Der gute Draht zum Kanzler stammt noch aus Jugendjahren. Damals gab Faymann in Wien die Schülerzeitung Spukschloss Henrietta heraus, Fellner in Salzburg den Rennbahnexpress. »Da trifft man sich, da kennt man sich. Da gibt es Freundschaften, die halten über viele Jahre«, sagte Faymann 2008. Ende der siebziger Jahre machte der spätere SPÖ-Kommunikator Joe Kalina die Schülerzeitung Spektrum. Das billige Büro im Jugendzentrum Zeltgasse teilte er sich mit den Fellner-Brüdern, die dort den Rennbahnexpress weiterproduzierten.

Als Fellner Anfang 2000, mittlerweile gefeierter Macher der Verlagsgruppe News ein Grundstück für eine Konzernzentrale suchte, sei er beim Wiener Vizebürgermeister Bernhard Görg von der ÖVP vorstellig geworden, wie sich dieser erinnert: »Zu mir hieß es, man erwarte sich, dass sich die Stadt an so einem wichtigen Projekt beteiligt. Ich sagte, die Stadt würde blöd ausschauen, wenn jeder so daherkäme. Gegenleistung wurde mir aber keine angeboten.« Im Anschluss zog die Magazingruppe als Hauptmieter in den Generali-Tower am Donaukanal – für einen Quadratmeterpreis von rund 16 Euro. Untermieter des Verlags wurde im ersten Stock das Wiener Wohnservice von Wohnbaustadtrat Werner Faymann – für einen Quadratmeterpreis von 31,60 Euro. Die Dienststelle von Faymann war schon in den Jahren zuvor ein Großkunde des Magazinverlegers. Nun wurde die Miete für 12,5 Jahre im Voraus entrichtet: 2,7 Millionen Euro, ohne Abzinsung. Görg erkannte »eine versteckte Förderung von News«: »Für mich war zum ersten Mal diese Art und Weise greifbar, sich die Medien gefügig zu machen.« Anders gesagt: Das System Faymann, eng verzahnt mit dem System Fellner – ein Apparat zur gegenseitigen Interessenoptimierung.

Als der Strahlemann aus dem Rathaus dann 2007 als Verkehrsminister in die Regierung wechselte, so erinnert sich ein ehemaliger Mitarbeiter, sei das Wiener System einfach bundesweit ausgedehnt worden: »Man hat weiterhin den Unternehmen geraten, wo sie inserieren sollen, bis man draufgekommen ist, dass das nicht mehr so leicht geht.« Trotz anfänglicher Widerstände aus dem Asfinag-Vorstand flossen nun von dort die Inserate – vor allem an Kronen Zeitung und Österreich. Glaubt man Fellners Kontrahenten, dem Kurier-Chefredakteur Helmut Brandstätter, so hat Österreich bisher etwa 35 Millionen Euro an Werbegeld der öffentlichen Hand erhalten. Kein geringer Betrag. Das Finanzierungsvolumen bei der Neugründung betrug laut Austria Presse Agentur 70 Millionen Euro, 50 Millionen davon kamen in Krediten von acht heimischen Banken, allen voran der Bank Austria. Das Anfangskapital war rasch weggeschmolzen, der Laden musste refinanziert werden. Wer heute die Verbindlichkeiten aus Fellners verzweigtem Firmengeflecht addiert, kommt auf eine Summe von mehr als 200 Millionen Euro. Wie viel davon nur zur internen Verrechnung in den Büchern steht, lässt sich nicht ergründen.

Schon seit Langem spart die Zeitung radikal. Das ging so weit, dass aus der Redaktion sogar die Trinkwasserbehälter entfernt wurden. Andererseits gab es genug Geld, um den Grabenkampf am Boulevard mit Zähnen und Klauen zu führen. Wegen abgedruckter Interviews, die gar nicht oder nicht wie geführt erschienen sind (zuletzt war das am Sonntag bei dem Buchautor Hugo Portisch der Fall), setzte es Niederlagen vor Gericht. Im Kampf um die Auflage bediente sich Österreich auch direkt bei der Konkurrenz, deren Berichte und Bilder regelmäßig abgekupfert wurden, sollten die eigenen Reporter eine Story verpasst haben. Das fiel auch den Redakteuren der Kronen Zeitung auf, und sie beschlossen, die Mitesser aufs Glatteis zu führen. Sie veröffentlichten Polizeifotos eines Mordopfers, die zuvor in der Bildredaktion farblich kräftig verändert worden waren. Und tatsächlich: Genau so erschienen die Fotos in zwei Ausgaben von Österreich. Laut Mediaprint, dem gemeinsamen Verlagshaus von Kronen Zeitung und Kurier, ist die Anzahl der laufenden Klagen mit der Österreich-Gruppe dreistellig.

Auf dem politischen Parkett trat Fellner stets als aktiver Werber von Inseraten in Erscheinung. Der Abgeordnete Karl Öllinger erinnert sich an ein »erpresserisches« Angebot zu News-Zeiten, über das im Bundesvorstand der Grünen diskutiert wurde: »Fellner hat gesagt, entweder ihr inseriert bei uns, oder wir schreiben euch nieder.« Erst vor rund einem Jahr soll ein Ordner in der Österreich-Kantine aufgetaucht sein, so ein Augenzeuge, der ein Angebot an den Landeshauptmann des Burgenlandes, Hans Niessl, enthalten habe: Die Gegenleistung für eine sechsstellige Kooperationssumme sei freundliche Berichterstattung. »Absoluter Blödsinn«, sagt Niessl unwirsch am Telefon: »Mir ist das nicht bekannt.« Kritische Berichte über Niessl sucht man in Österreich nach seiner Wiederwahl im Mai 2010 jedenfalls vergeblich. »Er hat sehr viel bei uns geschaltet – was schon ungewöhnlich ist«, meint eine Exredakteurin. In von der ÖVP dominierten Bundesländern ist von solchen Angeboten nichts bekannt. Im rot regierten Salzburg ist ein Anruf in Erinnerung, in dem Fellner eine Kooperation angeboten habe; er werde dann wegen der Tendenz der Berichterstattung in der Redaktion »Bescheid sagen«, habe er ergänzt. Fellner selbst war zu keiner Stellungnahme zu bewegen.

Redaktionsmitglieder erzählen, dass Druck auch aus anderer Richtung gekommen sei. War der niederösterreichische Landesfürst Erwin Pröll einmal mit der Berichterstattung nicht zufrieden, habe es wütende Anrufe und Drohungen gegeben, Inseratenaufträge zu stornieren. Von Auftragsartikeln wird berichtet. Von Zeitdruck und Schreitiraden. Von viel Peitsche ohne Zuckerbrot. Nach fünf Jahren Österreich herrscht Frust bei vielen Mitarbeitern, sofern sie noch an Bord sind. Von ursprünglich 200 redaktionellen Mitarbeitern ist noch etwa die Hälfte übrig. An Wochenenden sind ganze Ressorts oft nur mit einer Person besetzt. Findet im gläsernen Kobel über dem Newsroom die Redaktionskonferenz statt, bleibt unten niemand mehr übrig, um ans Telefon zu gehen.

Ein neuer Dichand ist Fellner nicht geworden. Das einst ambitionierte Zeitungsprojekt vermüllt heute die Wiener U-Bahn. Immerhin schlägt sich das zur Gratiszeitung mutierte Blatt passabel bei der nationalen Reichweite. Mit 10 Prozent liegt es auf Platz vier, hinter der Grazer Kleinen Zeitung (11,3 Prozent) und der Gratiskonkurrenz heute (12,9 Prozent). Dem allmächtigen Giganten Kronen Zeitung, der trotz Verlusten immer noch 37,9 Prozent der Zeitungsleser vereinnahmt, reicht der Parvenü vom Boulevard gerade mal bis zu den Kniekehlen. Claus Reitan, heute Chefredakteur des Wochenblatts Furche, zieht nüchtern Bilanz: »Die heimischen Medienbetriebe haben den Kampf gegen die Gratisblätter verloren. Sonntags wird ohnehin nur mehr aus den Klaubeuteln gefladert. Für eine Kulturnation ist das ein Desaster, für Medienunternehmen ein ökonomisches Dilemma.«

Unbeantwortet bleiben hingegen die Fragen über die politische Kultur, über Macht und ihre journalistische Kontrolle. Warum verbergen sich die Firmengeflechte, in deren Eigentum sich Österreich und heute befinden, in privaten Stiftungen? Warum ist ausgerechnet der Steuerberater Günther Havranek – dem angeblich treuhändisch die Mehrheit an heute gehört – damit beauftragt, Strukturen und Personal der Bundes-SPÖ umzukrempeln? Wer Böses denkt, den soll der Berlusconi holen. Für die 60 Lehrredakteure bei Österreich – zu Beginn auch liebevoll »Sklaven« genannt – hatte ihr Schuften einen Vorteil. Sie verließen das Haus ohne jede Illusion: über Österreich, die Revolverzeitung, ebenso wie über die Republik gleichen Namens. Die matschige Bezeichnung Bananenrepublik könnte auch durch Kürbisstaat ersetzen werden. Weil man mit dem Kürbis alles machen kann.