparationsforderungen gegen Deutschland anmelden.

    Nur zur Erinnerung: Die Herero haben Deutschland schon in den USA auf Milliarden-Entschädigung verklagt. Das ist ebenso gescheitert, wie der Klageversuch vor dem Internationalen Gerichtshof. Da wollen nicht Betroffene eine Entschädigung. Da will im Wesentlichen die NachNachfolgergeneration eine Milliarden-Entschädigung. Für jeden vor mehr als 100 Jahren getöteten Herero werden heute etwa 30.000 US-Dollar gefordert. Wie weit wollen wir da zukünftig zurück gehen? Können wir dann vielleicht noch Italien verklagen, für die Gemetzel in Germanien zu Zeiten des Römischen Reiches?

    Auch bemerkenswert: Aus Namibia hat sich zur Entgegennahme der 20 Schädel gleich eine 70köpfige Delegation eine einwöchige Reise nach Deutschland gegönnt. Auf Staatskosten versteht sich. Man hat ja genug Geld und sonst keine Probleme in Namibia

    Wer sich informieren möchte, in welchem Ton die "Diskussion" von Herero-Politikern teilweise geführt wird, kann z.B. hier weiterlesen (englisch).
    http://www.southerntimesa...

    10 Leser-Empfehlungen
  5. Entfernt. Bitte diskutieren Sie das Artikelthema. Danke, die Redaktion/mk

    • Atan
    • 18.10.2011 um 17:41 Uhr

    und Geschichtspolitik in irgendeiner Weise sinnvoll ist, weil sie eben vollkommen willkürliche Urteile fällt. Über die Unmenschlichkeit der westlichen Kolonialpolitik kann keinerlei Zweifel herrschen, über die heutigen Folgerungen daraus jedoch schon. Es ist eben völlig willkürlich, bei den zehntausenden Toten der Nama und Herero von Völkermord zu sprechen, bei den Millionen Toten der belgischen Kolonialherrschaft jedoch nicht. Hier wechselt Geschichtsforschung in Geschichtspolitik.
    Was die Verwendung der Leichen Hingerichteter angeht: bis weit ins 19te Jahrhundert war es üblich, dass die Körper der Hingerichteten für anatomische Studien genutzt wurden, der Diebstahl von Leichen galt unter Medizinern als Kavaliersdelikt. Später nutzte man die Körper der Armen ebenso beliebig, da die meisten Leichen für Anatomiestudien in Gefängnissen und Arbeitshäusern anfielen. Auch wenn wir heute wissen, dass die Studien der "Rassenforschung" überwiegend einer Pseudowissenschaft dienten, für die Beurteilung der Wissenschaftler als "body snatcher" gehört die Praxis des 19ten Jh. unbedingt dazu.

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    Auch wenn es bis weit ins 19. Jahrhundert hinein üblich war, die Leichen von Hingerichteten als Forschungsobjekte zu benutzen: Es war nicht richtig. Das ist Bauchweh Numer eins.

    Der Versuch Deutschlands, die Herero auszurotten, fand im angehenden 20. Jahrhundert statt. Da war so etwas überhaupt nicht mehr üblich. Das ist Bauchweh Nummer zwei.

    Auch wenn es bis weit ins 19. Jahrhundert hinein üblich war, die Leichen von Hingerichteten als Forschungsobjekte zu benutzen: Es war nicht richtig. Das ist Bauchweh Numer eins.

    Der Versuch Deutschlands, die Herero auszurotten, fand im angehenden 20. Jahrhundert statt. Da war so etwas überhaupt nicht mehr üblich. Das ist Bauchweh Nummer zwei.

  6. Ich war dieses Jahr in Kambodscha und habe nicht verstanden wie es im 20. Jahrhundert möglich sein konnte, dass solche unmenschlichen Gewalttaten wie damals in Kambodscha von der Welt zugelassen wurden. Ich konnte nicht verstehen wie sowas passieren konnte!

    Vor einigen Tagen habe ich recherchiert und musste feststellen, dass Deutschland mit den Vereinigten Staaten die roten Khmer unterstützt haben. Die USA machte es aus Trotz gegen die Vietnamesen.

    Warum machten es die Deutschen? Vielleicht finden sich an unseren Universitäten auch Knochen aus Kambodscha.

    Wie kommt es, dass jeder über den Holocaust spricht und so viele Menschen(wie ich) noch nie was von den schrecklichen Geschehnissen, wo circa zwei Millionen Menschen hingerichtet wurden, gehört haben? Warum wird sowas nicht in der Schule gelehrt?? Warum schreiben die Journalisten so wenig darüber?

    Eine Leser-Empfehlung

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