Mevlüde Genç und ihr Mann Durmuş sagen heute, mehr als 18 Jahre nach dem Brandanschlag auf ihr Haus in Solingen , dass sie nicht eine Sekunde daran gedacht hätten, Deutschland zu verlassen. Auch wenn sie zwei Leben leben: Die eine Hälfte des Jahres verbringen sie in Deutschland, die andere Hälfte in ihrer Heimat in Amasya, im Hinterland der Schwarzmeerküste. Hier, mitten im Pontischen Gebirge, ist die Luft sauber und trocken, sind die Menschen gelassen. Ein guter Ort eigentlich, um das Alter zu genießen, nach Jahren harter Arbeit in der Fremde.

Fünf ihrer Kinder verbrennen in der Nacht des 29. Mai 1993, weil vier junge Männer aus Hass Feuer legen. Zwei eigene Töchter, Gülsüm und Hatice, zwei Enkeltöchter, Hülya und Saime, und eine Nichte, Gülistan, die war zu Besuch aus der Türkei da. Der jüngere Sohn, Bekir, kommt trotz starker Verbrennungen mit dem Leben davon. Er muss 18 Mal operiert werden. Er ist gerade 15 Jahre alt, zwei Jahre lang wird er nicht mehr das Haus verlassen.

Seit diesem 29. Mai 1993 gibt es im kollektiven Bewusstsein der Türken ein Deutschland vor Solingen und eines nach Solingen.

Inzwischen haben Mevlüde Genç und ihr Sohn Bekir gemeinsam eine Wohnung in Amasya gekauft und diese bescheiden, aber freundlich eingerichtet, mit Rollos aus Deutschland. In den Sommerferien kommt der Sohn mit seiner Frau und den Kindern.

Mevlüde Genç hat Joghurtsuppe, Bohneneintopf, Börek und Baklava gemacht. Dazu schwarzen Tee. Ihr Mann Durmuş schenkt nach, sobald die Gläser leer sind. Sie teilen sich die Arbeit. Sie bereitet das Essen zu, er bringt den Müll runter. »Das war bei uns schon immer so. Ich kann mich nicht erinnern, dass mein Mann mich jemals schlecht behandelt hätte«, sagt Mevlüde. Sie sind Cousin und Cousine, die als Jugendliche heirateten.

Als Mevlüde und Durmuş Genç ihre Kinder verloren, hatte der Balkankrieg gerade mehrere Hunderttausend Flüchtlinge nach Deutschland getrieben. Das Land stritt über die »Asylanten« und meinte im Zweifel alle, die schwarzhaarig und dunkelhäutig waren. Die Täter von Solingen fühlten sich als Vollstrecker des Volkswillens. »Ausländer raus«, das dachten damals viele, aber die wenigsten griffen zu Baseballschlägern oder Brandsätzen.

Das alles beschäftigte Mevlüde und Durmuş Genç nicht. »Es gibt gute Menschen, und es gibt böse. Wir werden geprüft. Allah gibt, Allah nimmt. Alnmza yazlmş«, sagt die Frau, es war vorherbestimmt.

Nach dem Tod ihrer Kinder hatte sie so lange geweint, bis sie keine Tränen mehr hatte. Zwei Jahre konnte sie nicht weinen. »Ich bin so dankbar, dass uns unsere beiden Länder nicht alleingelassen haben«, sagt sie und meint: Deutschland und die Türkei. Noch heute kämen an jedem Jahrestag Solinger in ihr Haus, um mit ihnen ihrer toten Kinder zu gedenken. Wenn Mevlüde und Durmuş Genç erzählen, wie dann immer alle als Erstes die Glasvitrine im Wohnzimmer begutachten, wo ihre Bundesverdienstkreuze liegen, bekommen sie fröhliche Gesichter. Das Bundesverdienstkreuz erhalten Männer und Frauen, die sich um das »Vaterland« verdient gemacht haben.

Deutschland hat den Genç gedankt. Dankt ihnen noch heute. Johannes Rau saß als Bundespräsident mit dem Ehepaar zu Hause in Solingen auf dem Sofa. Vor einigen Jahren war der frühere Integrationsminister von NRW Armin Laschet in der Türkei. Gemeinsam sind sie ins Heimatdorf der Genç’ gefahren, nach Mercimek, wo die Kinder beerdigt wurden. Laschet ließ eine Mauer um die Gräber errichten. Die Genç bringen gern Besucher hierher, zeigen die Mauer von Laschet und die Tannen und Apfelbäume aus Deutschland, die Schüler einer Solinger Schule mitbrachten und um die Gräber herum pflanzten.

Nur einer kam nicht. Kam nie. Helmut Kohl, der Gemütsmensch, hatte nicht »Mein Beileid« zu sagen vermocht. Zur Beerdigung erschien er nicht und sprach von »Beileidstourismus«. Renan Demirkan erinnert sich noch sehr gut daran und sagt: »Er sollte sich schämen.«

Mevlüde Genç sagt: »Ich bin ihm nicht böse.«