Etwa 1.100 Kombinationsmöglichkeiten für Bachelorfächer sind ganz schön viel für eine Uni mit 18.000 Studenten, 114 Bachelorangeboten und 35 Masterstudiengängen. Es ist nur eine Rechnung, die die Uni Bielefeld da aufstellt: So viele Kombinationsmöglichkeiten hat ein Student dort theoretisch vom Wintersemester an. Möglich wird das unter anderem dadurch, dass alle Bachelormodule künftig einheitlich groß sein sollen und es pro Modul nur noch eine Prüfung geben soll statt wie bisher häufig zwei oder drei Prüfungen. Außerdem kann in einem individuellen Ergänzungsbereich jeder Student aus dem gesamten Studienangebot Module wählen, die ihn interessieren. Ob ein Mathematiker sich hier für Physik oder Kunstgeschichte entscheidet, bleibt ihm überlassen. Und die Anwesenheitspflicht will man an der Uni Bielefeld abschaffen. Schließlich gehe es nicht darum, dass die Studenten ihre Zeit absitzen.

Mit ihrer grundlegenden Reform will die Uni auf die Kritik der Studenten reagieren, die sich seit Jahren darüber beschweren, dass viele Bachelorstudiengänge zu unstrukturiert und mit Prüfungen überfrachtet sind. Vor knapp zehn Jahren begann die Uni Bielefeld mit der Umstellung ihrer Studiengänge auf das Bachelor-Master-Modell. Nun werden sie umstrukturiert: »Wir wollen die negativen Aspekte des Bologna-Prozesses aus dem Weg räumen«, sagt Gerhard Sagerer, der Rektor der Uni. Aber wie funktioniert das in der Praxis? Sind die Änderungen wirklich so massiv, wie die Mitteilung der Uni glauben lässt? Oder ist alles nur eine gute Marketingstrategie?

Am besten können das die Studenten selbst beurteilen. Lisa Brockerhoff, 26, hat Biologie und Deutsch auf Lehramt in Bielefeld studiert. Sie war studentische Vertreterin in der Lehrkommission Germanistik und hochschulpolitische Referentin des Asta. Sie findet, dass die Uni bei der Abschaffung der Anwesenheitspflicht ein bisschen geschummelt und sich ein Schlupfloch gelassen hat. In den neuen Regelungen stehe nämlich drin, dass der Dozent die faktische Anwesenheit überprüfen darf, wenn er dies für notwendig hält. Der individuelle Ergänzungsbereich gefällt ihr im Prinzip gut. Den gab es auch schon vor der Reform, doch nur im Umfang von 18 Leistungspunkten. Jetzt umfasst er 30 Leistungspunkte. »Allerdings müssen wir uns immer für ein zusammenhängendes Modul entscheiden.« Und: Die Naturwissenschaftler müssen 20 der 30 individuelle Leistungspunkte in ihrer eigenen Fakultät absolvieren. Ganz so individuell ist der individuelle Ergänzungsbereich für sie also nicht.

Die größten Änderungen gibt es in den Lehramtsstudiengängen, denn hier musste zusätzlich das neue Lehrerausbildungsgesetz für Nordrhein-Westfalen berücksichtigt werden. Dazu gehört insbesondere ein höherer Praxisbezug mit einem Schulpraktikum, das die Studenten möglichst vor Studienbeginn absolvieren sollen. Alexander Helsch, studentisches Mitglied in der Lehrkommission Geschichte, sieht das Praktikum kritisch: »Eigentlich sollen die Abiturienten durch das Praktikum feststellen, ob sie für den Lehrerjob geeignet sind. Aber würde ihnen tatsächlich jemand sagen, dass sie ungeeignet sind?«