Rem Koolhaas Geht’s ’ne Nummer kleiner?
Der Architekt Rem Koolhaas hat Riesenbauten geplant. Ein Gespräch über die Grenzen der "bigness".
ZEITmagazin: Herr Koolhaas, wann hat Ihr Büro zuletzt etwas Kleines gebaut?
Rem Koolhaas: Wir planen immer wieder kleine Gebäude. Gerade bauen wir ein Krebsvorsorgezentrum in Glasgow, das nur aus ein paar Räumen besteht. Ich bin an kleinen Gebäuden sehr interessiert, weil man da mit Neuem experimentieren kann. Bei kleinen Gebäuden ist es zum Beispiel wichtig, wie sich der Innenraum zum Außenraum verhält. Das Gebäude in Glasgow entsteht um einen Birkenhain herum. Bei großen Bauten wäre so etwas nicht möglich.
ZEITmagazin: Der Neubau für das Chinesische Staatsfernsehen in Peking, den Sie konstruiert haben, ist mit 470.000 Quadratmetern das weltweit zweitgrößte Bürogebäude – nach dem Pentagon in Washington. Woher kommt der Hang zu immer mächtigeren Häusern?
Koolhaas: Mich hat diese Frage schon 1994 umgetrieben, deshalb habe ich einen Essay über bigness geschrieben. Zehn Jahre später haben wir angefangen, riesige Gebäude zu planen. Ich glaube, es gibt zwei Gründe für diese Entwicklung. Zum einen ist es einfach machbar, so groß zu bauen. Durch die Stahlbauweise lassen sich Bauten in jeder Größenordnung verwirklichen, durch Klimaanlagen sind dem Volumen keine Grenzen mehr gesetzt. Das Entscheidende aber ist, dass heute nur noch nach ökonomischen Kriterien geplant wird.
ZEITmagazin: Viel bringt viel?
Koolhaas: Je größer die Nutzfläche ist, desto besser lässt sie sich vermarkten. Das hat dazu geführt, dass in China Gebäude mit einer Geschossfläche von einer halben Million Quadratmetern schon fast der Standard bei neuen Projekten sind.
ZEITmagazin: Wie kam es zu diesem Größenwahn?
Koolhaas: Um das zu erklären, muss man früh ansetzen: In Europa lebte man zunächst in kleinen Häusern, später wurden sie mehrstöckig. Größere Gebäude waren fast immer sakralen Zwecken vorbehalten, später kamen Paläste und Parlamente hinzu. Stets war ein Gebäude einer bestimmten Nutzung zugeordnet. Das änderte sich im 20. Jahrhundert, als die Amerikaner das Hochhaus erfanden. Plötzlich gab es Gebäude, die so groß waren, dass sie viele Aktivitäten und Funktionen gleichzeitig umfassen konnten. Irgendetwas verschwindet, irgendetwas kommt immer hinzu. Der Leitsatz form follows function gilt auf einmal nicht mehr. Seitdem werden kommerzielle Gebäude immer seltener für eine bestimmte Nutzung gebaut, sondern einfach so groß wie möglich. Man vertraut darauf, dass sich die Gebäude von selbst mit Sinn füllen.
ZEITmagazin: Aber es gibt doch jede Menge Diskussionen darüber, wie heute gebaut werden soll. Man denke nur an die Frage der Energieeffizienz und Nachhaltigkeit. Hat das keine Auswirkungen auf die Planungen?
Koolhaas: Wenn man genug investiert, kann man auch ein großes Gebäude nachhaltig gestalten. Es kostet viel Geld, ein Gebäude so zu planen, dass die Luft auf natürliche Weise zirkuliert und man darin mit Tageslicht arbeiten kann. Und diese Kosten müssen erst wieder erwirtschaftet werden.
ZEITmagazin: Wäre es nicht ein erster Schritt, kleiner zu planen?
Koolhaas: Ja, das meine ich auch. Aber es ist nicht nur die Größe, die mich stört. Es ist die Künstlichkeit. Diese Gebäude bestehen aus Räumen, die von der Umwelt abgeschnitten sind, Licht und Klima müssen künstlich erzeugt werden. Wenn wir Wege fänden, das natürlich zu lösen, mit Sonnenlicht und natürlicher Ventilation, dann könnte man auch große Bauten nachhaltig planen. Es ist also nicht generell etwas gegen riesige Gebäude zu sagen – das Problem ist, wie sie umgesetzt werden.
ZEITmagazin: In New York wird am Ort des früheren World Trade Center das höchste Hochhaus der USA gebaut. Gefällt es Ihnen?
Koolhaas: Ich würde das Original bevorzugen.
- Datum 21.10.2011 - 06:57 Uhr
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- Quelle ZEITmagazin, 20.10.2011 Nr. 43
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Nach dem Lesen von Interviews mit Rem bin ich immer zwiegespalten. Er sagt viele nette Dinge die Hoffnung geben und dann ein zwei Tage später sehe ich einen neuen Wettbewerbsbeitrag von O.M.A. für irgendeine asiatische Stadt und begreife nicht wie das mit seinen Thesen vereinbar sein soll. Auch wenn er hier den Unschuldigen miemt, er hat einen wichtigen Anteil am Giganto-Bauwahn der letzten 10 Jahre in Asien, das CCTV-Gebäude ist nur die Spitze des Eisbergs.
Schön das er sich selber schon die Frage stellt was aus diesen Riesengebäuden werden soll und wer in diesen künstlichen Welten arbeiten oder leben soll. Westliche Architekten haben in Asien die letzten 10 Jahre mit ihren Gebäuden in Summe Stadträume und -strukturen entwickelt, die wir hier in Europa nie ertragen würden und das mit einer Ausführungsqualität bei der die große Frage ist ob das neu errichtete in 40 Jahren überhaupt noch stehen wird.
So, so, ausgerechnet der Mann, welcher in Zusammenarbeit mit Ole Scheeren, Chinas staatlichem Propagandasender das CCTV Headquarters schenkte entdeckt plötzlich so etwas wie eine soziale Ader? Man sollte sich von der uniformen, nach außen zur Schau getragenen Rollkragenpulloveraskese nicht täuschen lassen. Rem Koolhaas gehört wie Le Corbusier oder Jean Nouvel zum Establishment alter Männer, die mit vermeintlich philosophischen Weisheiten ihren Größenwahn zu kaschieren versuchen. An nichts als Ihren Taten kann man sie bemessen. Und das reflexhafte Gejammer über die Einflußnahme der Bauherren, oder - Gott behüte - womöglich der Bevölkerung, ist als Ausrede für schlechte Architektur auch mehr als überstrapaziert. Niemand zwingt Sie dazu, Herr Koolhaas, für irgendein Regime tätig zu werden, außer ihrer eigenen Eitelkeit vielleicht. Ihre fromme Rede von Bescheidenheit hält selbst einer schnellen Bildersuche via Google und dem, was sie zutage fördert nicht stand. Eine Ansammlung monströser Trümmer, geknickt, verglast, verspiegelt, oder das Rak Exhibition and Convention Centre, Darth Vader wäre begeistert...
Der Ruf nach Beschränkung auf das Wesentliche gilt demzufolge auch eher den Betonwürfeln, in denen das Proletariat haust, welches partout nicht einsehen will, daß jemand, der unter einer Brücke schlafen muß, froh über die Wohnung in einem dieser Arbeiterschließfächer wäre. Es braucht eine ganz neue Generation von Architekten, das wäre wirklich eine Revlution.
http://www.zeit.de/lesera...
Vor Jahren schon habe ich mich zum Thema 'Sozialder Wohnungsbau' an Herrn Ole Scheeren gewandt, sein Büro antwortete, dass die Aufträge nicht seinen finanziellen Vorstellungen entsprächen.
Nicht reden, Herr Koolhaas, sondern tun. Sie sind ein freier Mensch, dazu noch einer mit Einfluss und Kapital. Wer, wenn nicht Sie ...
Kann mich den Vor-Kommentatoren nur anschließen. Es ist immer leichter darüber zu Sprechen als zu Handeln. Allerdings gibt es schon vielversprechende Projekte dieser Art von weit unbekannteren Architekten. Ob man da wirklich immer einen Star-Architekten benötigt ist fraglich. Siehe dazu dieses Beispiel in New Orleans: http://tinyurl.com/6fpejhf
Zum Konzepieren von Gebäuden die mehr Lebens-Platz bieten als Genutzt wird, ist dies nur reinster Proll unserer Zeit. Wenn man an japanische Architekturbauten denkt: Mit ihren minimalen Platzangebot wo jeder Quadratmeter sinnvoll genutzt wird und dennoch ein großes Raumgefühl breit macht. Alles eine Frage der Planung mit Licht, Materialien und der Wohnstruktur. Ich denke über Kurz oder Lang wird es auch eine Verschiebung zum minimalistischen Lebensraum auch in Europa geben.
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