BachelorEndlich wieder frei studieren

Eine Reform an der Universität Bielefeld bringt den Studenten mehr Möglichkeiten von Catalina Schröder

Etwa 1.100 Kombinationsmöglichkeiten für Bachelorfächer sind ganz schön viel für eine Uni mit 18.000 Studenten, 114 Bachelorangeboten und 35 Masterstudiengängen. Es ist nur eine Rechnung, die die Uni Bielefeld da aufstellt: So viele Kombinationsmöglichkeiten hat ein Student dort theoretisch vom Wintersemester an. Möglich wird das unter anderem dadurch, dass alle Bachelormodule künftig einheitlich groß sein sollen und es pro Modul nur noch eine Prüfung geben soll statt wie bisher häufig zwei oder drei Prüfungen. Außerdem kann in einem individuellen Ergänzungsbereich jeder Student aus dem gesamten Studienangebot Module wählen, die ihn interessieren. Ob ein Mathematiker sich hier für Physik oder Kunstgeschichte entscheidet, bleibt ihm überlassen. Und die Anwesenheitspflicht will man an der Uni Bielefeld abschaffen. Schließlich gehe es nicht darum, dass die Studenten ihre Zeit absitzen.

Mit ihrer grundlegenden Reform will die Uni auf die Kritik der Studenten reagieren, die sich seit Jahren darüber beschweren, dass viele Bachelorstudiengänge zu unstrukturiert und mit Prüfungen überfrachtet sind. Vor knapp zehn Jahren begann die Uni Bielefeld mit der Umstellung ihrer Studiengänge auf das Bachelor-Master-Modell. Nun werden sie umstrukturiert: »Wir wollen die negativen Aspekte des Bologna-Prozesses aus dem Weg räumen«, sagt Gerhard Sagerer, der Rektor der Uni. Aber wie funktioniert das in der Praxis? Sind die Änderungen wirklich so massiv, wie die Mitteilung der Uni glauben lässt? Oder ist alles nur eine gute Marketingstrategie?

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Am besten können das die Studenten selbst beurteilen. Lisa Brockerhoff, 26, hat Biologie und Deutsch auf Lehramt in Bielefeld studiert. Sie war studentische Vertreterin in der Lehrkommission Germanistik und hochschulpolitische Referentin des Asta. Sie findet, dass die Uni bei der Abschaffung der Anwesenheitspflicht ein bisschen geschummelt und sich ein Schlupfloch gelassen hat. In den neuen Regelungen stehe nämlich drin, dass der Dozent die faktische Anwesenheit überprüfen darf, wenn er dies für notwendig hält. Der individuelle Ergänzungsbereich gefällt ihr im Prinzip gut. Den gab es auch schon vor der Reform, doch nur im Umfang von 18 Leistungspunkten. Jetzt umfasst er 30 Leistungspunkte. »Allerdings müssen wir uns immer für ein zusammenhängendes Modul entscheiden.« Und: Die Naturwissenschaftler müssen 20 der 30 individuelle Leistungspunkte in ihrer eigenen Fakultät absolvieren. Ganz so individuell ist der individuelle Ergänzungsbereich für sie also nicht.

Die größten Änderungen gibt es in den Lehramtsstudiengängen, denn hier musste zusätzlich das neue Lehrerausbildungsgesetz für Nordrhein-Westfalen berücksichtigt werden. Dazu gehört insbesondere ein höherer Praxisbezug mit einem Schulpraktikum, das die Studenten möglichst vor Studienbeginn absolvieren sollen. Alexander Helsch, studentisches Mitglied in der Lehrkommission Geschichte, sieht das Praktikum kritisch: »Eigentlich sollen die Abiturienten durch das Praktikum feststellen, ob sie für den Lehrerjob geeignet sind. Aber würde ihnen tatsächlich jemand sagen, dass sie ungeeignet sind?«

Leserkommentare
  1. Dann wurde die Überschrift geändert. Für ein solches Vorgehen ist schon so mancher Doktorhut verloren gegangen.

    Es wäre besser, wenn die Artikel für eine gewisse Zeit mit einem Schreibschutz versehen wären. Der Redaktion hätte ich mehr Humor zugetraut.

    • oooo
    • 25. Oktober 2011 12:11 Uhr

    Es gibt diese Lehrer, deren Horizont nur noch knapp über das Abiturwissen hinausreicht. Weil ihr Studium schon zu lange her ist oder weil sie eine schlechte Ausbildung hatten.
    Normalerweise fällt das in der ersten oder zweiten Stunde auf, wenn der Lehrer auf eine kluge Frage nur patzige Antworten hat. Der Unterricht verläuft dann bestenfalls ereignislos, weil der Lehrer sowieso nur das weiß, was auch im Schulbuch steht. Ein Chemielehrer hatte mal Probleme, das Spannungsmessgerät für ein Experiment nicht in Reihe zu schalten. Und ein Mathelehrer hat uns das ganze Jahr redundante Definitionen auswendig lernen lassen.

    Wenn Lehrer ihr Fach aber wirklich lieben und gründlich studiert haben, dann haben sie meistens auch etwas zu sagen. Mein bester Physiklehrer war promovierter Physiker. Diese Lehrer schaffen sich allein durch ihr Wissen den nötigen Respekt. Den Schulstoff haben sie nicht nur verstanden, sondern durchblickt und können ihn von allen Seiten beleuchten. Eine schwierige Frage bringt sie nicht aus dem Konzept. Sie diskutieren gerne, denn sie haben wissenschaftliches Arbeiten gelernt.
    Kurz: Man lernt gut und gerne bei Lehrern, die ihr Fach studiert haben.

    @Klaus Dieter : Kurvenintegrale sind essenzielles Handerkszeug für Naturwissenschaftler und Ingenieure. Wer sie nicht verstanden hat, hat keine Ahnung von Integration. Höhere Mathematik wäre dann Maßtheorie

  2. Das sind dann die Lehrer, die ihren Schülern im Stoff gerade mal eine Woche voraus sind und jede Motivation der besseren Schüler abtöten, weil dies ihrem Konzept widerspricht und sie überfordert. Dann muss an der Hochschule oder in der Ausbildung von null angefangen werden.

    Besser unterrichtsfreie Zeit als Unterricht mit solchen Lehrern. Wobei Mathematik schon ein Sonderfall ist: Ist man als Schüler einmal abgehängt, findet man keinen Neueinstieg wir in anderen Fächern; man muss fehlenden Stoff meist komplett nachholen. Vielleicht ist da ein viel stärkerer Zweiklassenunterricht geboten: Auf der einen Seite die guten Schüler, die man fordert, die von guten Lehrkräften unterrichtet werden; auf der anderen diejenigen, bei denen das Ziel im Verstehen eines Einkaufszettels besteht. Dort reichen dann auch Schmalspurlehrer aus.

    Antwort auf "Details"
    • checkox
    • 18. Dezember 2011 19:36 Uhr

    Die Anwesenheitspflicht wurde (bis auf Sonderfälle) abgeschafft, die Module haben alle jeweils 10 LP, in Fächern wie Soziologie und PoWi gibt es eine angenehme Mischung aus Essays, Prüfung, Hausarbeit etc.
    Viel wichtiger ist meiner Meinung nach aber: In Bielefeld gibt es benotete und unbenotete Einzelleistungen (= "Prüfungen"). Im Ergänzungsbereich ist es bspw. so, dass man eine Studienleistung erbringt (in einer Vorlesung z.B. zum Thema x 2 Fragen beantworten/1 Seite schreiben). Sprich: Man hat nicht überall den Druck, auf Gedeih und Verderb auf eine 1 hin zu arbeiten. DAS macht es meiner Meinung nach recht angenehm dort zu studieren.

    Der Ergänzungsbereich ist etwas enttäuschend, aber besser als nichts. So darf man im Umfang von 10 LP völlig frei wählen, weitere 10 LP als vorstrukturiertes Modul und nochmal 10 LP als Mischung eines Moduls aus dem eigenem Fach und dem Modul eines anderen Fachs.
    Zur einigermaßen studifreundlichen Prüfungsordnung weitere Infos hier: http://blogs.uni-bremen.d...

    Fazit: Deutlich entspannter als die Schulzeit, relativ viel Freiheit, insgesamt recht wenig Druck. Leider eine übervolle Uni. Es ist nicht perfekt, es ist immer noch eine Ausbildung, es ist immer noch unglaublich viel vorgegeben (bspw. 7 von 9 Modulen in Soziologie). Aber man hat halbwegs die Möglichkeit sich selbst zu bilden, kann Druck wegnehmen (die 50 bis 100 zu lesenden Seiten pro Woche sollte man nicht immer so ernst nehmen). Es ist okay.

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