Seyla Benhabib

Trotz aller Bemühungen der Gesellschaftswissenschaften, sie vorauszusagen, treten soziale Bewegungen immer überraschend auf. Wenn sie es aber tun, dann verändert sich die Bedeutung der Zeit vor und nach ihrem Erscheinen. Sie bilden eine zeitliche Zäsur. Zwar ist es noch zu früh, zu entziffern, wie sich die »Occupy Wall Street«-Bewegung historisch einmal darstellen wird, doch können wir mit Sicherheit sagen, dass diese jungen Demonstranten unter Beweis gestellt haben, wie recht Abraham Lincoln mit seiner berühmten Bemerkung hatte: »Man kann alle Leute einige Zeit zum Narren halten und einige Leute allezeit; aber alle Leute allezeit zum Narren halten kann man nicht.«

Zugegeben, die Protestierenden haben kein Gothaer Programm und auch keine Port-Huron-Erklärung, das Studentenmanifest von 1962. Ihr verbreitetster Slogan – »Wir sind die 99 Prozent« – besagt: »Wir sind die 99 Prozent, die nicht von der Dekade des finanziellen Booms profitiert haben; wir haben unsere Arbeitsplätze und unsere Wohnungen verloren; für unsere Ausbildung haben wir uns mit Zehntausenden von Dollar verschuldet; jetzt haben wir unsere Abschlüsse in der Tasche und stehen vor Dauerarbeitslosigkeit oder Unterbeschäftigung.«

Mit der Beteiligung einiger großer Gewerkschaften schwoll die Bewegung Anfang Oktober zu einem Marsch von rund 30.000 Demonstranten an. Sie wurde zu einer alle Generationen und Rassen umfassenden Bewegung, die inhaltlich an die alte Linke mit ihrer Ausrichtung auf soziale Fragen erinnerte. Doch was Organisationsform und Führungsstil anging, zeigte sie Merkmale der neuen Linken.

Als ich an einem frühen, strahlenden Sonntagmorgen diese Ansammlung von übernächtigten 24- bis 30-Jährigen besuchte, die auf ihren Schlafsäcken lagen, hatte ich nicht das Gefühl, das »revolutionäre Subjekt« vor mir zu haben. Ich fühlte mich vielmehr an Walter Benjamins Formulierung erinnert, Revolutionen seien »der Griff des Menschengeschlechts nach der Notbremse« – ein Griff, der die Sturzfahrt der Geschichte in die Katastrophe aufhalten soll. Ich für meinen Teil bin diesen jungen Menschen jedenfalls dankbar dafür, dass sie die Ehre einer amerikanischen Öffentlichkeit retten, von der wir glaubten, sie sei durch die Ereignisse des letzten Jahrzehnts völlig verängstigt, gelähmt und auf den Status von Foucaults »gefügigen Subjekten« reduziert worden.

Seyla Benhabib ist Professorin für Philosophie und Politische Theorie an der Universität von Yale