Es laufe heute gut bei ihm, sagt Muhlis Ari. Richtig gut. Er sitzt in der türkischen Kleinstadt Çerkezköy in seinem Büro und erklärt, wie er das so macht als Geschäftsmann: Immer etwas früher aufstehen als die anderen. Knallhart bei den Verträgen sein. Zuverlässig, ordentlich und diszipliniert. Vor anderthalb Jahren hat er sein eigenes Transportunternehmen gegründet. "Chef sein", sagt Muhlis Ari, "das war schon immer mein Ding."

Ari, 26 Jahre, möchte jetzt schnell das Thema hinter sich bringen, das immer kommt. Die Vergangenheit. Also gut: Muhlis Ari war der 14-jährige Junge, den in Deutschland alle nur "Mehmet" nannten. Der 1998 nach 62 Straftaten in die Türkei abgeschoben wurde, ohne seine Eltern. Der damals das Land spaltete: Täter oder Opfer? Rein oder raus? An ihm wurde der Umgang mit kriminellen ausländischen Jugendlichen diskutiert. "Mehmet" vereinte alles – Gewalttäter, Bauernopfer, Justizskandal, Proll-Türke, Selbstdarsteller.

2002 entschied das Bundesverwaltungsgericht: Er darf zurück. Ari kam wieder nach Deutschland, hörte auf zu kiffen, holte seinen Hauptschulabschluss nach, galt als Vorbild deutscher Resozialisierung – und wurde doch rückfällig. Vor einer neuen Verurteilung flüchtete er 2005 in die Türkei. Seitdem lebt er hier. Im Heimatland seiner Eltern. "Ja, das stimmt ungefähr“, sagt Ari. "Das Wichtigste ist: Ich war ein Kind."

Anzug und Hemd statt Hip-Hop-Klamotten

Heute sieht er aus wie der große, etwas dickere Bruder von "Mehmet". Er hat noch immer einen bayrischen Akzent, aber er trägt keine ausgebeulten Hip-Hop-Klamotten mehr, sondern Anzug mit Hemd, Manschettenknöpfe und geputzte Lederschuhe. Das ehemalige Problemkind möchte erstmals etwas Gutes tun: ein Jugendzentrum in Çerkezköy bauen.

30.000 Euro habe er schon in das Projekt gesteckt, ohne selbst daran zu verdienen, sagt er. Es soll perfekt werden: mit Billardtischen, Sozialpädagogen und Ausflügen. Er will die Jugendlichen in Betriebe bringen, um ihnen zu zeigen, was Arbeit ist. Auch Kinder aus Deutschland sollen kommen. Aus seinem Bürofenster sehe er jeden Tag, wie junge Menschen sich langweilen, genau wie er damals. "Aber man darf solche Kinder nicht verachten", sagt Ari. "Man muss den Jugendlichen eine Aufgabe geben." Sonst kämen sie auf schlechte Ideen.

Geschäftsmann ohne Papiere

Seine Firma bringt Arbeiter in die Fabriken am Ortsrand. Sie haben zehn Busse, außerdem betreiben sie die einzige Paintball-Anlage in der Gegend. Einer seiner Fahrer ruft an: Er hatte einen Unfall. "Ich muss die Sache kurz regeln", sagt Ari, steigt in den glänzenden schwarzen Firmenwagen und fährt davon.

Das Büro sieht jetzt aus wie eine verlassene Vorführeinrichtung bei Ikea. Auf dem Schreibtisch liegen ein Taschenrechner, ein Kalender und zwei goldene Füllfederhalter. Kein einziges Blatt Papier. Die sechs Aktenordner im Regal sind leer.

Über ein Jahrzehnt ist vergangen, seit Ari beim Faschingsfest der Realschule Fürstenfeldbruck einen Jungen auf der Toilette verprügelte. Er bestahl seine Mitschüler, erpresste sie und brach einem zweimal das Nasenbein. Seinem Anwalt verkündete er: Unter 1.200 Euro netto wolle er nie arbeiten. Stattdessen zog er mit seiner Gang durch das Ghetto von München-Neuperlach. Er sagt selbst über seine Vergangenheit: "Wenn ein Zug erst mal auf den Gleisen ist, ist es schwierig mit dem Zug wieder auszugleisen."