Die Deutschen – das fremde Volk

Nach dem Zweiten Weltkrieg und der Ermordung von sechs Millionen Juden, waren die Deutschen ein Volk, das sich selbst entfremdete, weil es den Blick in den Spiegel nicht ausgehalten hätte. Das sich selbst durch Verdrängung fremd machte, um sich in Wiederaufbau und Wirtschaftswunder flüchten zu können.

Die Selbstentfremdung der Deutschen wurde noch gesteigert durch unzählige befremdliche Alltagserfahrungen. Männer, die aus dem Krieg kamen, erkannten ihre Frauen nicht mehr, Frauen fanden in diesen seelisch und körperlich versehrten Frontsoldaten den Mann nicht wieder, den sie einmal geliebt hatten. Schließlich, ganz banal, waren die Deutschen durcheinander gewürfelt, oben und unten, Nord und Süd, Ost und West.

Sich selbst wiederzuerkennen – von der Generation der Täter bis zur Generation ihrer Urenkel – war der Versuch, wieder »wir« sagen zu können ohne Scham oder übertriebenen Stolz. Man könnte es auch Selbstintegration nennen. Diese gewaltige Anstrengung hat ein halbes Jahrhundert gedauert, vielleicht kann man sagen, dass diese Integration mittlerweile gelungen ist.

In diese Nachkriegsjahre fiel die erste große Zuwanderung nach 1945: Millionen Vertriebene kamen ins Land, oft von weit her aus dem Osten Europas. Kulturell waren sie Ausländer, nur durfte das so nicht gesagt und nicht empfunden werden, weil es ja »vom Blut her« Deutsche waren. Aber eben Deutsche, deren schiere Anwesenheit an die jüngste Geschichte, an die NS-Verbrechen und den verlorenen Krieg erinnerte. Und weil darüber nicht geredet werden durfte, konnte die Integrationsleistung der Vertriebenen und die der Deutschen nie richtig gewürdigt werden. Deutschland war ein Einwanderungsland, schon immer, und nicht mal ein schlechtes. Nur war es sich dessen nicht bewusst.

Überall Gespenster

Noch bevor die ersten großen Einwanderungswellen kamen, war Deutschland schon voll, geradezu überbevölkert. Es gab Linke und Rechte, Junge und Alte, es gab immer mehr Kinder (bis zum Pillenknick im Jahr 1961), und vor allem gab es: jede Menge Gespenster. All die toten Väter und Opas, die Täter und Mitläufer.

Die 68er attackierten den neuen Staat, als könnten sie damit den vorherigen besiegen, und suchten sich dafür Kampfgenossen, ebenfalls Gespenster: Marx, Engels, Rosa Luxemburg und all die anderen. Die Studenten riefen: »Hoch! Die! Internationale! Solidarität!« Sonderlich international war das alles nicht, gern wurde Geld gesammelt für den Vietcong, nicht so viel anfangen konnte man mit echten Vietnamesen.

Die ersten italienischen und spanischen Gastarbeiter wurden gleich zu Proletariern gestempelt, man sprach mit ihnen in zwei fremden Sprachen, deutsch und kommunistisch.

Aber nicht nur die radikalen, auch die normalen Deutschen hatten so recht keinen Platz für die neuen Fremden. Man ließ sie links liegen, näherte sich ihnen am liebsten folkloristisch, zwei kleine Italiener, die träumten von Napoli. Wie die Deutschen übrigens auch, wenn die Gespenster mal schliefen.