MilitärmusikBeethoven an den Hindukusch

In Kabul proben deutsche Militärmusiker mit ihren afghanischen Kameraden preußische Märsche. Oh, wie klingt das schief! von 

Eben noch höchste Alarmstufe, weil die Taliban angreifen, jetzt der "York'sche Marsch": Die ANA Music Band bei der Generalprobe zum Tag der Deutschen Einheit

Eben noch höchste Alarmstufe, weil die Taliban angreifen, jetzt der "York'sche Marsch": Die ANA Music Band bei der Generalprobe zum Tag der Deutschen Einheit  |  © Arne Mayntz für DIE ZEIT

Die Terroristen haben eine Pause eingelegt, die Waffen schweigen in Kabul, und Reinhard Martin Kiauka kann einen Tag vor dem großen Konzert endlich zur Probe aufbrechen. Als der deutsche Kapellmeister in seinem gepanzerten Jeep auf den Exerzierplatz der afghanischen Kaserne fährt, sieht er nicht einen Musiker. Die ANA Music Band, das Orchester der afghanischen Armee, hätte hier eigentlich schon seit zwei Stunden Märsche üben sollen! Wo ist der Dirigent?

Major Karrimi Quazim sitzt in seinem dunklen Büro. »Quazim, ihr solltet doch proben«, sagt Kiauka zu dem afghanischen Offizier. »Proben?«, fragt er zurück. »Jetzt schon?« Er schaut auf seine goldene Armbanduhr und zuckt mit den Schultern. »Erst mal Tee trinken.«

Anzeige

Major Quazim spricht ein wenig Deutsch, und doch versteht er seine Ausbilder nicht immer. Das liegt nicht nur an der Sprache. Nach einem Becher Tee eilen die Deutschen auf den Hof hinaus. Der Major seufzt und geht hinterher. »Wo sind die alle?«, fragt Kiauka. »Die Zeit wird knapp.«

Fotostrecke Kabul
Klicken Sie auf das Bild, um zur Fotostrecke zu gelangen

Klicken Sie auf das Bild, um zur Fotostrecke zu gelangen  |  © Arne Mayntz für DIE ZEIT

Einige afghanische Musiker dösen auf den Bänken im Proberaum, andere hocken im Schatten eines Vordachs oder trinken Chai. »Los geht’s!«, ruft Kiauka auf Deutsch. Nun kommen die Afghanen gemächlich über den Appellplatz auf ihn zu, stellen sich in vier Reihen auf. »Guden Morgän!«, ruft einer. Sie lachen.

Kiauka lächelt nicht. Der Oberstleutnant zählt die Musiker und zuckt zusammen. Es fehlen Blechbläser. In der ersten Reihe stehen drei Posaunisten und zwei Trompeter. »Wir haben doch vier Trompeter?«, sagt er zu Quazim. Der Major hebt und senkt die Schultern. »Wo sind die Trompeter?«, fragt Kiauka empört. In 28 Stunden soll er mit den Afghanen auftreten. Geprobt haben sie noch kaum.

Das von vielen Übeln geplagte Afghanistan zählt fehlende Trompeter nicht zu den größeren Problemen, Oberstleutnant Kiauka tut es. Er nimmt die 20 afghanischen und zwei deutschen Soldaten in den Blick. Sie warten darauf, dass er den Taktstock hebt. Aber zwei Trompeter sind zu wenig für den Preußischen Präsentiermarsch und den Marsch des Yorck’schen Korps . Für einen Moment steht der deutsche Dirigent ratlos vor seinen Afghanen.

Ein Trompeter habe zu einer Beerdigung müssen, erklärt der Major. Der andere schlafe dort hinten. Er zeigt auf ein sandfarbenes, flaches Gebäude, den ehemaligen Busbahnhof, in dem das Orchester probt. Kiauka schaut fassungslos. »Ich werde ihn holen!«, ruft er und eilt über den staubigen Exerzierplatz davon.

Im Gebäude riecht es nach muffigen Mauern und feuchtem Teppich. Vor einer Tür bleibt er stehen, klopft, drückt dagegen. Sie bewegt sich nicht. Der Orchesterleiter stößt sie auf. Nichts kann ihn jetzt aufhalten.

Der Musiker ruht auf einer Liege. Er schrickt hoch. Kiauka zeigt auf den Mann, auf die Trompete, auf die Tür. »Raus jetzt!« Der Afghane versteht die Worte nicht, springt aber auf, zieht die grün-braun gefleckte Uniformjacke über und greift nach seinem Instrument. Gähnend folgt er dem deutschen Offizier über den Platz.

Leserkommentare
  1. Da schwillt mir doch der Kamm!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    beisst sich wohl an semantischen Pedanterien fest?

    Entfernt wegen Doppelpostings. Die Redaktion/mk

  2. Militärmusik und Besuche von Militäreinheiten in anderen Städten mögen als interne Motivationsmethoden und übernationale Bindungsversuche auf Fachebene sinnvoll sein, die Auswirkungen über die beteiligten Militärs hinaus sind aber homöopathisch. Glücklicherweise - es wäre schrecklich, wenn die Erinnerung an die feiernden Jungendlichen, die auf einem Marineschiff in eine Hafenstadt kommen, lange anhält. Und das ist der einzige Teil, der bei Nicht-Militärs ankommt.

  3. beisst sich wohl an semantischen Pedanterien fest?

    Antwort auf "seinen Afghanen?"
  4. Entfernt wegen Doppelpostings. Die Redaktion/mk

    Antwort auf "seinen Afghanen?"

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Die Sopranistin Simone Kermes

    Zurück zu Mozart!

    Simone Kermes gilt als die Ulknudel der Barockoper. Jetzt soll Schluss sein mit Zirkus und Lärm. Eine Begegnung mit der deutschen Sopranistin in Wien

    • Das Echo trauriger Regentropfen

      In New York spielt die Band The xx exklusive Konzerte vor 45 Gästen. Ein neues Geschäftsmodell? Eher eine Kunstinstallation auf der Suche nach Intimität im Pop.    

      • Alaa Wardi singt Khaleds Hit "Aicha" auf YouTube.

        Pop ist, wenn man trotzdem singt

        Was tun junge Musiker, die in Saudi-Arabien nicht öffentlich auftreten dürfen? Mit Glück und Talent werden sie zu weltweiten YouTube-Stars, wie der großartige Alaa Wardi.  

        • Markus Pauli (DJ), Lukas Nimschek (Sänger) und Florian Sump (Schlagzeug) sind Deine Freunde.

          Kinder können mehr vertragen

          Dutzi, Dutzi, heile Segen – welches Kind will sowas noch hören? Die Hamburger Band Deine Freunde macht echten Hip-Hop und fordert ihre wachsende Fangemeinde.  

          Service