Der erste deutsche Türke, der einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde, hieß mit Vornamen Günter und mit Nachnamen Wallraff, geboren in Burscheid bei Köln, evangelisch getauft. Der Journalist hatte sich, getarnt als Türke, unter dem Namen »Ali« ins Leiharbeiter-Milieu begeben. Wallraff war damals ein Linker, man könnte sagen, ein Klassenkämpfer, jedenfalls kein Multikulti-Anhänger, er war auf der Suche nach Unterdrückung und Ausbeutung – und fand die Türken, die letzten Proletarier gewissermaßen. Muslime fand er nicht. »Religion«, sagt Wallraff heute, »spielte damals überhaupt keine Rolle.«

Er schrieb ein Buch über seine deprimierenden Erfahrungen unter deutschen Chefs. Die Türken, auch »Ali«, mussten die niedrigsten und gefährlichsten Arbeiten verrichten und bekamen dafür nicht einmal Sicherheitsschuhe und einen Schutzhelm.

Als Wallraff das Manuskript fertig hatte, gab es erst mal eine Enttäuschung: Alles kalter Kaffee, meinte der Lektor, so was verkauft sich nicht. Es fand sich dann doch ein Verlag. Das Buch mit dem Titel Ganz unten erschien 1985, es wurde zu einer Sensation und zum Skandal. Es verkaufte sich schneller, als die Druckereien liefern konnten, im Ruhrgebiet standen Menschen vor den Buchläden Schlange, die sonst nur ein Telefonbuch besaßen. Ingesamt erreichte das Buch eine Auflage von fünf Millionen Stück. »Sarrazin ist dagegen ein Fliegenschiss«, sagt Wallraff heute trocken.

»Ali« Wallraff ist seitdem ein Held der Deutschtürken, auch eine Art Kummerkasten. Doch blieb diese Beziehung nicht ungetrübt. Denn Wallraff ist ein Überzeugungstäter, er hat ein ungeheures Sensorium für Unrecht, und wenn er es entdeckt, kennt er keine Lager mehr. Darum versteckte er in seiner Kölner Wohnung für eine Weile auch Salman Rushdie. Der Schriftsteller wurde für seinen Roman Satanische Verse vom iranischen Religionsführer Chomeini 1989 mit einer Fatwa, einem Todesurteil, belegt und flieht seither um die Welt. Als vor einigen Jahren die muslimische Gemeinde in Wallraffs Viertel Ehrenfeld eine große Moschee bauen wollte, machte der seine Unterstützung davon abhängig, dass er dort auch Rushdies Verse vorlesen dürfte. Seitdem gibt es Streit zwischen den Türken und ihrem deutschen Türken Günter. »Religion spielt keine Rolle«, dachte Wallraff 1985. Tut sie doch. Auch so kann Entfremdung entstehen: Der Agnostiker Wallraff mag die Türken, die Muslime nicht ganz so.