Zehn Millionen Türken: Die Furcht des Helmut Schmidt

Als er das erste Mal nach Istanbul kam, war Helmut Schmidt 36 Jahre alt und Abgeordneter im Bundestag. Zwei Hamburger Reeder hatten ihn, den damaligen Verkehrsexperten, gebeten, in die Türkei zu reisen und herauszufinden, ob ein regelmäßiger Schiffsverkehr zwischen der Elbmündung und der türkischen Schwarzmeerküste lohnend wäre.

Also setzte sich Schmidt in sein Auto und fuhr los. Über Nürnberg nach Prag, vorbei an Belgrad bis nach Istanbul, wo er sich einen Fahrer nahm. Dann ging es weiter über Ankara bis an die armenische Grenze. Schmidt wurde schnell klar, dass er den Reedern von ihrem Vorhaben abraten musste. Unterwegs in Anatolien kamen ihm ständig Lkw entgegen, auf deren Windschutzscheiben das Wort Inşallah stand. »Ich kannte das Wort damals nicht und dachte, dass die Wagen immer zur selben Speditionsfirma gehörten.« Er ahnte nicht, wie sehr ihn die Türkei und die Türken später noch beschäftigen sollten.

Auch nicht , als das Anwerbeabkommen vereinbart wurde . Im Oktober 1961 stand er kurz davor, Innensenator in Hamburg zu werden, »die politischen Entscheidungen in Bonn haben mich nicht sonderlich interessiert. Es war ja Ludwig Erhard, der das Ganze in Gang brachte, zunächst als Wirtschaftsminister, später als Bundeskanzler. Deutschland hatte einen Bedarf an Arbeitskräften, was die Löhne ansteigen ließ. Das wollte er verhindern.«

Interessiert hat Schmidt das Anwerbeabkommen erst, als er Bundeskanzler wurde. Als es zur Krise kam. »Die Sache wurde 1973 das erste Mal schwierig. Ich war damals Finanzminister in Bonn, und wir hatten wegen der Ölkrise mit Arbeitslosigkeit zu kämpfen. Gleichzeitig kamen weiterhin Gastarbeiter. Wir haben die Anwerbung gestoppt. Aber nicht ganz rigoros. Den Familiennachzug haben wir aufrechterhalten. Aber wir waren auf diese vielen Ausländer nicht vorbereitet.«

Für die Türken war Deutschland seit je das gelobte Land. Ein Vertreter der Bundesanstalt für Arbeit, der Anfang der sechziger Jahre die Türkei häufiger bereiste, schrieb: »Es gibt kein zweites Land, das sich hier eines so großen moralischen, zivilisatorischen und technischen Ansehens erfreut wie Westdeutschland.« Deutschland sah die Neuankömmlinge zunächst als Arbeitsreserve, später vor allem als Problem, das man nicht mehr so einfach loswurde. Nicht einmal mit Geld. 10000 Mark bekamen Türken, die freiwillig zurückkehren wollten. Nach dem Anwerbestopp holten viele erst recht ihre Familien nach, weil sie befürchteten, dass Deutschland womöglich bald die Schotten ganz dicht machen könnte.

»Die Deutschen haben das Problem der Integration von Ausländern lange Zeit nicht begriffen. Sie haben in absolut unzureichender Weise Integrationshilfen geleistet. Das gilt bis auf den heutigen Tag. Ich mache mir selber Vorwürfe deswegen. Aber auch allen anderen. Wir haben das nicht gut gemacht. Es kommt noch dazu, dass einige der jungen Türken sich gar nicht integrieren wollen. Nur die, die wirklich mit Energie an sich arbeiten, bringen es zu einem guten Schulabschluss oder schaffen es zu studieren. Da hat es sehr an Hilfe durch die deutschen Behörden gefehlt. Und ganz oben in der Politik hat es an Verstand und an Verständnis für das Problem gefehlt«, sagt Schmidt heute.

Es gab noch etwas, das damals Sorge bereitete. Einerseits interessierten Schmidt die Türkei und ihre regionale Bedeutung seit seiner ersten Reise für die Reeder. Er wollte der türkischen Wirtschaft helfen. »Auf der anderen Seite konnten wir sie nicht unbegrenzt aufnehmen. Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, welcher türkische Staatsmann es war, der mir mal sagte: ›Wissen Sie, Herr Schmidt, bis zum Ende des Jahrhunderts müssen wir noch zehn Millionen Türken nach BRD exportieren, wir haben zu viele Menschen.‹ Das hat mich erschreckt. Denn ich wusste, wir Deutschen sind nicht in der Lage, sie alle zu integrieren. Wir haben uns der Integration, insbesondere der Türken, nicht gewachsen gezeigt. Wir haben ihnen nicht ausreichend geholfen.« Deshalb, sagt er, sei es ein Fehler gewesen, die Gastarbeiter überhaupt nach Deutschland geholt zu haben.