50 Jahre EinwanderungVor und nach Solingen

Mevlüde und Durmuş Genç sind in Deutschland geblieben. Nachdem fünf ihrer Kinder nach dem Brandanschlag auf ihr Haus in Solingen verbrannt sind. von  und

Mevlüde Genç und ihr Mann Durmuş sagen heute, mehr als 18 Jahre nach dem Brandanschlag auf ihr Haus in Solingen , dass sie nicht eine Sekunde daran gedacht hätten, Deutschland zu verlassen. Auch wenn sie zwei Leben leben: Die eine Hälfte des Jahres verbringen sie in Deutschland, die andere Hälfte in ihrer Heimat in Amasya, im Hinterland der Schwarzmeerküste. Hier, mitten im Pontischen Gebirge, ist die Luft sauber und trocken, sind die Menschen gelassen. Ein guter Ort eigentlich, um das Alter zu genießen, nach Jahren harter Arbeit in der Fremde.

Fünf ihrer Kinder verbrennen in der Nacht des 29. Mai 1993, weil vier junge Männer aus Hass Feuer legen. Zwei eigene Töchter, Gülsüm und Hatice, zwei Enkeltöchter, Hülya und Saime, und eine Nichte, Gülistan, die war zu Besuch aus der Türkei da. Der jüngere Sohn, Bekir, kommt trotz starker Verbrennungen mit dem Leben davon. Er muss 18 Mal operiert werden. Er ist gerade 15 Jahre alt, zwei Jahre lang wird er nicht mehr das Haus verlassen.

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Seit diesem 29. Mai 1993 gibt es im kollektiven Bewusstsein der Türken ein Deutschland vor Solingen und eines nach Solingen.

50 Jahre türkische Einwanderer

Am 30. Oktober 1961 unterzeichneten die Bundesrepublik und die Türkei einen Vertrag über die Anwerbung türkischer Arbeitskräfte. Seit 50 Jahren gibt es also eine gemeinsame Geschichte von Türken und Deutschen, oft hinter Integrationsdebatten verborgen. Und es gibt Geschichten – tragische, heitere und bewegende.

Inzwischen haben Mevlüde Genç und ihr Sohn Bekir gemeinsam eine Wohnung in Amasya gekauft und diese bescheiden, aber freundlich eingerichtet, mit Rollos aus Deutschland. In den Sommerferien kommt der Sohn mit seiner Frau und den Kindern.

Mevlüde Genç hat Joghurtsuppe, Bohneneintopf, Börek und Baklava gemacht. Dazu schwarzen Tee. Ihr Mann Durmuş schenkt nach, sobald die Gläser leer sind. Sie teilen sich die Arbeit. Sie bereitet das Essen zu, er bringt den Müll runter. »Das war bei uns schon immer so. Ich kann mich nicht erinnern, dass mein Mann mich jemals schlecht behandelt hätte«, sagt Mevlüde. Sie sind Cousin und Cousine, die als Jugendliche heirateten.

Als Mevlüde und Durmuş Genç ihre Kinder verloren, hatte der Balkankrieg gerade mehrere Hunderttausend Flüchtlinge nach Deutschland getrieben. Das Land stritt über die »Asylanten« und meinte im Zweifel alle, die schwarzhaarig und dunkelhäutig waren. Die Täter von Solingen fühlten sich als Vollstrecker des Volkswillens. »Ausländer raus«, das dachten damals viele, aber die wenigsten griffen zu Baseballschlägern oder Brandsätzen.

Das alles beschäftigte Mevlüde und Durmuş Genç nicht. »Es gibt gute Menschen, und es gibt böse. Wir werden geprüft. Allah gibt, Allah nimmt. Alnmza yazlmş«, sagt die Frau, es war vorherbestimmt.

Nach dem Tod ihrer Kinder hatte sie so lange geweint, bis sie keine Tränen mehr hatte. Zwei Jahre konnte sie nicht weinen. »Ich bin so dankbar, dass uns unsere beiden Länder nicht alleingelassen haben«, sagt sie und meint: Deutschland und die Türkei. Noch heute kämen an jedem Jahrestag Solinger in ihr Haus, um mit ihnen ihrer toten Kinder zu gedenken. Wenn Mevlüde und Durmuş Genç erzählen, wie dann immer alle als Erstes die Glasvitrine im Wohnzimmer begutachten, wo ihre Bundesverdienstkreuze liegen, bekommen sie fröhliche Gesichter. Das Bundesverdienstkreuz erhalten Männer und Frauen, die sich um das »Vaterland« verdient gemacht haben.

Deutschland hat den Genç gedankt. Dankt ihnen noch heute. Johannes Rau saß als Bundespräsident mit dem Ehepaar zu Hause in Solingen auf dem Sofa. Vor einigen Jahren war der frühere Integrationsminister von NRW Armin Laschet in der Türkei. Gemeinsam sind sie ins Heimatdorf der Genç’ gefahren, nach Mercimek, wo die Kinder beerdigt wurden. Laschet ließ eine Mauer um die Gräber errichten. Die Genç bringen gern Besucher hierher, zeigen die Mauer von Laschet und die Tannen und Apfelbäume aus Deutschland, die Schüler einer Solinger Schule mitbrachten und um die Gräber herum pflanzten.

Nur einer kam nicht. Kam nie. Helmut Kohl, der Gemütsmensch, hatte nicht »Mein Beileid« zu sagen vermocht. Zur Beerdigung erschien er nicht und sprach von »Beileidstourismus«. Renan Demirkan erinnert sich noch sehr gut daran und sagt: »Er sollte sich schämen.«

Mevlüde Genç sagt: »Ich bin ihm nicht böse.«

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Leserkommentare
  1. Kommentar. Nach fünf Tagen versuche ich es.

    Ich gestehe dass ich seit mehr als einer Stunde vor diesem Artikel saß. Unschlüssig was zu schreiben sei. Bestürzt über diese Tat, die so einiges In DE veränderte. Darüber haben allerdings die Autoren geschwiegen.
    Es ist damals viel geschrieben worden über die Schande dieser Tat. Daher verzichte ich darauf dies nochmals zu betonen.

    Erstmals wurde in der Öffentlichkeit, im Fernsehen, den Printmedien eine türkische Frau durch moslemische Organisationen, durch Immame, instrumentalisiert, um mit ihrem Leid Schuldgefühle gegen Deutsche zu wecken. Ihre Interviews wirkten statisch, wie auswendig gelernt. Sie sprach leider stets nur türkisch, wurde simultan übersetzt.
    Und stets waren mosl. Geistliche um sie herum. Ich glaube damals hat sich das Verhältnis zwischen Deutschen und Türken verändert. Und nicht zum Positiven hin.

    In mir ist tiefe Trauer ob dieser Toten.

    Ich selbst habe acht Kinder in die Welt gesetzt. Von daher kann ich den Schmerz der Mutter, Großmutter Mevlude Genc nachvollziehen. Deshalb beende ich meinen Kommentar, obgleich noch vieles zu diesen stattgefundenen Veränderungen zu sagen wäre. Ich beende diesen Kommentar aus Respekt vor diesen Toten.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    gehört im gleichen Jahr, nämlich am 1. Juli 1993, auch die Verstümmelung des Asylrechts zur Drittstaatenregelung (seitdem übrigens nicht mehr den Genfer Konventionen entsprechend). Nach den Mordanschlägen von Hoyerswerda ('91) Mölln ('92) und vor allem dem Pogrom in Rostock-Lichtenhagen Ende August 1992. Übrigens ausgerechnet von Mitgliedern der 'Das-Boot-ist-voll'-Partei als Maßnahme gegen künftige Pogrome verkauft. Das toppt selbst Kohls beschämenden 'Beileidstourismus'-Text noch um Längen. Damit war die Botschaft nämlich klar: in Deutschland sind Ausländer unerwünscht.

    Wer sich über u.a. die mangelhafte juristische Aufarbeitung des Pogroms in Rostock-Lichtenhagen informieren möchte, dem seien zwei Rückblicke 10 und 14 Jahre danach empfohlen: Liane von Billerbeck 'Ich war Teil der Meute' http://www.zeit.de/2002/2... und 'Das Sonnenblumenhaus' von Christoph Koch http://www.christoph-koch...

    Vor allem das hat das Verhältnis zwischen Türken und Deutschen verändert. Angst vorm Angezündet-werden und die stete Vermittlung von Unerwünschtheit sind nämlich keine Besserungsanstalten.

  2. gehört im gleichen Jahr, nämlich am 1. Juli 1993, auch die Verstümmelung des Asylrechts zur Drittstaatenregelung (seitdem übrigens nicht mehr den Genfer Konventionen entsprechend). Nach den Mordanschlägen von Hoyerswerda ('91) Mölln ('92) und vor allem dem Pogrom in Rostock-Lichtenhagen Ende August 1992. Übrigens ausgerechnet von Mitgliedern der 'Das-Boot-ist-voll'-Partei als Maßnahme gegen künftige Pogrome verkauft. Das toppt selbst Kohls beschämenden 'Beileidstourismus'-Text noch um Längen. Damit war die Botschaft nämlich klar: in Deutschland sind Ausländer unerwünscht.

    Wer sich über u.a. die mangelhafte juristische Aufarbeitung des Pogroms in Rostock-Lichtenhagen informieren möchte, dem seien zwei Rückblicke 10 und 14 Jahre danach empfohlen: Liane von Billerbeck 'Ich war Teil der Meute' http://www.zeit.de/2002/2... und 'Das Sonnenblumenhaus' von Christoph Koch http://www.christoph-koch...

    Vor allem das hat das Verhältnis zwischen Türken und Deutschen verändert. Angst vorm Angezündet-werden und die stete Vermittlung von Unerwünschtheit sind nämlich keine Besserungsanstalten.

    Eine Leserempfehlung
  3. Ja, ein trauriges Thema für Deutschland, mit dem man sich nicht gerne auseinandersetzen mag. Ich kann mich noch gut an die schlimme Welle der Ausländerfeindlichkeit Anfang der Neunziger Jahren erinnern, als der Mob sich u. a. in Rostock-Lichtenhagen austobte. Das Bild des Deutschen, der im T-Shirt der deutschen Fußballnationalmannschaft und mit vollgepißten Hosen vor dem Blumenhaus den Hitlergruß zeigt, ist mir unvergessen geblieben: http://666kb.com/i/b55h9c...
    Der Brandanschlag von Mölln nur drei Monate später wäre vielleicht vermeidbar gewesen, wenn die Politik entschlossener reagiert hätte. Stattdessen wurde im Fall von Rostock-Lichtenhagen vom damaligen Innenminister Mecklenburg-Vorpommerns sogar noch Verständnis für die Randalierer zum Ausdruck gebracht: http://de.wikipedia.org/w...
    Vor allem die ausländerfeindliche politische Rethorik, die ja schon in der Parole: "Das Boot ist voll!" seinen vollendeten Ausdruck gefunden hatte, ist in meinen Augen mitverantwortlich für all diese Geschehnisse.

    Nichtsdestotrotz gab es auch eine große Solidarität in der Bevölkerung. Die ersten Lichterketten-Demos gab es nach dem Anschlag von Mölln. Die platten ausländerfeindlichen Parolen hatten letztlich nie eine breitere gesellschaftliche Zustimmung - und sie haben es auch heute nicht, da die gleiche Ausländerfeindlichkeit im Gewand des Bildungsbürgerlichen, als "Kritik" und volkswirtschaftliche Nutzenrechnung getarnt, daherkommt.

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