Wenn Nicolai Böker von der Uni nach Hause kommt, sieht er auf den Gängen weißhaarige Frauen und graubärtige Männer. Er läuft über sauber polierte Böden und durch frisch gelüftete Flure. Böker ist 21 Jahre alt und wohnt seit einigen Tagen in einem Seniorenheim in Hannover. Der Jurastudent hat Glück gehabt, als er die Wohnungsanzeige des Eilenriedestifts auf der Uni-Homepage sah. Für 25 Quadratmeter mit Küche und Bad zahlt er 230 Euro im Monat. »Ich habe mir die Wohnung angeschaut und sofort angenommen«, sagt Böker. Er hatte bereits am Telefon viele Absagen für Zimmer kassiert, die er sich noch nicht einmal anschauen konnte, weil sie schon vergeben waren. Nun ist er froh, dass er sich bei Wohnungsbesichtigungen nicht mehr mit 30 anderen Studenten um ein Zimmer streiten musste.

Der Wohnungsmarkt in Uni-Städten ist in diesem Wintersemester wohl so stark umkämpft wie nie zuvor. Der doppelte Abiturjahrgang in Bayern und Niedersachsen und die Aussetzung der Wehrpflicht lassen die Studentenzahlen und damit auch die Nachfragen nach günstigen Wohnmöglichkeiten explodieren. Die Studentenwerke reagierten auf den Ansturm mit Anzeigen in Zeitungen und Appellen: Eltern riefen sie auf, leer stehende Kinderzimmer zu vermieten, und Vermieter baten sie, die Studenten stärker zu berücksichtigen. Oft gibt es kostenlose Privatzimmerbörsen oder Angebote für alternative Wohnformen wie etwa »Wohnen gegen Hilfe«, bei der Studenten ihre Miete in Form von Haus- oder Gartenarbeit zahlen.

Doch an einigen Hochschulstandorten helfen auch all diese Maßnahmen nicht weiter. Dann richten die Studentenwerke Notquartiere ein. In München waren die 79 Schlafplätze bereits nach einem Tag belegt. Zehn Euro zahlen die Bewohner pro Nacht. Dafür gibt es ein Matratzenlager, Trennwände für ein bisschen Privatsphäre, pro Person eine Lampe, einen Stuhl, einen Papierkorb und eine Steckdose. In Heidelberg kostet die erste Nacht auf dem Klappbett in einem Raum mit drei oder vier anderen Personen acht Euro, für die folgenden Nächte zahlt man je vier Euro. Duschen müssen sich die Bewohner allerdings im nahe gelegenen Sportinstitut.

Schuld an der Wohnungsmisere ist auch die Bologna-Reform

Eine Teilschuld an der Misere auf dem studentischen Wohnungsmarkt habe das Gesamtsystem, sagt Georg Schlanzke, Leiter des Referates Wohnen beim Deutschen Studentenwerk: »Viele Studenten erhalten ihre Zulassungen erst zwei bis drei Wochen vor Studienbeginn. Wie wollen sie denn in dieser Zeit eine Wohnung finden?« Die Nachfrage nach Wohnheimplätzen sei vor allem zu Beginn des Wintersemesters hoch. Verschärft wird die Situation indirekt durch die Bologna-Reform , weil es kaum mehr Studiengänge gibt, die im Sommer starten. Dies führe zu einer extremen Nachfrage im Wintersemester. Schlanzke rät den Studenten, nicht die Nerven zu verlieren. In einigen Wochen werde sich die Situation wieder verbessern.

Steffen Veigel sucht schon seit sechs Wochen ein Zimmer in Köln, wo er einen Master macht. Mehr als zehn Mal am Tag geht der 25-Jährige ins Internet, schaut nach, ob es neue Angebote gibt. 27 Wohnungen hat er sich bereits angesehen, doch bislang hat er nur ein Zimmer zur Zwischenmiete – für einen Monat. »Einmal wurde ich mit 20 Leuten durch eine WG geführt. Ständig kam und ging jemand. Ich wusste gar nicht mehr so richtig, wer jetzt eigentlich dort wohnte und wer sich bewarb.« In jedem Zimmer schauten sich Menschen um, sogar auf dem Balkon. Als sich Veigel vorstellen wollte, sagten die Bewohner nur, sie könnten sich seine Angaben ohnehin nicht merken, und er solle Fragen auf einem Bewerbungszettel beantworten: Also schrieb er auf, wer er ist, was er studiert, wie er auf Facebook zu finden ist, wer sein Lieblingssportler ist und wer sein Lieblingspolitiker. »Ich habe von der WG nichts mehr gehört, nicht einmal eine Absage erhalten«, sagt der Masterstudent, der Mühe hat, sich die Suche nicht allzu sehr zu Herzen gehen zu lassen.