50 Jahre EinwanderungHans zu verklemmt, Ahmet zu prollig

Elif Cindik ist Psychologin. Sie hört sich jeden Tag in ihrer Praxis die Geschichten der Menschen an, denen der Wechsel von der Türkei nach Deutschland zu schaffen macht. von  und

Elif Cindik

Elif Cindik  |  © Michael Herdlein für DIE ZEIT

Auswandern ist Stress pur für den Geist. Die Psychologie teilt sie in vier Phasen auf: die erste ist die »Honeymoon«-Phase, in der sich der Migrant sicher fühlt, weil er Armut und Perspektivlosigkeit hinter sich gelassen hat und einem neuen Leben entgegensieht; die zweite Phase ist von »Überkompensation« geprägt. Der Migrant gibt sich der Illusion einer Rückkehr in die alte Heimat hin, die er verklärt: Dort war alles schöner, dorthin will er irgendwann, wenn er genug Geld verdient hat, wieder zurück. Diese Phase kann lange anhalten.

Danach folgt eine Periode der »Dekompensation«: Der Migrant hat mittlerweile Kinder in der Fremde, die seine Werte nicht mehr bedingungslos teilen. Die Tochter hat einen deutschen Freund, der Sohn will lieber Schauspieler werden und nicht Anwalt, wie es sich seine Eltern erträumen, und auch die Erwartungen an das Auswanderungsland haben sich womöglich nicht erfüllt. Langsam schleicht sich ein Gefühl ein: Die alte Heimat und ihre Menschen sind fremd geworden. In der vierten Phase steht eine generationenübergreifende Anpassung an, in der sich gemischte Ehen und bikulturelle Identitäten herausbilden. »Diese letzte Phase wird von Politik und Medien verhindert. Dabei muss man sie eigentlich verstehen und fördern«, sagt Elif Cindik.

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Sie kennt die vier Phasen gut. Die 41-Jährige begegnet ihnen jeden Tag in ihrer Münchner Praxis. Jeden Tag hört sie dort die Geschichten der Menschen, denen der Wechsel von der Türkei nach Deutschland zu schaffen macht – nicht nur ihnen, sondern auch ihren Nachkommen. Schwule türkische Männer, die sich wegen ihres Schwulseins hassen und sie inständig bitten: »Therapieren Sie mir das weg!« Heiratsmigrantinnen, die noch nie »ihre Scheide im Spiegel« betrachtet haben, so Cindik, und aus Angst den ersten Sex verweigern – jahrelang. Männer, die depressiv werden, weil sie nach 30 Jahren am Band bei BMW arbeitslos geworden sind und nun für Schmarotzer gehalten werden. Lesbische türkische Frauen, deren Mütter mit Selbstmord drohen, wenn die Töchter nicht »damit« aufhören. Oder junge türkische Frauen, die unter dem Druck stehen zu heiraten, aber keine Männer finden, weil ihnen Hans zu verklemmt und Ahmet zu prollig ist.

50 Jahre türkische Einwanderer

Am 30. Oktober 1961 unterzeichneten die Bundesrepublik und die Türkei einen Vertrag über die Anwerbung türkischer Arbeitskräfte. Seit 50 Jahren gibt es also eine gemeinsame Geschichte von Türken und Deutschen, oft hinter Integrationsdebatten verborgen. Und es gibt Geschichten – tragische, heitere und bewegende.

Cindik hat gut zu tun. Unter ihren Patienten ist die türkische Putzfrau und der aufstrebende türkischstämmige Manager, aber auch der niederbayerische Metzger. Sie eint die Suche nach Hilfe und das Bedürfnis, ihr Leid in ihrer Muttersprache zu erzählen. »Auch wenn sie diese nur noch radebrechen«, sagt sie. Viele der in Deutschland Aufgewachsenen fingen auf Türkisch an, um dann die Sprachen zu mixen.

Es gibt nicht viele wie Cindik. Die psychosoziale Versorgung in Deutschland ist eine fast komplett türkenfreie Zone.

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Leserkommentare
  1. Man sollte in historischen Kontexten denken. Noch existiert der "Salzburger Verein", mittlerweile mit Sitz in Duisburg, der sich der Belange der Nachkommen der vor fast 300 Jahren nach Ostpreussen ausgewanderten Salzburger annimmt.

  2. ich finde dieses thema sehr interessant, und wäre der gegenständliche artikel deutlich ausführlicher und länger, hätte ich ihn sicher mit freude gelesen.

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    • dubie
    • 28. Oktober 2011 15:01 Uhr

    Beispielsweise: "In der vierten Phase steht eine generationenübergreifende Anpassung an, in der sich gemischte Ehen und bikulturelle Identitäten herausbilden. »Diese letzte Phase wird von Politik und Medien verhindert. Dabei muss man sie eigentlich verstehen und fördern«, sagt Elif Cindik."

    Was damit gemeint ist, wie die Politik und Medien "gemischte Ehen verhindern" etc. wird überhaupt nicht erklärt. Schade.

    Auch die "Phasen" des Auswanderns, da sollte man doch wohl wenigstens im Nebensatz erwähnen, dass, was das Auswandern motiviert hat, doch eine nicht unerhebliche Rolle spielt. ...

    ist der Artikel von Martin Spiewak zum Stand der psychosozialen Betreuung von Nicht-Muttersprachlern 'Lerne Deutsch oder leide' http://www.zeit.de/2010/21/Migranten-und-Psyche/komplettansicht

  3. für diesen schönen Artikel. Es muss furchtbar sein, ständig im Identitätskonflikt zu sein. Dass es wenig psychosoziale Versorgung gibt, ist meiner Meinung nach selbst gemacht. Man bleibt doch eher unter sich, habe ich den Eindruck.

    Ich würde mich über mehr Berichte dieser Art freuen.

    Aber was hat das mit dem "Salzburger Verein" zu tun? Ich finde es nicht vergleichbar.

  4. ...die wohlgefällig nie in einer Statistik auftauchen.
    [...]

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf diskrimiierende Äußerungen und Anfeindungen. Danke. Die Redaktion/vn

  5. Entfert. Bitte verzichten Sie auf pauschale Unterstellungen. Die Redaktion/ew

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    "...es wurde wohl vergessen darauf hinzuweisen, dass diese Psychologin selbst eine Türkin ist."

    Wenn sie einen deutschen Pass hat, ist sie eine Deutsche. Dass sie aus der Türkei stammt, hat damit nichts zu tun.

    Ein Obdachloser zahlt genauso viel Steuern wie Sie. Ob sie jetzt ein oder zwei Euro mehr entrichten ist nicht von Belang. Jedoch ist klar, dass sie nicht der Oberschicht angehören und man sich empört wie ein "Bild-Leser".

    Sind wir doch mal ehrlich.
    Was nützt einem das denken, wenn nur am Ende Stuss dabei rauskommt? Ich denke über so viele Dinge nach und weiß gar nicht - Warum? Man wird ja gefüttert, mein Kopf ist mit Müll die man irgendwo aufschnappt. Die unwichtigsten Botschaften sind gespeichert und für jede weitere Botschaft die man speichert, da der Speicher längst voll ist, fällt eine andere raus. Texte von Kafka hab ich längst vergessen, stattdessen weiss ich Zitat:" Die Türken bauen sich hier einen Substaat auf - alles bezahlt mit meinen Steuergeldern...".

    Ja. Was für Müll wird einem da nicht alles angelastet, wenn man "Bild-Nivea-Lesern" auf der Straße, Bahn, Telefon und Foren zuhört. Meine Güte was erzählen die Leute für ein Dreck?

    Bitte beteiligen Sie sich sachlich und konstruktiv. Danke, die Redaktion/mk

  6. Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Bemerkungen, die lediglich der Provokation dienen. Danke. Die Redaktion/sc

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    • TDU
    • 28. Oktober 2011 9:20 Uhr

    Warum müssen Sie immer Ihre bedenkenswerten Kommentare mit Pauschalen und Wertungen beenden?. Der Aspekt, den Sie geäussert haben, ist doch bedenkenswert. Die Pauschale "alle machen konservatibve Personalpoltik" schreckt mich ab, weiter drüber nach zu denken.

    Wie üblich: alle Unternehmer sind so und so. Gründen Sie doch ein eigenes Unternehemn und machen alles anders, kommt dann als Reflex.

    Darum sind die Türken so beliebt in Europa: weil alles sofort einer Kosten-Nutzen-Kalkulation unterzogen wird.

  7. "Jeden Tag hört sie dort die Geschichten der Menschen, denen der Wechsel von der Türkei nach Deutschland zu schaffen macht – nicht nur ihnen, sondern auch ihren Nachkommen.":

    -"Schwule türkische Männer, die sich wegen ihres Schwulseins hassen..."
    -"Heiratsmigrantinnen, die aus Angst den ersten Sex verweigern..."
    -"Lesbische türkische Frauen, deren Mütter mit Selbstmord drohen, wenn die Töchter nicht »damit« aufhören."

    Wo liegt denn da der Zusammenhang mit dem Wechsel nach Deutschland? Diese Probleme bestünden doch bei einem Verbleib in der Türkei genau so.

    "...junge türkische Frauen, die unter dem Druck stehen zu heiraten, aber keine Männer finden, weil ihnen Hans zu verklemmt und Ahmet zu prollig ist."

    Und das ist sicher kein Klischee?

    • TDU
    • 28. Oktober 2011 9:20 Uhr

    Warum müssen Sie immer Ihre bedenkenswerten Kommentare mit Pauschalen und Wertungen beenden?. Der Aspekt, den Sie geäussert haben, ist doch bedenkenswert. Die Pauschale "alle machen konservatibve Personalpoltik" schreckt mich ab, weiter drüber nach zu denken.

    Wie üblich: alle Unternehmer sind so und so. Gründen Sie doch ein eigenes Unternehemn und machen alles anders, kommt dann als Reflex.

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  • Serie 50 Jahre Einwanderungsland
  • Schlagworte BMW | Medien | Heimat | Psychologie | Selbstmord | Stress
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