Vom ersten Tag an freundete er sich mit Nachbarskindern an, begann sofort mit Händen und Füßen zu kommunizieren. »Kein Mensch hat sich damals um das Thema Glauben gekümmert«, sagt Edzard Reuter heute, 76 Jahre später. »Wir waren ja in ein modernes Land mit einer neuen Hauptstadt ausgewandert. Vorbereiten konnten wir uns nicht großartig. Wir wussten nicht, wie die Menschen dort sein würden. Wir mussten sie einfach kennenlernen.«

Er war sieben Jahre alt. Er hatte es nicht schwer, sich einzufinden. Auch wenn die einheimischen Jungen ihn manchmal ärgerten – »blonde Haare, blaue Augen und Beine wie ein Klapperstorch« –, wusste er, dass sie ihn als neuen, fremden Freund akzeptieren. Sein Vater hatte eine gute Arbeit, und so lernten Vater und Sohn die Sprache des neuen Landes schnell.

Die Mutter dagegen schaffte es gerade mal, die fremde Sprache zu radebrechen. Nur so weit, dass sie einkaufen gehen konnte. »Sie ist dort nie wirklich angekommen«, sagt er.

Als Ernst Reuter sich 1935 aus dem Londoner Exil bei seiner Familie in Hannover meldete und sagte: »Wir ziehen in die Türkei«, gingen dem siebenjährigen Sohn Edzard viele Fragen durch den Kopf. Was ist das, die Türkei? Gibt es da wilde Pferde? Für ihn klang es nach Abenteuer, für die Eltern waren es Fragen, die über Leben und Tod entscheiden würden: Die Nazis hatten Ernst Reuter, den Sozialdemokraten, zweimal ins KZ-Haft gesteckt. So ging er fort, um sein Leben zu retten.

Und die Türken, die gerade versuchten, das Erbe des Osmanischen Reiches auszulöschen und einen vollkommen neuen Staat nach westlichem Vorbild zu schaffen, nahmen gern Wissenschaftler, Mediziner oder Architekten aus Deutschland auf. Reuter beriet das türkische Wirtschafts-, später das Verkehrsministerium. »Ich werde nie den Anblick vergessen, als wir mit dem Orient-Express in Istanbul ankamen und mein Vater am Bahngleis auf uns wartete«, sagt der ehemalige Daimler-Vorstandsvorsitzende Reuter. Die Türken hatten die deutsche Familienzusammenführung ermöglicht und dem Vater das Leben gerettet, wie etwa weiteren 1000 von den Nazis verfolgten Deutschen.

Das neue Zuhause der Reuters befand sich im Zentrum der neuen türkischen Republik, in Ankara, damals noch anatolische Steppe mit wenig Asphalt, jeder Regen verwandelte die Straßen in Schlammpfade. Nach und nach zogen einige andere deutsche Exilfamilien in die Gegend, man schloss sich zusammen und ging, wie sollte es in einer deutschen Parallelgesellschaft anders sein, an den Wochenenden gemeinsam wandern. »So kamen wir über eine deutsche Angewohnheit in Berührung mit türkischen Bauern, die uns zum Tee einluden. Wir lernten die Gastfreundschaft kennen, im ursprünglichen Sinn«, sagt Reuter heute und meint: den Gast als Freund anzusehen. »Das war neu für uns, wir kannten es nicht aus Deutschland.« Sehr arme Menschen luden sie ein, teilten, was sie hatten. »Offen zu sein für Fremde, sie nicht abzustoßen, sondern willkommen zu heißen, das habe ich in der Türkei gelernt.«

Als der Krieg ausbrach, hingen die Exilanten ununterbrochen am Radio, um Nachrichten aus der Heimat zu hören. Großdeutscher Rundfunk, BBC. Plötzlich war Deutschland wieder ganz nah für die Familie Reuter. Die Nazis besetzten Griechenland und Bulgarien und standen somit an der türkischen Grenze. Was passiert, wenn die Türken auf der Seite Deutschlands in den Krieg eintreten? Wie reagieren, wenn uns die Nazis ausbürgern? Wohin gehen wir dann? Nach China? Der Druck war kaum auszuhalten. Viele türkische Politiker plädierten dafür, auf der Seite des potenziellen Siegers zu stehen.

Doch die Türken traten nicht an der Seite Deutschlands in den Krieg ein. So konnte die Familie Reuter 1946 unversehrt zurück nach Deutschland. »Das war schlimm für mich«, sagt Edzard Reuter, »ich war gerade 18 und hatte meine Jugend in der Türkei verbracht, hatte meine Freunde dort und musste alles aufgeben.« Aufgeben für ein Land, das vom Krieg zerstört war, wie seine Menschen auch. Es wurde eine Reise in eine andere Welt, die dem jungen Mann fremder war als die einstige Fremde.