Türkenstolz, endlich

Arbeiten, unter sich bleiben, erdulden und nachts von der fernen Heimat träumen – darin konnte sich auf Dauer das türkische Leben in Deutschland nicht erschöpfen. Schon gar nicht in der dritten und vierten Generation, nicht unter jenen, die an eine Rückkehr in das fremde Land Türkei nicht mehr glaubten, die auch nicht richtig Türkisch sprechen konnten. Viele der jungen Deutschtürken konnten die Arroganz der Deutschen so wenig ertragen wie das Anpassertum der eigenen Eltern, die nach allen Seiten offene Gesellschaft so wenig wie die familiäre Enge. Auf all das gab es verschiedene Antworten, zwei stachen heraus: die literarisch-filmische Rebellion, für die zunächst Feridun Zaimoğlu und Fatih Akin standen, und die dumme, männliche Gewalt und Kriminalität, später oft dekoriert mit einem ebenso fundamentalen wie unverstandenen Islam.

Beide Spielarten der Rebellion kamen sehr männlich daher. Und das in einer Phase, in der sich die Mehrheitsgesellschaft auf den Weg in die Feminisierung machte, wo die deutschen Jungen Ben, Florian oder Jakob genannt wurden und nicht einmal mehr einer Fliege etwas zuleide tun durften.

Die Entfremdung war also unausweichlich, sie ließ sich nun, zu Beginn des neuen Jahrhunderts, nur nicht mehr so gut mit gegenseitiger Ignoranz beantworten, dazu lebten Deutsche und Türken, Erdal und Fabian in den Städten zu nah beieinander. Die Wut nahm zu.

Wie der Türke Muslim wurde

Im Grunde waren die Türken, aus Sicht der Deutschen, die ersten Ausländer, die nicht einfach nur Probleme machten, sondern ein Problem waren. Sie mussten nicht wie die Vertriebenen, die Russland- und die Ostdeutschen als Landsleute angesehen werden, und sie waren nicht so freundlich-flüchtige Gäste wie die Mittelmeermigranten. Nein, der Türke blieb, und er blieb fremd, er war nicht einfach ein Ausländer, er war der Ausländer schlechthin.

Und dann kam auch noch der 11. September 2001. Und es stellte sich heraus: Der Türke ist weder katholisch noch evangelisch, nein, er ist Muslim. Jahrelang war es völlig egal, dass die türkische Putzfrau ein Kopftuch trug. Plötzlich war es eine Ideologie, Teil eines Angriffs.

So wie die deutsche Einheit eine Wiederverausländerung der Türken mit sich brachte, die aggressive dritte Generation eine kulturelle Konfrontation, so bewirkte der neue Großkonflikt zwischen dem Westen und dem Islam eine politische Entfremdung, die vielen jungen Türken eine willkommene Chance zu dramatischer Selbstdarstellung eröffnete. Nicht zuletzt wurde die Türkei selber immer erfolgreicher und immer islamischer.

Im Jahr 2000 machte die rot-grüne Regierung den großen Schritt vom Jus sanguinis zum Jus soli. Nicht wer vermeintlich deutsches Blut hatte, sollte als Deutscher gelten, sondern wer hier geboren war. Das Tor für die Türken war auf. Der 11. September schloss es erst mal wieder.