Fluglotsen-Arbeit im Kontrollturm des Frankfurter Flughafens © Thomas Lohnes/AFP/Getty Images

Das wäre ja was: Der erste Fluglotsenstreik der deutschen Geschichte. Mitten in den Herbstferien. Keineswegs ausgeschlossen, dass 1.700 Beschäftigte die Reisepläne von Hunderttausenden Deutschen doch noch durcheinanderbringen.

Die letzte Runde im Poker war bei Redaktionsschluss am vergangenen Dienstag nicht entschieden, doch fest steht ohnehin: Die Fluglotsen sind im Recht. Sie mögen viel auf einmal fordern – über fünf Prozent mehr Lohn und schnellere Beförderungen im Betrieb. Aber streiken gehört nun einmal zu Tarifverhandlungen in der Privatwirtschaft, auch im Fall der Deutschen Flugsicherung GmbH. Deren Beschäftigten dienen seit 18 Jahren einem ganz normalen Unternehmen. Es ist zwar noch zu 100 Prozent im Staatsbesitz, aber eben privat organisiert – mit Angestellten, nicht mit Beamten.

Wenn sich heute Lufthansa und Air Berlin über die Streikwut echauffieren, ist das scheinheilig. Es war die Luftfahrtindustrie, die Anfang der neunziger Jahre und gegen große Bedenken Richard von Weizsäckers auf die Privatisierung drängte. Der damalige Bundespräsident sah verfassungsrechtliche Konflikte in einer Privatisierung. Er beharrte darauf, dass hoheitliche Aufgaben nur von Beamten wahrgenommen werden sollten.

Die wirtschaftlichen Hoffnungen der Unternehmen haben die Entscheider im Bundestag am Ende überzeugt.

Die Fluggesellschaften sahen vor allem die Kosten: Zu teuer sei die Dienstleistung des Bundes und zu unpünktlich der Betrieb, schimpfte damals etwa der designierte Lufthansa-Chef Jürgen Weber. Und gegen von Weizsäckers größte Sorge wetterte er via Frankfurter Allgemeine Zeitung: »Wenn dies der einzige Grund ist, dann ist das Grundgesetz nicht auf der Höhe der Zeit.«

Jetzt toben die Manager wieder und merken doch, dass Beamte an manchen Hebeln der Globalisierung gut aufgehoben wären. Denn seit den neunziger Jahren ist noch etwas anderes passiert. Der Luftverkehr ist zum Rückgrat unserer Wirtschaft geworden. Täglich holen Hunderte Flugzeuge Ersatzteile für Bosch aus Indien, bringen Dialysemedikamente nach Australien und kommen mit Mangos zurück.

So spürt jeder den Streik der Lotsen. Selbst wenn er weder Urlaubs- noch Geschäftsreise plant. Der Neid auf den kleinen Berufsstand vergrößert noch die Wut. Verdienen die Fluglotsen nicht im Durchschnitt mehr als 100.000 Euro brutto im Jahr? Das stimmt, und das ist auch im internationalen Vergleich durchaus Spitze. Doch für die hohe Bezahlung gibt es ebenso gute Gründe wie für ein Streikrecht. Kaum ein Beruf ist verantwortungsvoller. Eine falsche Entscheidung gefährdet das Leben von Hunderten Passagieren. Die Belastung ist so groß, und die Anforderungen sind so gewaltig, dass Fluglotsen mit 55 Jahren in den Ruhestand treten und regelmäßig vom Arbeitgeber Kuren bezahlt bekommen.

Zumal die Verflechtung der Wirtschaft und der nun schon mehr als ein Jahrzehnt ansteigende Aufschwung der Billigflieger die Belastung der einzelnen Lotsen im Tower noch erhöht haben. Die Zahl der kontrollierten Flüge wuchs im vergangenen Jahr um 1,5 Prozent auf annähernd drei Millionen. Trotz Vulkanasche . 2012 sollen es fast 200.000 mehr sein. Die deutsche Flugsicherung ist auch deshalb so viel günstiger als der frühere Staatsbetrieb, weil die Personaldecke nicht so stark gewachsen ist wie der Verkehr am Himmel.

All das sollten die Chefs von Lufthansa, Air Berlin und Co. bedenken, wenn sie beim nächsten Mal gegen die Gewerkschaft der Flugsicherung poltern. Schon klar, dass die immer engeren Produktionspläne und Kühlregale keinen Stillstand erlauben. Doch Dank der frühen Einflussnahme der Fluggesellschaften ist die Flugsicherung auch ohne Privatinvestor zu einer Achillesferse für die deutsche Wirtschaft geworden. Immer dann, wenn die Lotsen mit Streik drohen.