50 Jahre Einwanderung : Mehmet, der kriminelle ausländische Jugendliche

Muhlis Arı, genannt "Mehmet", wurde als 14-Jähriger nach 62 Straftaten in die Türkei abgeschoben. Heute will er dort ein Jugendzentrum bauen.

Es laufe heute gut bei ihm, sagt Muhlis Ari. Richtig gut. Er sitzt in der türkischen Kleinstadt Çerkezköy in seinem Büro und erklärt, wie er das so macht als Geschäftsmann: Immer etwas früher aufstehen als die anderen. Knallhart bei den Verträgen sein. Zuverlässig, ordentlich und diszipliniert. Vor anderthalb Jahren hat er sein eigenes Transportunternehmen gegründet. "Chef sein", sagt Muhlis Ari, "das war schon immer mein Ding."

Ari, 26 Jahre, möchte jetzt schnell das Thema hinter sich bringen, das immer kommt. Die Vergangenheit. Also gut: Muhlis Ari war der 14-jährige Junge, den in Deutschland alle nur "Mehmet" nannten. Der 1998 nach 62 Straftaten in die Türkei abgeschoben wurde, ohne seine Eltern. Der damals das Land spaltete: Täter oder Opfer? Rein oder raus? An ihm wurde der Umgang mit kriminellen ausländischen Jugendlichen diskutiert. "Mehmet" vereinte alles – Gewalttäter, Bauernopfer, Justizskandal, Proll-Türke, Selbstdarsteller.

2002 entschied das Bundesverwaltungsgericht: Er darf zurück. Ari kam wieder nach Deutschland, hörte auf zu kiffen, holte seinen Hauptschulabschluss nach, galt als Vorbild deutscher Resozialisierung – und wurde doch rückfällig. Vor einer neuen Verurteilung flüchtete er 2005 in die Türkei. Seitdem lebt er hier. Im Heimatland seiner Eltern. "Ja, das stimmt ungefähr“, sagt Ari. "Das Wichtigste ist: Ich war ein Kind."

Anzug und Hemd statt Hip-Hop-Klamotten

Heute sieht er aus wie der große, etwas dickere Bruder von "Mehmet". Er hat noch immer einen bayrischen Akzent, aber er trägt keine ausgebeulten Hip-Hop-Klamotten mehr, sondern Anzug mit Hemd, Manschettenknöpfe und geputzte Lederschuhe. Das ehemalige Problemkind möchte erstmals etwas Gutes tun: ein Jugendzentrum in Çerkezköy bauen.

30.000 Euro habe er schon in das Projekt gesteckt, ohne selbst daran zu verdienen, sagt er. Es soll perfekt werden: mit Billardtischen, Sozialpädagogen und Ausflügen. Er will die Jugendlichen in Betriebe bringen, um ihnen zu zeigen, was Arbeit ist. Auch Kinder aus Deutschland sollen kommen. Aus seinem Bürofenster sehe er jeden Tag, wie junge Menschen sich langweilen, genau wie er damals. "Aber man darf solche Kinder nicht verachten", sagt Ari. "Man muss den Jugendlichen eine Aufgabe geben." Sonst kämen sie auf schlechte Ideen.

Geschäftsmann ohne Papiere

Seine Firma bringt Arbeiter in die Fabriken am Ortsrand. Sie haben zehn Busse, außerdem betreiben sie die einzige Paintball-Anlage in der Gegend. Einer seiner Fahrer ruft an: Er hatte einen Unfall. "Ich muss die Sache kurz regeln", sagt Ari, steigt in den glänzenden schwarzen Firmenwagen und fährt davon.

Das Büro sieht jetzt aus wie eine verlassene Vorführeinrichtung bei Ikea. Auf dem Schreibtisch liegen ein Taschenrechner, ein Kalender und zwei goldene Füllfederhalter. Kein einziges Blatt Papier. Die sechs Aktenordner im Regal sind leer.

Über ein Jahrzehnt ist vergangen, seit Ari beim Faschingsfest der Realschule Fürstenfeldbruck einen Jungen auf der Toilette verprügelte. Er bestahl seine Mitschüler, erpresste sie und brach einem zweimal das Nasenbein. Seinem Anwalt verkündete er: Unter 1.200 Euro netto wolle er nie arbeiten. Stattdessen zog er mit seiner Gang durch das Ghetto von München-Neuperlach. Er sagt selbst über seine Vergangenheit: "Wenn ein Zug erst mal auf den Gleisen ist, ist es schwierig mit dem Zug wieder auszugleisen."

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Kommentare

37 Kommentare Seite 1 von 6 Kommentieren

Ist doch ein schöner Artikel

zumindest, wenn man damals das Gedöns um "Mehmet" mitbekommen hat (ansonsten ist er natürlich etwas verwunderlich).

Jedenfalls zeigt diese Geschichte eines: daß es eben keine hoffnungslosen Jugendlichen gibt, die man nur einsperren oder abschieben könne. Daß eine Änderung des Umfeldes mehr bringen mag, als kontraproduktive Jugendknäste.

Es mag Ausnahmen geben, aber dieser Mensch zeigt, daß es diese nicht so oft gibt, wie manch einer vielleicht glauben möchte.

Die Mehrheit..

.. und deren Meinung kann man in den seltensten Faellen wahrscheinlich richtig einschaetzen.

Ich kenne zwar den Kommentar nicht auf den Sie geantwortet haben, vermute aber, dass er in einem ganz schlechten Stil geschrieben wurde. Von daher bin ich Zeit online dankbar, dass sie, im Gegensatz zu vielen anderen Onlineausgaben, auch mal zensieren.
Die ungezuegelte Wut und Polemik in vielen Onlineforen ist geradezu verstoerend.

Um auf "Mehmet" zu kommen. Dass man Menschen abschiebt, die hier geboren und/oder aufgewachsen sind habe ich noch nie verstanden. Da gibt es aktuell auch Faelle, die mich fassungslos machen.
Wie der des Mannes, der im Alter von sechs kam und dessen Eltern angaben PAlaestinenser zu sein. Es wird vermutet sie waeren aus der Tuerkei gekommen. Nur kann der Mann nichts dafuer und soll nun abgeschoben werden. Seine Frau und Tochter sind es schon. Dabei ist er fest integriert, spricht fliessend Deutsch und arbeitet. Was will man noch?
Und wenn jemand hier aufwaechst und Probleme macht, dann gehoeren die Probleme auch hierhin. Dieser junge Mann "Mehmet" haette nie abgeschoben werden duerfen. Unmenschlich war das.
Und dem Foto nach zu urteilen duerften sich die jungen Damen innerhalb ihrer Familie wohl ziemlich aergern ;). Wenn schon keinen Job so haette er positiv zum Genpool betragen koennen.

Meinung

Hat jetzt nichts mit dem Artikel zu tun aber eins muss dennoch gesagt werden:

Während des dritten Reiches hat es auch EINE vorherrschende Meinung gegeben. Wünschen wir uns doch (fast) alle dass Diese auch wegzensiert worden wäre.

Eins noch:
Nur weil eine Mehrheit eine Meinung vertritt, ist es längst nicht die Wahrheit.
Gandhi (Sinngemäß - wer den genauen Zitat kennt kann mich gerne anschreiben)

Das typisch deutsche Mitleid für Täter

"Dieser junge Mann "Mehmet" hätte nie abgeschoben werden dürfen. Unmenschlich war das."
Unmenschlich war das, was er gemacht hat, nicht die Abschiebung.
Das Recht in Deutschland zu leben, kann nicht sieben Milliarden Menschen zugesprochen werden.
Es werden auch nicht alle Menschen Brüder.
Wirklich interessant wäre eine Reportage über ehemalige Opfer.

Was da zensiert wurde....

Der Kommentar Nr. 2, der zensiert wurde, hat in widerwärtiger Weise veranschaulicht, dass es in unserem Land weiterhin Menschen gibt, für die Miteinander und Toleranz immer noch Fremdwörter sind.

Man schaue sich die anderen Beiträge des Verfassers an, um einen Eindruck zu bekommen.

Die 8 Leser-Empfehlungen, die dieser rassistische Kommentar bekommen hat, finde ich aber fast schon bedenklicher.

Nö...

Toleranz http://de.wikipedia.org/w... ist die Duldung von jemandem oder von etwas, der/das Ihnen nicht paßt, Respekt gälte dabei dem Grundgesetz http://www.gesetze-im-int... Sie meinen vermutlich Akzeptanz http://de.wikipedia.org/w... der immer die Freiwilligkeit zugrunde liegt. Wen Sie respektieren/akzeptieren und wen nicht, ist ganz allein Ihre Entscheidung. Wen oder was Sie zu tolerieren haben, nicht unbedingt.

gewähren lassen??? NEIN

Man soll sie eben nicht gewähren lassen, sondern man soll, das sagt Mehmet hier ja auch ganz klar, das Problem beim Schopfe packen.

Kinder, die keinen geordneten Familienhaushalt kennen, wo die Eltern dafür sorgen, dass ihre Kinder nicht verhaltensauffällig oder straffällig werden, brauchen andere Möglichkeiten.
Eine davon hat er jetzt in der Türkei geschaffen, weil er eben nicht möchte, dass andere Kinder genauso eine verkorkste Kindheit haben, wie er selbst.

der Staat hat es sich damals leicht gemacht.
Man kann von Glück sagen, dass Mehmet es trotzdem geschafft hat, erwachsen zu werden.