50 Jahre EinwanderungHans zu verklemmt, Ahmet zu prollig

Elif Cindik ist Psychologin. Sie hört sich jeden Tag in ihrer Praxis die Geschichten der Menschen an, denen der Wechsel von der Türkei nach Deutschland zu schaffen macht. von  und

Auswandern ist Stress pur für den Geist. Die Psychologie teilt sie in vier Phasen auf: die erste ist die »Honeymoon«-Phase, in der sich der Migrant sicher fühlt, weil er Armut und Perspektivlosigkeit hinter sich gelassen hat und einem neuen Leben entgegensieht; die zweite Phase ist von »Überkompensation« geprägt. Der Migrant gibt sich der Illusion einer Rückkehr in die alte Heimat hin, die er verklärt: Dort war alles schöner, dorthin will er irgendwann, wenn er genug Geld verdient hat, wieder zurück. Diese Phase kann lange anhalten.

Danach folgt eine Periode der »Dekompensation«: Der Migrant hat mittlerweile Kinder in der Fremde, die seine Werte nicht mehr bedingungslos teilen. Die Tochter hat einen deutschen Freund, der Sohn will lieber Schauspieler werden und nicht Anwalt, wie es sich seine Eltern erträumen, und auch die Erwartungen an das Auswanderungsland haben sich womöglich nicht erfüllt. Langsam schleicht sich ein Gefühl ein: Die alte Heimat und ihre Menschen sind fremd geworden. In der vierten Phase steht eine generationenübergreifende Anpassung an, in der sich gemischte Ehen und bikulturelle Identitäten herausbilden. »Diese letzte Phase wird von Politik und Medien verhindert. Dabei muss man sie eigentlich verstehen und fördern«, sagt Elif Cindik.

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Sie kennt die vier Phasen gut. Die 41-Jährige begegnet ihnen jeden Tag in ihrer Münchner Praxis. Jeden Tag hört sie dort die Geschichten der Menschen, denen der Wechsel von der Türkei nach Deutschland zu schaffen macht – nicht nur ihnen, sondern auch ihren Nachkommen. Schwule türkische Männer, die sich wegen ihres Schwulseins hassen und sie inständig bitten: »Therapieren Sie mir das weg!« Heiratsmigrantinnen, die noch nie »ihre Scheide im Spiegel« betrachtet haben, so Cindik, und aus Angst den ersten Sex verweigern – jahrelang. Männer, die depressiv werden, weil sie nach 30 Jahren am Band bei BMW arbeitslos geworden sind und nun für Schmarotzer gehalten werden. Lesbische türkische Frauen, deren Mütter mit Selbstmord drohen, wenn die Töchter nicht »damit« aufhören. Oder junge türkische Frauen, die unter dem Druck stehen zu heiraten, aber keine Männer finden, weil ihnen Hans zu verklemmt und Ahmet zu prollig ist.

50 Jahre türkische Einwanderer

Am 30. Oktober 1961 unterzeichneten die Bundesrepublik und die Türkei einen Vertrag über die Anwerbung türkischer Arbeitskräfte. Seit 50 Jahren gibt es also eine gemeinsame Geschichte von Türken und Deutschen, oft hinter Integrationsdebatten verborgen. Und es gibt Geschichten – tragische, heitere und bewegende.

Cindik hat gut zu tun. Unter ihren Patienten ist die türkische Putzfrau und der aufstrebende türkischstämmige Manager, aber auch der niederbayerische Metzger. Sie eint die Suche nach Hilfe und das Bedürfnis, ihr Leid in ihrer Muttersprache zu erzählen. »Auch wenn sie diese nur noch radebrechen«, sagt sie. Viele der in Deutschland Aufgewachsenen fingen auf Türkisch an, um dann die Sprachen zu mixen.

Es gibt nicht viele wie Cindik. Die psychosoziale Versorgung in Deutschland ist eine fast komplett türkenfreie Zone.

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Leserkommentare
  1. "...es wurde wohl vergessen darauf hinzuweisen, dass diese Psychologin selbst eine Türkin ist."

    Wenn sie einen deutschen Pass hat, ist sie eine Deutsche. Dass sie aus der Türkei stammt, hat damit nichts zu tun.

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    >>>> Wenn sie einen deutschen Pass hat, ist sie eine Deutsche. Dass sie aus der Türkei stammt, hat damit nichts zu tun." <<<<

    Zutreffend, aber was ist man eigentlich, wenn man einen deutschen und einen türkischen Pass hat? Lange Zeit (oder immer noch?) war es für Türken möglich, nach Annahme der deutschen Staatsbürgerschaft und der damit verbundenen Aufgabe der türkischen Staatsbürgerschaft, anschließend in der Türkei wieder zusätzlich die türkische Staatsbürgerschaft anzunehmen.

    Ganz offiziell gibt es zudem die "Mavi Kart", eine besondere Form der türkischen Staatsbürgerschaft, die jeder Auslandstürke beantragen kann. Die bisherige Einschränkung, in der Türkei damit nicht wählen zu können, wird demnächst aufgehoben, wie das - Ministerium für Auslandstürken - bekannt gab.

    http://www.deutsch-tuerki...

  2. "Ich wüsste aber nicht warum ich auf meine Knie fallen und mein Steuergeld einem Türken zuwerfen sollte, der den ganzen Tag damit beschäftigt ist, sich zu empören und den Deutschen die Schuld zu geben."

    Ich wüsste auch nicht, warum ich mein Steuergeld einem Deutschen zuwerfen sollte, der den ganzen Tag damit beschäftigt ist, sich zu empören und den Ausländern und Einwanderern die Schuld zu geben.

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    Antwort auf
    • TDU
    • 28. Oktober 2011 9:33 Uhr

    Die psychosoziale Betruung war auch in Deutschland mal "deutschenfreie, wenn nicht menschenfreie Zone. Sprich, es gab sie gar nicht.

    Ob Homosexuelle, Studenten mit Lernschwierigkeiten und sogar Alkohohlsüchtige: "Reiss dich zusammen" war das Gebot der Stunde bis in die 1980iger Jahre. Nur die Krankenkassen waren zuständig, denn man war ja krank, wenn man psychische Probleme hatte. Eine Übung, die vermutlich auch die "Gastarbeiter" aller Nationen absoviert haben.

    Also sollte man nicht wieder klagen, sondern sich über diese geshcilderten Fortschritte freuen. Aber auch akzeptieren, dass es Menschen aller Nationen gibt, die nicht betreut werden wollen oder eben keine tiefgreifenden Probleme mit Veränderungen haben.

  3. "...wenn von zehntausenden Psychologen durch "zufall" ausgerechnet jene die Türken als Haupt-Clientel hat, so hat das sehr wohl etwas mit der Herkunft zu tun?"

    Natürlich ist das für ihre Kunden wichtig, weil sie ähnliches erlebt hat. Aber das ändert nichts daran, daß sie eine Deutsche ist.

    "Im Übrigen hat die keinen Deutschen Pass, sondern einen Pass der Bundesrepublik Deutschland, was ohne Frage eine gravierender Unterschied ist."

    Da sehe ich absolut keinen Unterschied. Bitte erklären Sie genauer, was denn dieser "gravierende Unterschied" sein soll.

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  4. Es ist wohl nie genug.

    Der nächste Artikel, der sich mit Einwanderung beschäftigt, natürlich wieder klassisch mit Ahmet und Co. Es gibt ja keine anderen Gruppen in diesem Land.

    "Die psychosoziale Versorgung in Deutschland ist eine fast komplett türkenfreie Zone."

    -ja ja erschreckend. ZEIT darüber zu berichten.

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    das türkische Murmeltier.

  5. ...kann ich es doch nachvollziehen, wenn eine türkischstämmige Person einen Psychologen mit ähnlichem Background aufsucht.
    V.a. wenn die Probleme im Zusammenhang mit der Migration begründet sind, kann dieser Psychologe die Probleme des Patienten besser nachvollziehen.

    2 Leserempfehlungen
  6. Frau Cindik legt in der Einleitung die vier psychologischen Phase der Auswanderung dar.

    Im unmittelbaren Anschluss stellt sie dann den Bezug zu den Fällen in ihrer Praxis her.

    Die Fälle drehen sich aber fast ausnahmslos um Probleme der Sexualität im weiteren Sinne. Ein Bezug zur Auswanderungsproblematik ist nicht erkennbar.

    Könnte die Autorin eventuell eine Erklärung nachreichen?

    5 Leserempfehlungen
  7. Freunde mit "anderen Wurzeln" berichten mir auch davon, dass es nicht ganz einfach ist, zwischen zwei Welten zu leben. Manchmal würde sie dieser Zwiespalt "aggressiv" machen, wobei diese Leute vollkommen friedlich sind. Es ist zu simpel zu sagen "Jetzt integriere Dich mal". Es gibt einfach ganz andere Kindheitserfahrungen, kulturelle Prägungen.

    Das ist ja bereits zwischen Schweizern und Deutschen, Bayern und Hanseaten oder Wessis und Ossis so.

    Es ist natürlich selbstverständlich, dass jeder, der hier lebt, die Gesetze und kulturellen Gepflogenheiten zu respektieren hat und im Grundsatz selbst seine Existenz zu bestreiten hat. Das würde ich als Minimalanforderung an jeden Einwanderer richten. Die meisten Einwanderer kommen dem ja auch nach.

    Darüber hinaus kann ich aber von niemand verlangen, seine kulturelle Identität zu verleugnen. Das hat in der Geschichte der Menschheit noch niemals funktioniert.

    Gleichwohl findet schon eine gewisse kulturelle Anpassung statt. Der hier groß gewordene Türkischstämmige wird bei einer Rückkehr in die Türkei auch dort "Integrationsprobleme" haben. Am Besten funktioniert die Assimilierung an die "Aufnahmelandkultur" wohl da, wo die Migranten in der Minderheit sind. Demgegenüber kann man in vielen Großstädten, wo Migranten viele Angehörige des eigenen Herkunftslandes finden, eine gewisse Subkulturbildung beobachten. Diese ist nicht "böse" oder "schlecht", sondern wohl menschlich, man kann sie auch bei Deutschen im Ausland beobachten.

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  • Serie 50 Jahre Einwanderungsland
  • Schlagworte BMW | Medien | Heimat | Psychologie | Selbstmord | Stress
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