DIE ZEIT: Herr Ochel, Juristen, Mediziner und Theologen stellen das Studium nicht auf das Bachelor-Master-System um, sondern bleiben beim Examen. Schaden Sie damit der Bologna-Reform ?

Joachim Ochel: Kirchen und theologische Fakultäten haben die Schaffung eines gemeinsamen europäischen Hochschulraums immer befürwortet. Die Form der Umsetzung ist es, die der Reform schadet. Es ist einfach widersinnig, alle Studiengänge in eine Sechs-plus-vier-Semester-Struktur pressen zu wollen. Eine Reform der Reform ist überfällig, das haben die Proteste der Studenten deutlich gezeigt.

ZEIT: Was ist am Bachelor-Master-System denn so widersinnig in Bezug auf das Theologiestudium?

Ochel: Der Pfarrberuf erfordert ein mindestens fünfjähriges Studium. Für Studenten auf Bachelorniveau kann die Kirche keine adäquaten Anstellungsmöglichkeiten anbieten. Deshalb strukturieren wir den Studiengang Evangelische Theologie zwar in Modulen und bewerten die Leistungen mit ECTS-Punkten, werden aber keinen Bachelorabschluss nach dem sechsten Semester einführen. Den gibt es nur für den Lehramtsstudiengang in Evangelischer Theologie und weitere theologische Studiengänge – nicht jedoch für angehende Pfarrer.

ZEIT: Was ist mit Pfarramtskandidaten, die nach sechs Semestern merken, dass sie lieber etwas anderes machen wollen? Sie stehen dann im Gegensatz zu ihren Kommilitonen ohne Abschluss da.

Ochel: Es gibt eine ganze Reihe von gestuften Studiengängen mit hohem theologischem Anteil – zum Beispiel »Geschichte und Theologie des Christentums« an der Universität Leipzig. Zuvor gesammelte Leistungspunkte werden in diesen Studiengängen angerechnet, sodass ein Umstieg leicht möglich ist.

ZEIT: Könnte man die Zwischenprüfung nicht einfach in Bachelor umbenennen? 

Ochel: Die Zwischenprüfung im Theologiestudium dient vorrangig der Orientierung. Einem Studenten, der in den ersten drei Jahren hauptsächlich Griechisch, Hebräisch und Latein sowie Grundkenntnisse und Methode lernt, kann man noch keine berufliche Qualifikation attestieren, was mit dem Bachelortitel geschieht.

ZEIT: Aber ist es wirklich sinnvoll, alle Studieninhalte am Ende zu prüfen statt in Häppchen über das Studium verteilt? Viele Theologiestudenten lernen ein ganzes Jahr für das Examen.

Ochel: Wir wollen kein Fließband-Studium mit Dauerstress und vielen Prüfungen am Ende jedes Semesters. Wir wollen kompetente Theologen ausbilden, die wesentliche Studieninhalte miteinander verknüpfen können. Diese Kompetenz wird in der großen Abschlussprüfung nachgewiesen. Teilweise besteht übrigens sogar die Möglichkeit, Prüfungselemente vorzuziehen.

ZEIT: Ein Vorteil der neuen Abschlüsse ist, dass man zwischen Bachelor und Master die Uni wechseln kann...

Ochel: Da sind wir der Bologna-Reform gewissermaßen zuvorgekommen, weil wir schon von den 1990er Jahren an für alle deutschen theologischen Fakultäten und Kirchlichen Hochschulen gemeinsame Rahmen- und Prüfungsordnungen erstellt haben. Deshalb ist der Uni-Wechsel im Theologiestudium so einfach wie wohl in keinem anderen Fach. Das gilt auch für Auslandssemester. Denn im Theologiestudium sind bis zur Zwischenprüfung 25 Prozent und in den drei Jahren danach 33 Prozent der Inhalte frei wählbar – und können deshalb ganz unkompliziert im Ausland studiert werden.

ZEIT: Wenn die theologischen Fakultäten der Bologna-Reform in diesem Punkt schon zuvorgekommen sind – was könnten Verantwortliche sonst noch von Ihren Studienkonzepten lernen?

Ochel: Vertrauen, dass Studierende in der Lage sind, ihr Studium sinnvoll mitzugestalten, und Mut zu flexibleren Strukturen: Ein Bachelor-Master-System ist für etliche, aber nicht für alle Studiengänge sinnvoll. Eine künstliche Vereinheitlichung schränkt nur die Berufsperspektiven ein. Sollte mehr Flexibilität um der Studenten willen da nicht möglich sein?

Die Fragen stellte Gabriele Meister