Jedes Kind kennt Fransenkleidung. Fransen hatte man an den Ärmeln, wenn man Cowboy oder Indianer spielte. Danach brach eine unerfreulich fransenlose Zeit an. Sie dauerte – bis jetzt. Denn zurzeit sind Fransen an allerlei Kleidern zu sehen. Bei Isabel Marant, in der Kollektion des italienischen Designerduos Aquilano Rimondi und auch bei Vionnet. Überall flirrt und flattert es. Und es soll kein Ende nehmen: Bei der Vorstellung der Frühjahrskollektionen für das nächste Jahr in Mailand konnte man Fransen an den Kleidern von Bottega Veneta erkennen, es gab sie bei Etro und bei Missoni und – in Quasten – auch bei Dolce & Gabbana.

Offenbar kann es für Designer gar nicht genug Fransen geben. Die beweglichen Stofffäden sah man in der Mode allerdings schon immer. Im Mittelalter trug man sie als Schmuck der Frisur. Diesen nannte man Gefrens. Dabei handelte es sich um eine Fransenborte, die an einem Kopfreif befestigt war und den glatten Hinterkopf zwischen den Zöpfen- oder Schneckenfrisuren bedeckte. Fransen waren sozusagen der Vorläufer der Hair Extensions.

Fransen bringt man aber auch mit Erotik in Verbindung, man denke an die zwanziger Jahre . Damals waren die Tanzkleider häufig mit Perlenfransen bestückt, die im Takt des Charleston mitschwangen. Auch heute lassen Fransen die Bewegungen der Kleider stärker wirken, weil sie selbst dann wild herumbaumeln, wenn sich die Trägerin verhältnismäßig diskret bewegt. Die Fransen sind ein Versprechen, sie enthüllen und verdecken zugleich. Sie sind ein Winkelement der Mode – und all diese schönen Eigenschaften lassen völlig vergessen, dass Fransen eigentlich völlig unpraktisch sind, weil sie dauernd irgendwo hängen bleiben und verknoten.

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Der Fransenschmuck der Indianer übrigens soll mythische Bedeutung gehabt haben: An den Friedenspfeifen hingen lange Fransen, die bis auf den Boden reichten und positive Energien zu dem Benutzer der Pfeife leiten sollten. Allerdings sollen Fransen für die Naturvölker auch einen ganz praktischen Vorteil gehabt haben: Sie leiteten, so die Vermutung, das Regenwasser aus dem Gewebe ab. Wenn der nächste Sommer so wird wie der vergangene, macht Fransenmode dann auch wirklich Sinn.